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Wo die Stille greifbar ist

Nach dem Krieg war Fugau dem Erdboden gleichgemacht worden. Der einstige Friedhof liegt brach. Jetzt soll er ein Denkmal werden.

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Von Carina Brestrich und Katja Zimmermann

Ein rotes Windlicht ist der einzige Zeuge. Zeuge dafür, dass sich wohl vor nicht allzu langer Zeit jemand über die moosigen Steine und durch das dichte Gestrüpp des Fugauer Friedhofs gekämpft hat. Die Natur hat sich die Ruhestätte über die Jahrzehnte wieder zurückgeholt. Und damit auch das Einzige, was noch von der Gemeinde Fugau im heutigen Tschechien übrig geblieben ist. Der ehemals böhmische Ort, der auf einer schmalen Landzunge zwischen Taubenheim und Neusalza-Spremberg lag, ist selbst längst tot: Die deutsche Bevölkerung wurde nach dem Zweiten Weltkrieg aus Fugau (tschechisch Fukov) vertrieben, das Dorf mit 150 Häusern dem Erdboden gleichgemacht. Seitdem verfällt auch der Friedhof: Neben dessen Mauer und dem Gedenkstein in der Mitte sind nur einzelne Grabeinfassungen übrig. Die Trümmer der gesprengten Kirche liegen herum, das Unkraut wuchert.

Doch dieser Zustand wird sich schon bald ändern: Der Friedhof wird ab diesem Frühjahr wieder hergerichtet. Möglich wird dies durch die Zusammenarbeit von Tschechen und Deutschen. Und eine Finanzspritze des Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds. So ging bei der Stadt Šluknov (Schluckenau), zu der die Landzunge gehört, kürzlich ein Fördermittel-Bescheid ein. Der Fonds steuert umgerechnet 7 300 Euro zur Gesamtsumme von 14 570 Euro bei. Der Rest kommt aus Sluknov.

Auch Gottfried Engel aus Oppach freut sich über die Restaurierung des Friedhofs: Er war vier Jahre alt, als er mit seiner Familie Fugau verlassen musste. Später ließ sich die Familie wie viele Fugauer in den umliegenden Orten wie Oppach und Neusalza-Spremberg nieder. Ein ganz besonderer Bezug zu dem Friedhof, der von Oppach aus über die Grenzstraße zugänglich ist, blieb für den heute 73-Jährigen aber immer. Nicht nur, weil einige von Engels Ahnen dort beerdigt wurden. „Mein Urgroßvater Ignatz Salm war Baumeister und hat den Friedhof 1885 errichtet.“ Auch sein Grab befindet sich auf dem Friedhof. „Wie durch ein Wunder ist sein Grabstein als einziger erhalten geblieben“, sagt Gottfried Engel, der in der Oppacher Umgebung einer von schätzungsweise noch 40 Fugauern ist.

Neue Linden werden gepflanzt

Für die Wiederherstellung des Friedhofs hat Engel, der 2004 und 2006 zwei Bücher über seine Heimat herausgegeben hat, den Planern eine Skizze von 1879 überreicht. An ihr haben sich die Ingenieure orientiert. So ist geplant, die großen Linden, die zuletzt 1945 gestutzt wurden, zu fällen und durch 26 neue zu ersetzen. Außerdem wird das Gelände begradigt und ein Sandweg parallel zu den Mauern über den Friedhof führen, erklärt Ingenieurin Iva Jaburková. An dem Weg werden des Weiteren 14 große Steine mit römischen Zahlen aufgestellt. Sie stammen aus den Trümmern der 1960 neben dem Friedhof gesprengten Kirche und erinnern an die Stationen des Kreuzweges. Um Informationstafeln kümmert sich die Gemeinde Sohland, die sich später auch um die Pflege des Rasens und der Bäume kümmert.

Bis Juni, so die Planungen, dauern die Arbeiten auf dem Friedhof an. Feierlich übergeben wird er schließlich am 18. Juli im Rahmen eines Freiluft-Gottesdienstes beim traditionellen Fugau-Treffen. Zu diesem kommen ehemalige Bewohner des Ortes aller zwei Jahre zusammen. Auch Gottfried Engel wird dann dabei sein: „Es ist schön, dass die nachfolgenden Generationen daran erinnert werden, dass dieses Stückchen Land tatsächlich einmal belebt war“, sagt er. Und möglicherweise wird es nicht nur bei der Sanierung des Friedhofs bleiben. Wie Sluknovs Bürgermeisterin erklärt, gibt es weitere Ideen. So möchte ihre Gemeinde bereits im nächsten Jahr erste Schritte gehen, die Fläche der ehemaligen Kirche neben dem Friedhof zu gestalten.