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Wo die Weidenkirche in den Himmel wächst

Sie mussten ihre Zelte abbrechen am gestrigen Nachmittag. Doch es war nur der heftige Frühlingswind, der dazu führte, dass das Bauzelt kurzerhand abgebaut werden musste. Marcel Kalberer und seine Mitarbeiter...

Von Gabriel Wandt

Sie mussten ihre Zelte abbrechen am gestrigen Nachmittag. Doch es war nur der heftige Frühlingswind, der dazu führte, dass das Bauzelt kurzerhand abgebaut werden musste. Marcel Kalberer und seine Mitarbeiter arbeiten weiter fleißig an der Weidenkirche, die seit dieser Woche zwischen Viadukt und Löbauer Wasser auf dem Landesgartenschaugelände entsteht.

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Kurz bevor der Wind zur Unterbrechung der Arbeiten zwingt, steht Marcel Kalberer auf dem kleinen Gerüst und zieht mit aller Kraft an einem dicken Strick. Stück für Stück rücken die beiden ersten Bögen aus Weidenruten dichter aneinander, bis sie fest verzurrt sind. Die anderen sechs Bögen sind derweil fast fertig, liegen rund um die künftige Weidenkirche bereit. Heute sollen sie aufgestellt werden. Nächste Woche werden noch größere darüber gesetzt, und am Sonntag vor Ostern soll dieser erste Teil der Arbeiten geschafft sein. Dann steht der Teil, der im kommenden Jahr üppig grün sein und die Besucher unter die Zweige einladen soll.

Die Weidenkirche ist ein Projekt der Löbauer Kirchgemeinden; die evangelische hat dabei die Federführung. „Etwas mit Weiden“ – dieser Tipp erreichte Pfarrer Friedrich Krohn, und der fand die Idee gut. Über die Kulturinsel Einsiedel entstand der Kontakt zu Marcel Kalberer, der seit zehn Jahren in Deutschland und zunehmend auch in anderen Ländern Gebäude aus Weidenruten errichtet. Gemeindevertreter und der Weidenbauer haben das Konzept abgesprochen, und jetzt wird gebaut. Acht Meter hoch und zehn Meter breit wird die Kuppel, mit viel Weidengrün als Dach und ohne Zelt, das den Blick zum Himmel versperrt. Die Zelte werden vor der Kuppel auf Weidensäulen gespannt. Dort können sich die Besucher hinsetzen, einen Blick in die Kuppel werfen – und natürlich die Weidenkirche betreten. Sie soll zur Ruhe und Besinnung einladen. Tägliche kurze Andachten sind geplant, zu den Öffnungszeiten der Gartenschau sollen Ansprechpartner für die Besucher da sein. Über weitere Ideen wollen sich mehrere ostsächsische Gemeinden und kirchliche Einrichtungen in den nächsten Wochen verständigen.

Die Löbauer Weidenkirche ist das 70.Bauwerk, das Marcel Kalberer, Architekt aus der Schweiz, errichtet. Seine spektakulärsten Bauwerke hat er allesamt in Ostdeutschland errichtet: In Auerstedt bei Weimar, in Rostock oder im Spreewald. Hier seien Veranstaltungsräume gebraucht, sei es einfacher, an große Grundstücke heranzukommen – und seien die Menschen experimentierfreudiger, ist Marcel Kalberers Eindruck. Der kennt hier zudem mittlerweile eine ganze Menge Leute, zum Beispiel Andreas Stegemann, den Technischen Direktor des Zittauer Tierparks. Er hat schon beim Weidendom für die Internationale Gartenausstellung 2003 in Rostock mitgearbeitet – und ist jetzt wieder mit auf der Baustelle. Das Bögenbinden macht Spaß, und bei den wenigen Kilometern Entfernung war schnell klar, dass Stegemann an der neuen Weidenkirche mitbaut.

Marcel Kalberer indes unterstreicht den sozialen Charakter seiner Bauwerke. Ökologisch sollen sie sein, aber auch sozial. Daher sind auf der Baustelle fast täglich zwischen fünfzehn und zwanzig ehrenamtliche Helfer dabei. Menschen aus der Region, die über soziale Projekte den Kontakt zur Kirchenbaustelle gefunden haben. Ihnen erläutert Kalberer sein Anliegen und versucht, ihnen das Arbeiten mit der Natur nahe zu bringen. Das gelingt in Löbau ganz praktisch: Die Weiden, aus denen die Kirchenbögen gebunden werden, stammen nicht nur vom Gartenschaugelände selbst, sondern auch aus dem kleinen, wildgewachsenen Wäldchen, das erst vor wenigen Tagen an der Sachsenstraße gerodet worden ist.

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