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Wo die Wiege der Berufsschule steht

In Kamenz wurde die erste gewerbliche Lehranstalt Sachsens errichtet. Das BSZ feiert deshalb 175. Geburtstag.

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Von Frank Oehl

Die Berufsschule spielte sich früher vor allem sonntags ab. Kein Wunder, mussten die Innungen in der Woche doch ihrer möglichst einträglichen Arbeit nachgehen. Mehr schlecht als recht, wie es in einem Bericht der Königlich Sächsischen Amtshauptmannschaft der Oberlausitz vom 31. Juli 1833 anklingt. Die „wackersten und tüchtigsten Fabrikanten und Handwerker“ seien nicht imstande, einen „verständlichen wohlgeordneten Geschäftsbrief“, eine „vollständige Quittung“ oder auch nur die „richtige Berechnung der gefertigten Arbeit“ vorzulegen. Diese Bestandsaufnahme ließ die Landesregierung nicht kalt: Eine Bildungsanstalt müsse her, hieß es, „in der die Besucher zu intelligenten Fabrikanten und Handwerkern ausgebildet werden“. Das war die Geburtsstunde der geordneten Berufsausbildung in Sachsen – und Kreißsaal und Wiege standen tatsächlich in Kamenz. Deshalb erhält das Jubiläum „175 Jahre berufliche Bildung in Kamenz“, das in dieser Woche gefeiert wird, einen besonderen Stellenwert. Die SZ hat ein paar Fakten recherchiert:

Beim Ehemaligen- treffen im BSZ Kamenz waren auch Manfred und Liselotte Neef zu Gast. Beide haben hier 1953 als Lehrer angefangen, sie für fünf Jahre, ihr Mann sogar bis 1989. Zuletzt war er an der Kreis-Landwirtschaftsschule tätig.
Beim Ehemaligen- treffen im BSZ Kamenz waren auch Manfred und Liselotte Neef zu Gast. Beide haben hier 1953 als Lehrer angefangen, sie für fünf Jahre, ihr Mann sogar bis 1989. Zuletzt war er an der Kreis-Landwirtschaftsschule tätig.

In der Talstraße wird 1838 die erste Gewerbeschule Sachsens eröffnet

Am 17. April startet die erste „gewerbliche Sonntagsschule für die königlich-sächsische Vierstadt Kamenz“, die in der katholischen Schule in der Talstraße, also ganz in der Nähe des heutigen BSZ, eingerichtet wird. Später kommen Außenstellen in der Poststraße, in der Lessingschule, im Hotel Stadt Berlin in der Oststraße, in der Militärschule, in der Handelsschule an der Hohen Straße und in der landwirtschaftlichen Schule in der Goethestraße hinzu. 1855 übernimmt die Schulaufsicht das Königliche Ministerium für Kultus. Das Schulgesetz 1873 macht aus der „Sonntagsschule“ die „gewerbliche Fortbildungsschule“.

Die Berufsschuleinrichtungen in Kamenz platzten bald aus allen Nähten

Das Interesse an lehrplangestützter beruflicher Ausbildung wächst beständig. Das zeigt sich an den Schülerzahlen. 1858 sind in Kamenz 103 Schüler in 26 Ausbildungsberufen registriert. Allein 32 von ihnen wollen Tuchmacher werden, neun Schmied, acht Tischler und sechs Böttcher. 1878 wird eine gewerbliche Zeichenschule eingerichtet, 1920 folgt die allgemeine Berufsschulpflicht auch für Mädchen, nach dem 2. Weltkrieg die Landwirtschaftsschule, auch „Winterschule“ genannt, weil in dieser Zeit die Theorie gebüffelt wurde.

Seit Anfang der 50er-Jahre ist die Hohe Straße Berufsschulhauptstandort

Mit einem Schulerweiterungsbau in der Hohen Straße wurde 1951 die Grundstruktur des heutigen BSZ geschaffen – mit Vollzeitunterricht. Die Berufsschule des Landbaukombinats ab 1966 bot schon acht Berufsrichtungen an, darunter auch Facharbeiter für Schreibtechnik und Wirtschaftskaufmann. 1970 wurde ein Lehrlingswohnheim mit 90 Betten errichtet, auch die 4. POS kam in der Hohen Straße mit unter.

Nach der Wende erfolgte hier der Ausbau zum Berufsschulzentrum

Anfang der 90er-Jahre entsteht die Berufsbildende Schule Kamenz aus mehreren Einrichtungen. Am 16.1. 1991 wird das technische und das Wirtschaftsgymnasium eingerichtet, später kommen Fachoberschulen dazu. Das neue BSZ wächst schnell, wodurch ein zusätzliches Schulgebäude in der Jahnstraße (ab 1999) nötig wird. Das Haus in der Hohen Straße wird mit Aula umgebaut. Angegliedert werden später die Berufsschule Laubusch und das BSZ Pulsnitz. 2010 zieht der Holzbereich von dort in die Jahnstraße um. Die Schülerzahl ging seit der Jahrtausendwende dennoch von 1350 auf heute etwa 600 zurück. Schulleiter Christoph Koban: „Die Talsohle haben wir durchschritten. In den nächsten Jahren geht es wieder leicht bergauf.“

Das BSZ Kamenz steht heute auf fünf gleichberechtigten Standbeinen

Das Profil des BSZ bilden heute die Berufsschulen für Farbtechnik & Raumgestaltung, Holztechnik und Wirtschaft & Verwaltung, die Berufsfachschule für Pflegehilfe, die Fachoberschule für Wirtschaft und Verwaltung, das Berufliche Gymnasium und die Fachschule für Holztechnik. Koban: „Wir sind dafür, dass die Berufsbildung in der Fläche erhalten bleibt.“ So könne man sich auch ein Engagement bei der Berufsausbildung mit Abi vorstellen. Die jüngsten Umzugsideen seitens des Schulträgers, des Landkreises Bautzen, wurden eher skeptisch aufgenommen. Die neue Schulstandortvariante für Kamenz wird jetzt gutachterlich bewertet.

Die Festwoche geht am Freitag mit einem Festakt nebst Festball zu Ende

Für das Schuljubiläum haben die Schüler selbst in engagierter Projektarbeit eine Chronik erstellt. Sie wird am Freitag ab 11 Uhr beim Festakt in der Aula, an dem auch Landrat Michael Harig und OB Roland Dantz teilnehmen, vorgestellt. Am Dienstag gab es an gleicher Stelle ein Ehemaligentreffen, das viele ehemalige Lehrer vereinte. Und am Freitagabend klingt die Festwoche mit einem Ball auf der Hutberg aus. Koban: „Als Dankeschön, zu dem auch ehemalige Schüler eingeladen sind.“