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Wo diese Frau forscht, ist der Wurm drin

Vier von fünf Tieren auf der Erde sind Fadenwürmer. Karin Hohberg half jetzt mit ihren Bodenproben, das herauszufinden.

Karin Hohberg sitzt oft am Mikroskop. Nur hier kann sie ihre Lieblingstiere, die Fadenwürmer, in ihrer Winzigkeit erkennen und untersuchen.
Karin Hohberg sitzt oft am Mikroskop. Nur hier kann sie ihre Lieblingstiere, die Fadenwürmer, in ihrer Winzigkeit erkennen und untersuchen. © Daniela Pfeiffer

Der hier sieht doch aus wie einer aus der Muppet-Show, sagt Karin Hohberg und schmunzelt. Vor ihr liegt eine Übersicht von Fadenwürmer-Beschreibungen. Die winzigen Bodentierchen haben es der Wissenschaftlerin angetan, schon seit sie studierte. „Ich habe mich in sie verliebt“, sagt sie. Wegen ihrer Vielfalt, wohl auch wegen der Geheimnisse, die es um sie noch gibt. Lange wusste man nicht genau, wie viele es von den Würmern – in der Fachsprache Nematoden genannt – weltweit gibt. Wie viele Arten sind es, wo kommen sie vor, wie beeinflussen sie das Leben.

Seit mehr als 20 Jahren ist Karin Hohberg nun im Senckenberg Institut für Naturkunde in Görlitz – als festes Mitglied des renommierten Bodenforscherteams. Zahllose Bodenproben hat sie über die Jahre gesammelt und untersucht. Viele aus Deutschland, aber auch eine aus der Arktis, die eine Kollege ihr mitbrachte, hat sie unter dem Mikroskop untersucht. So wie das auch ihre Kollegen über die Jahre getan haben, die über die Welt verstreut, zum gleichen Thema forschen. Ein Schweizer und ein deutscher Wissenschaftler hatten schließlich vor etwa zwei Jahren die Idee, all diese Daten zusammenzubringen. 70 Forscher schickten also ihr Material – auch Karin Hohberg aus Görlitz. Datenbanken wurden angelegt, Computer erstellten Modelle. In der Fachzeitschrift „Nature“ erschien nun ein Beitrag, der die Ergebnisse dieser Arbeit zusammenfasst. Ergebnisse, die bei Karin Hohberg und ihren Kollegen Begeisterung auslösen. Nicht nur, weil jetzt sämtlich Wissen zu Fadenwürmern einmal zusammengetragen wurde und auch für Jedermann greifbar ist. Sondern weil sich die tatsächliche Dimension und die Bedeutung der Winzlinge, die Frau Hohberg so liebt, herausgestellt hat. „Obwohl wir wussten, das Nematoden in sehr hoher Anzahl auftreten – oft mehr als eine Million pro Quadratmeter Boden in unseren Breiten – sind die Ergebnisse verblüffend“, sagt sie. 

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So viele Fadenwürmer gibt es, dass sie in Zahlen ausgedrückt für das menschliche Gehirn gar nicht greifbar sind. „Vier komma vier mal zehn hoch 20“, nennt Karin Hohberg die Zahl aber spaßeshalber doch mal. Besser vorstellbar vielleicht so: Auf jeden der 7,7 Milliarden Menschen kommen 57 Milliarden Fadenwürmer. Oder: Vier von fünf Tieren auf unserem Planeten sind Fadenwürmer. Alle Würmer zusammen bringen 300 Millionen Tonne auf die Waage. Das entspricht 80 Prozent der Masse der Weltbevölkerung. Aber Karin Hohberg glaubt, dass das nur ein Teil ist, dass es deutlich mehr Fadenwürmer gibt, als nachgewiesen werden konnten. Wahrscheinlich kennen die Forscher nun ein Hundertstel aller Arten. Aber warum sind sie so wichtig? „Ohne sie hätten wir nichts zu essen. Sie setzen organisches Material um, zum Beispiel Blätter und sind so für die Nährstoffkreisläufe im Boden unabdingbar. Kleine Heinzelmännchen, die für uns arbeiten, ohne dass wir sie bezahlen und die wir doch schlecht behandeln.“ Zwar gibt es auch schädliche Fadenwürmer – solche, die Pflanzen schädigen – aber die Mehrzahl sei nützlich. Aktuell forscht Karin Hohberg im Rahmen eines größeren Verbundprojektes daran, was menschliche Einflüsse wie landwirtschaftliche Bodennutzung und der Einsatz von Pestiziden für Auswirkungen auf Nematoden haben. „Meine These ist, dass wir zahlenmäßig gar keine Auswirkungen nachweisen können, aber es werden weniger Arten.“ Manche Fadenwürmer-Arten seien extrem robust und können selbst unter schwierigsten Bedingungen überleben, andere aber verschwinden.

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