SZ +
Merken

Wo endet der Spaß?

Die Zittauer Inszenierung des Kammerspiels „Revanche“ lässt erschrecken und jubeln.

Von Ines Eifler
 4 Min.
Teilen
Folgen
Rache des betrogenen Ehemanns oder nur ein Spiel? Andrew Wyke (Tilo Werner) bedroht Milo Tindle (Florian Graf) zumindest so, dass der nicht mehr an Spiel glaubt.
Rache des betrogenen Ehemanns oder nur ein Spiel? Andrew Wyke (Tilo Werner) bedroht Milo Tindle (Florian Graf) zumindest so, dass der nicht mehr an Spiel glaubt. © Foto: Pawel Sosnowski

Diese Schüsse haben es in sich. Das Publikum erschrickt ordentlich bei der Premiere von „Revanche“ am Sonnabend im Zittauer Theater und hüpft auf den Sitzen, als es knallt. Doch was ist hier Mord, was Teil einer hinterhältigen Intrige? Was ist noch Spiel und was reiner Psychoterror?

Die Zittauer bringen das geniale Kriminalkammerspiel „Revanche“ des Briten Anthony Shaffer auf die Bühne, das 1971 in den USA als bestes Theaterstück ausgezeichnet und zweimal verfilmt wurde, beide Male mit Michael Caine, aber in verschiedenen Rollen. Anthony Shaffer schrieb auch die Drehbücher der drei Agatha-Christi-Verfilmungen „Tod auf dem Nil“, „Das Böse unter der Sonne“ und „Rendezvous mit einer Leiche“, jeweils mit Peter Ustinov in der Rolle des Detektivs Hercule Poirot. Ähnlich spannend und voller Überraschungen ist „Revanche“ in der Inszenierung der Regisseurin und Schauspielerin Patricia Hachtel, die seit 2015 immer wieder am Gerhart-Hauptmann-Theater in ihren beiden Berufen arbeitet.

Dabei beginnt das Stück ganz freundlich und zaghaft mit einer Verabredung des wohlhabenden Krimiautors Andrew Wyke (Tilo Werner), der seine Ehefrau satthat, und des jungen, mittellosen Reiseveranstalters Milo Tindle (Florian Graf), der genau diese Frau liebt. Der Ältere schlägt dem Jüngeren vor, sich freundschaftlich zu einigen und das Ganze mit einem fingierten Einbruch, Juwelenraub und Versicherungsbetrug zu verbinden, damit alle etwas davon haben. Was zunächst wie ein fantasievoller, dramaturgisch gut durchdachter Plan des Krimiautors aussieht, verwandelt sich bald in eine Szenerie der Demütigung, genährt von tiefen Ängsten, Kränkungen und sadistischen Wünschen. Entsprechend gewalttätig ist die Revanche des Jüngeren, die den Autor mit voller Wucht treffen wird. Florian Graf und Tilo Werner gelingt eine sehr klare und präzise Darstellung dieser beiden Männer, die sich in ihren Fähigkeiten zu psychischer Grausamkeit und Rache nicht viel nehmen. Besonders die Rolle des jungen Milo, der von fast kindlicher Offenheit über Todesangst bis zur Lust am Quälen eine weite Bandbreite an Gefühlen durchlebt, ermöglicht es dem 31-jährigen Florian Graf, sich als enorm wandlungsfähigen Schauspieler zu zeigen. Auch in den komischen Szenen – Anthony Shaffers Humor ist englisch und schwarz – ist er höchst überzeugend.

Gebührt die Sympathie des Zuschauers zunächst diesem jugendlichen Liebhaber, der an die wahre, sich selbst genügende Liebe glaubt und sich naiv zu einem schlechten Deal überreden lässt, kippt dies später ins Gegenteil. Dann erwacht leises Mitleid mit dem betrogenen Andrew, der einer Frau außer Reichtum und Eitelkeit nur wenig bieten kann. Dann weiß man nicht genau, ob man den jungen Milo nun immer noch mag. Tilo Werner stattet den selbstverliebten Autor und Spieler Andrew mit jovialer Selbstbeherrschung aus, aber auch seine Nervosität in höchster Verzweiflung wirkt geradezu ansteckend.

In diesem spannenden psychologischen Verwirrspiel um männliche Versagensängste haben die Darsteller jede Menge Text zu bewältigen, der nie langatmig wird (Dramaturgie: Gerhard Herfeldt), den sie manchmal beeindruckend rasant sprechen und der manchmal prägnante Sätze enthält, die im Gedächtnis haften bleiben. „Das Knüpfen einer Intrige bedeutet mir mehr als Liebe“ ist zum Beispiel so ein Satz. Oder: „Spiele niemals dasselbe Spiel noch einmal.“ Dieser Satz ist am bezeichnendsten für das Ende, das die beiden Männer schließlich ereilt.

Spielte die erste Verfilmung des Stückes von 1972 in einem großen, reich ausstaffierten englischen Schloss mit Treppen, Winkeln, Teppichen, beweglichen Puppen und Theaterkostümen, war der zweite Film von 2007 in kühler, wenig möblierter Atmosphäre angesiedelt. Für die Zittauer „Revanche“ hat Leonore Pilz ein ebenso klares, schnörkelloses Bühnenbild gestaltet, das ohne Umbau auskommt, aber mehrere Ebenen hat, mit Fantasie ein Hinterzimmer erahnen lässt und mit kleinen Filmen einer Überwachungskamera, sogar bis nach draußen reicht. All dies – der Text, die Darstellung, die Atmosphäre – ließ das Publikum nach der Premiere aufstehen, jubeln und lange applaudieren.

Wieder am 23. Januar., 1., 8. und 17. Februar, 24. März und 14. April, jeweils 19.30 im Theater Zittau,

Kartentelefon: 03581 47 47 47

Mehr Lokalthemen lesen Sie hier

www.sächsische.de/zittau

www.sächsische.de/loebau