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Görlitz

Wo gibt es Kartoffeln?

In der Corona-Krise boomen die regionalen Lebensmittel. Kartoffeln können direkt beim Bauern gekauft werden. Und es gibt Fleisch im Glas und Brot aus der Dose.

Symbolbild
Symbolbild © Monika Skolimowska/dpa

Anton W. * hamstert Kartoffeln. 25 Kilogramm sollen im kühlen Keller für Notzeiten eingelagert werden. Denn ob die Versorgung mit dem Nahrungsmittel ausreicht, da ist er sich nicht sicher. Kein Wunder: Neben Toilettenpapier sind in den beiden Reichenbacher Supermärkten immer wieder ausgerechnet die Kartoffeln ausverkauft. „Am Sonnabend gab es jedenfalls keine mehr“, sagt der ältere Herr und schüttelt den Kopf. Und selbst die Regale von Obst und Gemüse lichten sich immer mal wieder.

Auch am Dienstag gegen Mittag sind die Erdäpfel im Netto-Markt aus. In den Kisten herrscht bis auf einige Krümel gähnende Leere. Und nein: So was habe er noch nie erlebt. Seinen Namen möchte der Mann lieber nicht in der Zeitung lesen. In der Kleinstadt kennt jeder jeden und da sei das besser so. „Wer weiß, ob die bald genug Nachschub bekommen“, fragt er. Anton W. ist verunsichert, wie er zugibt. Doch dafür gibt es im Moment keinen Grund.

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Die Sparkassen-Versicherung Sachsen ist auch in dieser außergewöhnlichen Situation für ihre Kunden da.

Im Frühjahr ist Pflanzzeit

Im Kartoffellagerhaus Reichenbach auf der Nieskyer Straße sind die begehrten Knollen reichlich zu haben. Da hat sich nun auch Anton W. eingedeckt. Die Kartoffeln der heimischen Bauern sind dort eingelagert. Es gibt einen Verkauf vor Ort direkt von der Rampe aus. 12,5 Kilogramm sind in den Säcken drin.

Die Nachfrage beim Vor-Ort-Verkauf sei in den vergangenen Tagen etwas gestiegen, bestätigt eine Mitarbeiterin. „Es kommen einige Leute mehr, als sonst üblich“, sagt sie. Die Speisekartoffeln aus Reichenbach reichen in der Regel etwa bis Ende April, in den Monat Mai. Im Frühjahr ist außerdem Pflanzzeit. Dann wachsen neue Kartoffeln auf den regionalen Feldern.

Landwirtin macht sich Sorgen

Landwirtin Sabine Vetter aus Mengelsdorf bemerkt bei ihrem Hofverkauf die verstärkte Nachfrage ebenfalls. Sie freut sich über jeden Kunden und einen Engpass gibt es derzeit nicht. Im Moment seien genug Kartoffeln vorrätig. Spielt das Wetter gut mit, könnten ungefähr ab Juli die ersten Frühkartoffeln verkauft werden.

Sorgen macht sich Vetter trotzdem: Die Mengelsdorferin beliefert mit ihren selbst angebauten Kartoffeln Großküchen und Gaststätten. „Das bricht im Moment weg“, sagt sie. Damit fehlen notwendige Einnahmen. Gaststätten öffnen aktuell nur noch verkürzt oder schließen ganz. Das betrifft auch einige Großküchen.

Großküchen brauchen weniger Kartoffeln

Mit diesem Problem ist auch die Rothenburger Marktfrisch als Verarbeitungs- und Handelsgesellschaft konfrontiert. Es werden von Großküchen und Gaststätten weitaus weniger Schäl- und Gärkartoffeln geordert als noch zum Monatsanfang, berichtet Geschäftsführer Rüdiger Hackel. "Wir merken, dass sich der Absatz von den öffentlichen zu den häuslichen Küchen verschiebt." Dennoch wird in den Hausküchen nicht das an Kartoffeln verbraucht, was Großküchen jeden Tag verarbeiten. 

Deshalb besteht keine Not an Kartoffeln. "Hamsterkäufe sind unnötig, wir haben keinen Engpass an Kartoffeln", betont Geschäftsführer Hackel. Im Gegenteil, es gibt einen Überhang bei küchenfertigen Kartoffeln, aufgrund geschlossener Gaststätten. Und sollte doch mal das Regal im Einkaufsmarkt für längere Zeit leer sein, dann ist das ein logistisches Problem, dass der Nachschub nicht schnell genug im Geschäft ist.  

Erzeuger werden nicht überrannt

Dass jetzt die Erzeuger von Kartoffeln überrannt werden, bestätigt sich nicht. Wer nur Produzent ist, wie die Agrarprodukt Rothenburg GmbH, der hat seine Kartoffeln bereits im vergangenen Herbst an seine Abnehmer verkauft, wie Marktfrisch beispielsweise. "Unser Augenmerk richtet sich auf die neue Saison", sagt Geschäftsführer Stefan Förster. "In zwei Wochen soll die Aussaat auf den Feldern beginnen." Angebaut wird in der gleichen Flächengröße wie in den Vorjahren.   

Die Jänkendorfer Agrar Gesellschaft vermarktet ein Teil ihrer Kartoffelernte selbst. Dass jetzt aber die Nachfrage merklich gestiegen ist, kann die Geschäftsführung so nicht bestätigen. Zwar melden sich jetzt mehr Leute am Telefon, aber das hat mehr mit der Gesamtsituation und dem Meiden direkter Kontakte zu tun als ein erhöhter Umsatz an Kartoffeln.  

Einheimische Lebensmittel boomen derzeit bei den „Marktschwärmern“. Das ist eine Initiative, bei der regionale Erzeuger mitmachen. Bestellt werden Gemüse, Fleischwaren und Molkereiprodukte über das Internet und können dann einmal pro Woche in Görlitz auf der Cottbuser Straße 21 beim Nostromo abgeholt werden.

Körbe werden vorgepackt, nummeriert und abgeholt

Mittlerweile passiert das aus hygienischer Voraussicht sogar ganz ohne Kundenkontakt, wie Organisatorin Anne Ritter-Hahn erzählt. „Wir haben da eine viel sauberere Variante als im Supermarkt“, sagt die Melaunerin. Bestellt wird von zu Hause aus, ebenso von da gleich bargeldlos bezahlt. Die Körbe werden – je nachdem, was die Kunden bestellen – vorgepackt, nummeriert und abgeholt. Nachgefragt werde im Moment vor allem Mehl als Dauerware für die Vorratshaltung.

Kartoffeln gebe es noch reichlich. „Unser Bäcker und der Fleischer stellen sich auf die Situation ein“, sagt Anne Ritter-Hahn. Ab der nächsten Woche gibt es beispielsweise Brot in Dosen und Königsberger Klopse, Rinderrouladen und Bolognese im Glas. „Die Fleischerzeugnisse sind zwei Monate haltbar“, sagt die Organisatorin. Damit reagieren die regionalen Produzenten auf die verstärkte Nachfrage.

Mittlerweile gibt es 503 Mitglieder, die sich über die „Schwärmerei“ mit einheimischen Produkten versorgen. Einen Mitgliedsbeitrag muss man nicht bezahlen, bestellen kann man dann, wenn man möchte und ganz zwanglos. Das wird auch weiter so möglich sein. „Vom Gesundheitsamt gibt es keine Auflagen. Wir müssen nicht schließen und gehören zur Lebensmittelbranche“, sagt Anne-Ritter Hahn. 

*Name der Red. bekannt

Online-Bestellung Schwärmerei über marktschwärmer.de

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