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Freital

Wo die Toten tanzen

Das Einnehmerhaus Freital vereint 18 Künstler unter einem thematischen Dach. Das ist alles andere als sterbenslangweilig.

Kurator Holger Wendland mit dem Foto "Totenschau" von Yuri Mechitov im Einnehmerhaus Freital.
Kurator Holger Wendland mit dem Foto "Totenschau" von Yuri Mechitov im Einnehmerhaus Freital. © Thomas Morgenroth

Ein bärtiger Mann liegt stolz und mit geschlossenen Augen in einem Sarg, so, als würde er schlafen. Ein Dutzend Männer mit Filmkameras und Fotoapparaten drängt sich um ihn, um ja den Moment nicht zu verpassen, an dem er erwacht. Aber das wird er nicht. Sergei Paradschanow ist tot. Wie schon zu seinen Lebzeiten aber ist das öffentliche Interesse an seiner Person auch bei seiner Aufbahrung 1990 in Jerewan groß. Paradschanow, ein sowjetischer Filmregisseur armenischer Herkunft, gilt weltweit als eine Ikone des Kinos.

Der georgische Fotograf Yuri Mechitov, der in diesem Jahr siebzig wird, hielt die Szene für die Nachwelt fest – und schuf seinerseits eine Ikone. Im Baum hinter dem filmenden und fotografierenden Pulk sitzt ein bis heute nicht identifizierter Mann, der aus einer gewissen Entfernung alles beobachtet. Er sieht dem Toten täuschend ähnlich. Gesicht, Bart, Frisur, Größe, alles scheint zu stimmen. Es wirkt, als würde Paradschanow mit einem letzten Auftritt von sich selbst Abschied nehmen. Eine Inszenierung, die zu dem Regisseur, der stets für Überraschungen gut war, passen würde.

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„Das ist doch unglaublich, oder?“, sagt der Dresdner Holger Wendland, der das berühmte Foto als Großformat in die von ihm konzipierte Ausstellung „Totentanz“ im Einnehmerhaus Freital integriert hat. Und dem Armenier zu Ehren eine Mütze in den Farben der Nationalflagge des Landes trägt. Die Schau wurde am ersten Februarsonntag mit dem palindromischen Datum 02.02.2020 mit einer Flötenperformance von Matthias Jackisch eröffnet. Der Bildhauer aus Kurort Hartha entdeckte sich selbst in dem Holzschnitt „Totentanz II“ von Ernst Barlach – entstanden 1921. Da konnte Barlach vom 1958 geborenen Jackisch nichts wissen. Vielleicht hat er geahnt, dass es ihn eines Tages geben wird.

Ja, im Einnehmerhaus des Kunstvereins Freital geht es in diesen Tagen etwas mystisch zu. Das hat mit dem Thema zu tun, mit dem Tod, um den sich seit Menschengedenken Legenden voller Glauben und Aberglauben, Trauer und Hoffnung ranken. An der Frage, wie endgültig das Ende eigentlich ist, haben sich auch zu allen Zeiten Künstler abgearbeitet. Wendland versammelt im Einnehmerhaus aus eigener Sammlung und mit Leihgaben, unter anderem der Städtischen Sammlungen Freital, Arbeiten von achtzehn Künstlern aus rund einhundert Jahren, Grafiken, Gemälde, Fotografien und Skulpturen.

Ausgangspunkt ist Edmund Kestings „Dresdner Totentanz“, eine Serie mit experimentellen Fotoarbeiten von 1945/46, in denen er ein fahles Gerippe vor den Ruinen der Frauenkirche tanzen lässt. Einen „Totentanz“ malte auch Ewald Schönberg, den Schloss Burgk gerade erst mit einer großen Ausstellung ehrte. Osmar Osten radierte einen „Vogelzug“, natürlich mit Vogelschiss, Lutz Fleischer fand in seiner zur Wendezeit entstandenen Grafik „Schwarzes Licht“, und Werner Klompen verfolgt in seinem abstrakten Gemälde eine „Blutlinie“.

Der Niederländer Lody van Dulken zeigt in einem Siebdruck den mittlerweile von Putin geschassten russischen Ministerpräsidenten Medwejew bei Schießübungen mit der Kalaschnikow. Da werden Erinnerungen an die Sowjetdiktatur wach, unter der auch Sergei Paradschanow zu leiden hatte. Erst nach seinem Tod gab es wieder eine freie Republik Armenien.

Bis 8. März, Die.-Fr. 16-18 Uhr; Sa./So. 10-17 Uhr.