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Wo ist der Wald hin?

Das Ministerium sagt, seit 2008 verlor der Kreis Meißen 344 Hektar, der Kreis sagt, wir haben drei mehr als vorher.

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© dpa

Von Udo Lemke

Landkreis. Die Zahlen sind eindeutig: 2008 gab es im Landkreis Meißen 22 441 Hektar Wald. 2014 waren es noch 22 097. Macht ein Minus von genau 344 Hektar. Das hat der sächsische Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) auf eine Kleine Anfrage des Grünen-Landtagsabgeordneten Wolfram Günther geantwortet. „Trotz schrumpfender Bevölkerungszahl werden in Sachsen mehrere Hektar Fläche täglich neu versiegelt. Jede neue Straße, jedes neue Gewerbegebiet, jedes neue Einfamilienhausgebiet, jede Erweiterung von Braunkohletagebauen frisst Fläche – ein großer Teil davon ist Wald“, erklärte Günther dazu. Er fordert, dass der Flächenneuverbrauch bis 2020 auf nahe Null verringert werden muss.

Bis dahin sind es nur noch fünf Jahre, aber jetzt, wo ist der Wald im Landkreis Meißen hin? „Wenn irgendwo 100 Hektar Wald verschwunden wären, wäre uns das bestimmt aufgefallen“, erklärt Henry Thielsch-Sachse, der Leiter des Reviers Ost beim Kreisforstamt. Und dann macht er auf eine Bestimmung im sächsischen Waldgesetz aufmerksam. Danach muss jeder, der irgendwo Wald beseitigt, an anderer Stelle für Ausgleich sorgen. „Handelt es sich um einen besonders wertvollen Bestand, dann muss er sogar das Anderthalbfache bis Doppelte der Fläche neu aufforsten.“ Und: „Wir sehen zu, dass kein Wald wegkommt, nicht ein Quadratmeter.“

Rheinland-Pfalz und Hessen haben mit 40 Prozent den höchsten Waldanteil

Das ist auch nötig, denn Sachsen hinkt im Bundesvergleich hinterher. Im Durchschnitt sind die Bundesländer zu 31 Prozent bewaldet – unter den deutschen Flächenländern haben Rheinland-Pfalz mit 42 und Hessen mit 40 Prozent den höchsten Waldanteil – in Sachsen sind es gerade einmal 28,4 Prozent. Von minimalen Zuwächsen abgesehen, stagniert dieser Anteil seit 2007. Noch schlechter sieht es im Landkreis Meißen, dem zweitwaldärmsten des Freistaates, aus. Nur 15,2 Prozent der Kreisfläche waren 2014 bewaldet, also nur die Hälfte der angestrebten 30-Prozent-Marke. Und nun noch ein fortschreitender Verlust an Waldfläche seit 2008?

Das kann Ronald Ennersch, zuständig im Altkreis Meißen für den Privatwald, so nicht bestätigen. Wenn irgendwo Wald weg, oder auch neu aufgeforstet werden soll, dann geht das über das Kreisforstamt, erklärt er. Aus eigener Anschauung weiß Ennersch, dass in seinem Revier „nicht ein einziger Hektar Wald verschwunden ist“.

Der Landkreis achte sehr darauf, dass die Waldfläche nicht gemindert wird, lässt Detlef Albrecht, Leiter des Amtes für Forst und Kreisentwicklung, mitteilen. Seit 2008 wurden im Kreis etwa 13 Hektar Wald umgewandelt, zum Beispiel in Wege. Dafür sind etwa 16 Hektar Land neu aufgeforstet worden. „Wie das Ministerium zu den genannten statistischen Angaben kommt, kann von uns nicht nachvollzogen werden“, erklärt Albrecht. Dazu sei die Datenbasis nicht zuverlässig genug, den nur für den Staatswald gebe es die Pflicht, genaue Erhebungen zu machen.

„Die Waldfläche im Landkreis Meißen hat sich nicht um 344 Hektar verringert“

Auf Nachfrage heißt es aus dem Dresdner Landwirtschaftsministerium zu den Angaben von Minister Schmidt zum Landkreis Meißen: „Es handelt sich hierbei um eine Veränderung der Waldfläche auf dem Papier, nicht aber in der Realität.“ Zur Erklärung wird angeführt, dass es zwischen 2007 und 2010 Befliegungen der Waldflächen gegeben habe. Durch die dabei gewonnenen Luftbilder war eine bessere Abgrenzung von Waldflächen und Nicht-Waldflächen möglich. Wurden in den alten Karten Wiesen, Straßen oder Gebäude, die auf Flurstücken standen, die teilweise mit Wald bedeckt sind, als Waldflächen gekennzeichnet, so wurde dies nun behoben. Aus bisherigen Waldflächen wurden damit in der Statistik Nichtwaldflächen. Fazit: „Die Waldfläche im Landkreis Meißen hat sich nicht um 344 Hektar verringert.“