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Wo Kunstvolles aus Glas und Blei entsteht

Ina Saalfranks Werke schmücken nicht nur Wohnungen. Erst jetzt hat sie wieder ein Fenster für die Klosterkirche Mühlberg saniert.

Das Meisterstück. Mit der Dresdner Frauenkirche krönte Ina Saalfrank ihren Abschluss als Glasermeisterin. Derzeit hat die Bleiglasarbeit ihren Platz in Saalfranks Werkstatt.
Das Meisterstück. Mit der Dresdner Frauenkirche krönte Ina Saalfrank ihren Abschluss als Glasermeisterin. Derzeit hat die Bleiglasarbeit ihren Platz in Saalfranks Werkstatt. © Norbert Millauer

Weinböhla. Die Dresdner Frauenkirche ist ihr Meisterstück. Kräftig wölbt sich weiß-blauer Himmel über dem Gotteshaus, dessen Mauerwerk feingliedrig hervortritt. Weder Turmspitze noch andere Verzierungen wie die Fenstersprossen fehlen. Ina Saalfrank legt Wert auf Detailtreue und Genauigkeit.

Das gehört zum Tagwerk der Glasermeisterin. Auch bei dem modernen Motiv für eine Eingangstür, das als Zeichnung auf dem Werkstatttisch liegt, mit verschieden große Glasteilen, geschwungenen Linien, orangefarben verzierten Elementen. Ein Entwurf nach der Vorstellung des Kunden, in Originalgröße auf Papier übertragen. Er zeigt die exakte Zusammensetzung der Einzelteile. Danach entstehen die Schablonen fürs Zuschneiden des Glases.

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Jeder Schritt braucht Erfahrung und Feingefühl. Schon für die Glas-Auswahl beim Großhändler. Da hat die Fachfrau viele Möglichkeiten. Darf es Echt-Antik, Kathedral oder Altdeutsch sein?

In Saalfranks Werkstatt gibt es jede Menge Fächer mit gläsernen Kostproben. Die Meisterin zieht eine etwa 50 mal 90 Zentimeter große Antik-Scheibe hervor. Nicht etwa industriell gefertigt, obwohl die Form das denken lässt. Nein, verarbeitet wird mundgeblasenes Material aus dem Bayerischen Wald, vor allem aus dem Glaszentrum Waldsassen. Der vom Glasbläser hergestellte Zylinder wird aufgeschnitten, im Ofen langsam erhitzt, fällt auseinander und wird mit einem Arbeitsgerät namens Holzrakel glatt gezogen. Das ergibt schließlich ein Glas mit kleinen Bläschen und fein strukturierter Oberfläche.

Fehlt noch das Blei, das die Scheiben zusammenhält. Ein Doppel-T-Strang – zwei Meter lange Ruten, sehr biegsam. Nicht ungefährlich, das Material. Wie jeder weiß, der in Chemie aufgepasst hat. Händewaschen schützt vor Bleivergiftung. Zweites Gebot: Keine Lebensmittel in die Werkstatt mitnehmen. Oberste Vorsicht ist geboten beim Altbilder-Auseinandernehmen. Und beim Bleifarbe-Anrühren. Beim Öffnen der Pulverdöschen kann giftiger Dampf entweichen. Wenn sie Glas restauriert, mit dem Pinsel alten Schmutz entfernt, trägt sie Mundschutz, erklärt Ina Saalfrank, die selbst schon mal, arbeitsmäßig bedingt, eine zu hohe Bleikonzentration im Blut hatte. All das spricht gegen den oft gehörten Wunsch, doch mal einen Bleiglasworkshop für Kinder zu veranstalten, sagt die sportliche Weinböhlaerin, Jahrgang 1963.

Bedacht geht sie auch am Ofen zu Werke. Ein eher kleines Brenngerät, in das die Glasbilder meist zweimal wandern, damit die Farben schön haltbar werden. In dem es aber immerhin 600 Grad warm sein kann.

Dem Glas fühlt sich Ina Saalfrank seit ihrer Berufsausbildung verpflichtet. Die gebürtige Crimmitschauerein wächst in Hoyerswerda auf, wo sie mit den Eltern hinzieht. In Weißwasser lernt sie Glasmaler, verziert Karaffen und Römer. Malt dann in einer kleinen Glashütte in Rietschen für den Export, auch in den Iran und Irak, viel Goldmalerei. Mit der Liebe kommt sie, wie sie sagt, kurz darauf nach Coswig, ins Glaswerk, zur Lampenherstellung. Später in die Kunstglaserei Meißner in Brockwitz, wo sie auch das Bleiglasen erlernt. Als das Unternehmen sich Mitte der 90er-Jahre verkleinert, geht die junge Frau weg, macht sich selbstständig und ihren Abschluss als Glasermeisterin. Kunstglaserei ist ihr Metier. Davon zeugt auch ihr Meisterstück, die Dresdner Frauenkirche, das in deren Sanierungszeit entstand.

Seitdem hat Ina Saalfrank nicht nur manchen Wunsch für eine schönere Wohnung umgesetzt, Glaskunstwerke für Türen und Fenster geschaffen, mit Pflanzen, Tieren, Wappen, grafischen Mustern. Hat Villen ausgestaltet und Gaststätten. Sie hat auch mancher Kirche Schönheit zurückgegeben. Jüngst erst wieder in Mühlberg der Klosterkirche Marienstern. Die Weinböhlaerin liebt Kirchen, bewundert die perfekte Arbeit der alten Meister. Allerdings zählen die großen bunten Glasfenster – in Mühlberg zwölf Meter hoch – nicht zu den Bauteilen, die mühelos Jahrhunderte überdauern. Zwar werden die Bleiglasverbindungen verlötet und große Fenster zusätzlich mit sogenannten Windeisen gegen Sturm gesichert. Doch der Kitt, der für die Festigkeit zwischen Scheibe und Blei sorgt, bröckelt spätestens nach 50 Jahren.

Auch andere Einflüsse können dem Glas zusetzen. In Mühlberg riss ein Sturm Schiefer vom Dach, so wurden Löcher in die bemalten Fenster geschlagen, es gab viele Bruchstellen. Fünf Fenster sind bereits repariert, zehn noch bedürftig.

Für eins benötigt Ina Saalfrank vier Wochen, unterstützt von einer Firma, die das Gerüst stellt, beim Herausheben der Fensterteile hilft. Nach dem Original entstehen Schablonen, wird auseinandergebaut, geputzt, ergänzt, eingebleit, verlötet, mit Kitt befestigt. Viele Einzelschritte in der Werkstatt. Und auf dem Gerüst, das ihr Schwindelfreiheit und Fitness abnötigt und selbstverständlicher Teil ihrer Arbeit ist, die ihr so viel Spaß macht, weil sie Kreativität und Handwerk verbindet.

Was sie auch anhand der vielen kunstvollen Verglasungen in ihrer Werkstatt zeigt. Vom Weinböhlaer Wappen bis zur Eule der Weisheit, die jeden Arbeitsschritt der Meisterin im Blick hat.

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