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Wo man in Radeberg ein Stück Mittelalter findet

Den Eulenturm steuern Gäste im Schloss Klippenstein besonders gerne an. Eine Zeit lang hatten Tauben etwas dagegen.

Schlosschefin Katja Altmann (l.) und Birgit Frech vom Schlossverein stehen an der Befestigungsmauer von Schloss Klippenstein in Radeberg. Im Hintergrund ist der Eulenturm zu sehen. Beide Frauen haben sich sehr für den Wiederaufbau des Schlosses und des Tu
Schlosschefin Katja Altmann (l.) und Birgit Frech vom Schlossverein stehen an der Befestigungsmauer von Schloss Klippenstein in Radeberg. Im Hintergrund ist der Eulenturm zu sehen. Beide Frauen haben sich sehr für den Wiederaufbau des Schlosses und des Tu © Steffen Unger

Radeberg . Die Zeitschleuse muss direkt am Schlosstor stehen. Ein Schritt am Eingang vorbei, schon ist jeder zwei, drei Jahrhunderte zurück katapultiert. Eben noch auf der stark befahrenen Straße, jetzt hinter den Mauern von Schloss Klippenstein. Ruhe. Kaum Besucher. Wer richtig hinhört, vernimmt noch das Klappern der Pferdehufe auf der Reitertreppe. Die ließ Herzog Moritz anlegen, um mit seinem Gefolge vom unteren Schlosshof zur höher gelegenen Hauptburg zu gelangen.

Turm steht mitten im Weg

Auch wenn das Schloss das Wichtigste in der Anlage ist, viele Besucher gehen geradewegs auf den Eulenturm zu. Der steht quasi mitten im Weg. Vom Schlosstor immer gerade aus. Gleich vorweg: Das ist keiner, der mit einer Aussicht weit in die Landschaft glänzt, dazu ist er zu niedrig. „Sehr reizvoll ist die Aussicht trotzdem. Einmal reicht der Blick ins Hüttertal. Dort ist die Schlossmühle zu sehen. Vor allem aber erhält man einen völlig neuen Eindruck vom Schloss. Wo kann man schon von Außen auf solch eine Anlage schauen“, sagt Schlosschefin Katja Altmann. Ein Detail fällt dem Besucher auf: An die Mauer des Schlosses fügt sich ein hell verputztes Gebäude an, modern mit einer Glasfront. „Das ist der neue Aufzug. Sobald die Wege eingerichtet sind, geht er in Betrieb. Der Zeitpunkt steht noch nicht fest.“

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Katja Altman ist seit 1993 Chefin des Museums Schloss Klippenstein. Genau genommen sei der Eulenturm eher zufällig zum Aussichtsturm geworden, erzählt sie. „Er gehört ja zum ältesten Teil von Klippenstein. Er wurde als Wehrturm als Teil der Burgmauer erbaut.“ Als der nicht mehr gebraucht wurde, sperrten hier die Schlossherren Diebe und andere Gesetzesbrecher ein. Bis 1810 war der Turm ein Gefängnis. „Danach verfiel er immer mehr, das Dach brach ein, er wurde nicht mehr gebraucht. Auch insgesamt wurde er immer instabiler, es bildeten sich Risse und er drohte einzustürzen.“ Das wäre wohl auch passiert, wenn nicht zuvor die DDR zusammengebrochen und eine Frau mit starkem schwäbischen Akzent nach Radeberg gekommen wäre. Birgit Frech zog Anfang der 90er-Jahre mit ihrem Mann von Baden-Württemberg nach Radeberg. „Damals hat mich der Bürgermeister in seinen Trabi geladen und mir die Umgebung gezeigt.“ Schloss Kippenstein war eine Station. „Ich hab’ was übrig für alte Mauern“, sagt sie.

Viel Nutzer, keiner kümmerte sich

Die Anlage war zu der Zeit in einem beklagenswerten Zustand. „Vieles war zugewachsen, baufällig. Jahrzehntelang hatte sich nie jemand wirklich um das Schloss gekümmert.“ Offenbar wusste niemand so richtig etwas mit den alten Gemäuern anzufangen. Seit 1856 war es Sitz eines Gerichtes. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Umsiedlerfamilien im Schloss untergebracht. Nach Auflösung des Amtsgerichtes 1952 kamen Wanderer im Schloss unter, das Heimatmuseum zog ein, der Jugendklub nutzte einige Räume, ebenso der Kindergarten. Die FDJ-Leitung hatte darin ihren Sitz, die Nationale Volksarmee (NVA) berief junge Männer zur Musterung hierher ein. Genutzt von der Stadt, im Eigentum des Staates, kümmerte sich jedoch niemand so richtig um das Schloss.

Radeberger hatten zunächst andere Sorgen

Vielleicht brauchte es den Blick von außen. „Jede westdeutsche Kleinstadt hätte nichts lieber als so eine Burg“, sagt Birgit Frech. Gemeinsam mit Katja Altmann setzte sie alles daran, das Schloss zu sanieren. Doch die Radeberger hatten andere Sorgen. „Das war verständlich, viele mussten ihr Leben neu aufbauen.“ Doch sie ließen sich nicht entmutigen. Birgit Frech gründete mit anderen Enthusiasten den Schlossverein, Katja Altmann versuchte, jeden nur erdenklichen Fördertopf anzuzapfen. Sie initiierten eine Unterschriftenaktion, traten dafür ein, dass 1993 die Stadt Eigentümer des Schlosses wurde.

„Das Problem war dann, dass Radeberg bei Förderprogrammen nicht einmal den Eigenanteil stemmen konnte.“ Das war die Geburtsstunde der Aktion „Fünf für 25“. „Damit war gemeint, für eine Spende von fünf D-Mark legt der Staat 25 drauf. Es ging darum, den Eigenanteil zusammenzubekommen.“ Das war der Beginn eines beispiellosen bürgerschaftlichen Engagements, wie die Schlosschefin sagt. Musiker boten sich für Benefizkonzerte an, es gab Großspenden von Firmen, viele Radeberger gaben Geld. Bis 2009 wurden wesentliche Teile des Schlosses wieder aufgebaut. Darunter der Eulenturm. Er wurde mit Metallankern stabilisiert und bekam eine Betonkappe verpasst. „Damit war er begehbar, und wir haben uns gesagt, da kann er auch Aussichtsturm werden. Die eifrige Nutzung durch die Besucher gibt uns recht“, sagt Katja Altmann.

Drastische Maßnahmen gegen Tauben

Allerdings hatten sie damals die Rechnung ohne die Tauben gemacht. Sie bezogen hier Quartier und machten aus dem Eulen-, einen Taubenturm, solange bis innen alles mit Vogeldreck überzogen war. „Das wurde ein hygienisches Problem. Wir mussten handeln. Experten sagten uns, die Tiere sind nicht mehr loszubekommen, es sei denn, man greift zu drastischen Maßnahmen. Wir mussten den Turm für zwei Jahre schließen und die Tauben so zwingen, sich ein anderes Quartier zu suchen. Jetzt ist er taubenfrei.“

Gerade in diesen Tagen ist er bei Besuchern besonders beliebt. Im Innern ist es angenehm kühl. Die dicken Mauern wirken wie eine Klimaanlage. „Das gilt für das gesamte Schloss“, sagt Katja Altmann.

Noch nie gezeigte Exponate im Schloss zu sehen

Hinkommen

Radeberg erreichen Besucher am besten mit dem Zug. Aus Richtung Dresden und Bautzen gibt es Verbindungen in dichtem Takt. Vom Radeberger Bahnhof fahren Busse in die Innenstadt. Schloss Klippenstein liegt von der Haltestelle „Pulsnitzer Straße“ nur noch wenige Gehminuten entfernt. Autofahrer können den Wagen auf dem Marktplatz abstellen – außer an Markttagen dienstags und freitags. Auch auf den umliegenden Straßen sind Parkplätze vorhanden. Sie sind kostenlos, allerdings sollte die Parkzeit von zwei Stunden beachtet werden.

Ausstellung zur Schlossgeschichte

Die aktuelle Ausstellung zeigt die Entwicklung des Schlosses Klippenstein. Unter dem Titel „Alte Mauern – Neue Ideen. 25 Jahre Museum Schloss Klippenstein – Gestern. Heute. Morgen.“ wird die jüngere Geschichte des Hauses beleuchtet. Gezeigt werden unter anderem Fotos von der 1985 eingestürzten Fürstenreittreppe und Dokumentationen ihres Wiederaufbaus. Die Schau überrascht mit bisher noch nie gesehenen Exponaten. Die Ausstellung ist bis 22. September geöffnet. Außerdem gibt es eine Dauerausstellung „Industriestadt Radeberg“. Geöffnet ist dienstags bis sonntags, 10 bis 17 Uhr.

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Weitere Ausflugstipps für Radeberg

Das Freibad in Hörweite

Radeberg. Museum und schwimmen – in Radeberg können Besucher beides wunderbar miteinander verbinden. Denn nur wenige Schritte vom Schloss Klippenstein liegt das Stadtbad. Einfach den Ohren nach gehen. Denn vom Schloss aus ist die typische Geräuschkulisse schon zu hören. Dort gibt es ein herrliches großes Schwimmer- und Nichtschwimmerbecken samt Rutsche sowie ein Planschbecken. Liegeflächen sind ausreichend vorhanden. An einem Imbiss sind Getränke und Speisen zu bekommen. Sehr schick: Die Gebäude des Bades wie das Eingangshäuschen oder die Umkleidekabinen stehen unter Denkmalschutz und gelten als „nahezu authentisches Zeugnis der Bäderarchitektur aus der Zeit um 1900“.

Für Erwachsene kostet die Tageskarte zwei Euro, für Kinder, Schüler, Studenten und Senioren 1,50 Euro. Das Bad ist täglich von 8 bis 20 Uhr zugänglich. Allerdings sollten Besucher die 20 Grad-Regel beachten: An Tagen, an denen die Tagestemperatur unter 20 Grad Celsius liegt, ist das Bad nur von 8 bis 10 Uhr und am Nachmittag von 17 bis 19 Uhr geöffnet. Für Nachtschwärmer gibt es das beliebte Nachtbaden. Termine sind am 26. Juli und am 30. August. An diesen Tagen bleibt das Freibad bis 24 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist ab 20 Uhr jeweils frei.

Führungen durch die Radeberger Brauerei

Radeberg. Für Bierfans ein Muss: ein Rundgang durch die Exportbierbrauerei. Spontan können Besucher an jedem Freitag um 18 Uhr und an jedem ersten Sonnabend im Monat um 16 Uhr bei Führungen dabei sein. Geboten wird eine klassische, gut zweistündige Brauereibesichtigung. Eine Reservierung ist dafür nicht notwendig. Pro Termin können bis zu 30 spontane Gäste dabei sein. Rechtzeitiges Erscheinen ist von Vorteil. Kosten zwölf Euro pro Person, inklusive eines Einkaufsgutscheins von einem Euro. Außerdem bietet die Brauerei Rundgänge mit Reservierung an. Die sind immer dienstags bis sonnabends von 10 bis 17.30 Uhr möglich.

Spaziergang  im Seifersdorfer Tal

Seifersdorf. Nur wenige Autominuten von Radeberg liegt Seifersdorf. Dort parken Besucher auf dem Wanderparkplatz, dreihundert Meter nach dem Ortseingang auf der rechten Seite. Von dort führt der Weg zur Marienmühle und weiter in den Landschaftspark Seifersdorfer Tal. Christina von Brühl, Ehefrau des Seifersdorfer Schlossbesitzers Graf Hans Moritz von Brühl, ließ den Park ab 1781 nach und nach gestalten. Es entstand ein sentimental-romantischer Landschaftsgarten mit zahlreichen Denkmalen, die Namen tragen wie „Altar der Wahrheit“, „Lauras Denkmal“ oder „Stätte der Versöhnlichkeit“. Dazwischen fließt die Große Röder. Auch im Sommer lässt es sich hier aushalten.

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