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Wo Meißen am lautesten ist

Die Stadt hat schon vor zwei Jahren einen Plan gegen den Lärm beschlossen. Jetzt wird geprüft, ob die Projekte etwas gebracht haben.

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Von Sandro Rahrisch

Schon wieder klebt Ruß an der Fensterscheibe. Acht Tage ist es erst her, dass Thea Böhme eine dicke Schmutzschicht vom Glas gewischt hat. Doch die Auspuffgase stören die Meißnerin am wenigsten. „Der Straßenlärm belastet mich unheimlich“, klagt die Rentnerin. Es sei unmöglich, das Fenster zur Großenhainer Straße zu öffnen. Wenn sich nicht gerade Autos vor ihrem Wohnzimmer stauen, wenden im Busbahnhof schräg gegenüber täglich 700 Busse. Nachts käme der Krach dann von der benachbarten Tankstelle. „Wissen Sie, was da im Sommer los ist?“ Autos mit laufendem Motor, klirrende Bierflaschen, unaufhörliches Gemurmel – Thea Böhme wisse nicht mehr, wann sie die Fenster noch öffnen soll.

Fast 1 300 Meißner waren 2009 einem nächtlichen Geräuschpegel von über 55 Dezibel ausgesetzt, wie eine Lärmmessungen der Stadtverwaltung ergab. Damit mussten diese Menschen während des Schlafs einem Schallpegel ertragen, wie er von einem Gesprächspartner in einem Meter Abstand ausgeht. Einer täglichen Geräuschbelastung von mehr als 55 Dezibel waren sogar 2 930 Meißner ausgesetzt. „Bei langjähriger, dauerhafter Belastung steigt das Risiko für Bluthochdruck und Herz-Kreislauferkrankungen deutlich an“, sagt Karin Bernhardt vom Landesumweltamt. Chronische Lärmbelastung verursache erhebliche Stressreaktionen im Körper.

Am schlimmsten ist der Lärm auf dem Beyerleinplatz, an der Abfahrt von der Altstadtbrücke zur Uferstraße, entlang der Rosa-Luxemburg-Straße, der Goethestraße und der B101 Richtung Großenhain. Hier werden tagsüber Spitzenwerte erreicht, die an Arbeitsplätzen einen Gehörschutz erfordern würden. Auch die Großenhainer Straße gehört zu den Lärmschwerpunkten in der Stadt. Gegenüber der Araltankstelle wohnt Annelies Heise. Die Rentnerin zucke jedes Mal zusammen, wenn wieder ein Laster durch die Straßensenke vor ihrem Haus donnere. „Dann wackelt sogar das Porzellangeschirr in der Schrankwand“, sagt sie. Am frühen Morgen und nachmittags sei es ganz besonders laut. Erst ab 18 Uhr kehre dann etwas Ruhe ein.

Überall im Haus durchziehen Risse die Wände. Dafür macht Annelies Heise die Erschütterungen von der Straße verantwortlich. Obwohl der Pflasterabschnitt zwischen Tonberg und Grünaue vor zwei Jahren durch Asphalt ersetzt wurde, sei kaum eine Besserung eingetreten. Viel mehr, als die Risse mit Silikon verfugen zu lassen, bleibe der Frau aber nicht übrig.

Die EU verlangt jetzt von allen Kommunen einen Aktionsplan gegen den Lärm. „Meißen ist mit der Planung auf freiwilliger Basis schon 2010 in Vorleistung getreten und muss jetzt prüfen, ob die hier festgeschriebenen Maßnahmen noch aktuell sind oder angepasst werden müssen“, sagt Karin Bernhardt. Genau das werde derzeit auf den Weg gebracht, ergänzte Stadtsprecherin Inga Skambraks und verwies auf schon abgeschlossene Lärmschutzmaßnahmen, wozu auch schalldichte Fenster gehören. Vor allem entlang der B101, der Rosa-Luxemburg-Straße, der Goethestraße und der B6 hätte sich schon vieles getan, um den Lärm für die Anwohner zu mindern. Den neusten Stand wird die EU Mitte 2013 abfragen.

Dreifach verglaste Fenster ließen sich Thea Böhme und ihr Mann schon vor einigen Jahren einsetzen, um Ruhe von der Großenhainer Straße zu haben. „Nicht einen Pfennig haben wir an Fördermitteln dazubekommen“, sagt sie. Aber selbst die teuren Scheiben schaffen es heute nicht, den Straßenlärm völlig zu dämpfen.