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Wo Radebeul zuwuchern soll

Die Stadt will „wilde Ecken“ in Grünanlagen testen, die auf den ersten Blick womöglich ungepflegt aussehen.

Am Moritz-Garte-Steg will die Stadt eine Blühwiese anlegen. Auch andere Grünflächen sollen natürlicher werden – ein Test, wie das bei den Bürgern ankommt.
Am Moritz-Garte-Steg will die Stadt eine Blühwiese anlegen. Auch andere Grünflächen sollen natürlicher werden – ein Test, wie das bei den Bürgern ankommt. © Arvid Müller

Radebeul. Akkurater Rasen, auf eine Höhe getrimmt, ohne Wildwuchs oder Unkraut – das galt seit Jahrzehnten als der Inbegriff eines schönen, gepflegten Gartens. Für Bienen und Hummeln und andere Blütenbesucher ist so ein Rasen allerdings völlig uninteressant. Sie finden hier keine Nahrung und können sich nicht verstecken. Solche Gärten sind vielleicht ordentlich anzusehen, Lebensraum für Insekten bieten sie aber nicht.

Seit Längerem ist vom dramatischen Insektenrückgang und dessen Folgen zu hören. Manchen Hobbygärtner bewegt das, seine Vorstellungen von „schön“ zu überdenken und sein Refugium naturnah umzugestalten. Mit blühenden Wiesen, auf denen es wieder summt und brummt.

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Blüh- und Wildkräuterstreifen in Parks

Das hat jetzt auch die Stadt Radebeul vor. Auf öffentlichen Grünflächen sollen testweise Blüh- und Wildkräuterstreifen angelegt werden, die beim Mähen ausgespart werden, informiert die Verwaltung in einer Stadtratsvorlage. Die wilden Ecken dürfen vor sich hin wuchern und werden weniger gepflegt.

Es passiert ein Umdenken. In den 90er-Jahren gab es in den städtischen Grünanlagen noch die übliche Saisonbepflanzung. Die wurde irgendwann abgeschafft und durch Dauerblüher, die weniger aufwendig gepflegt werden müssen, ersetzt, erklärt Oberbürgermeister Bert Wendsche (parteilos). Jetzt sollen kleinteilige Flächen getestet werden, auf denen es noch wilder zugehen darf.

Es wird "ungepflegter"

Dass das womöglich nicht jedem gefällt, darüber ist man sich im Rathaus bewusst. „Das ist dann ein anderer Stadtanblick“, sagt der Oberbürgermeister. „Blühwiesen sehen nun mal nicht aus wie englischer Rasen.“ Für manch einen mag das ungepflegt erscheinen. „Aber eigentlich ist es biologisch wertvoll“, so Wendsche. Die Stadt will testen, wie die scheinbar ungepflegten Abschnitte in Parks und auf Grünanlagen bei den Bürgern ankommen.

In den letzten 25 Jahren habe es einen flächenmäßig starken Zuwachs an öffentlichen Grünflächen gegeben. „Die Gesamtfläche der durch die Stadt zu unterhaltenden Grünflächen hat sich mit derzeit rund 40 Hektar seit 1995 verzehnfacht“, informiert die Verwaltung. 

Circa 1,5 Prozent der Fläche Radebeuls sind intensiv gepflegte Bereiche, wie Parks- und Grünanlagen, aber auch Bepflanzungen an den Straßen und Areale für Ausgleichsmaßnahmen, die geschaffen werden müssen, wenn an anderer stelle durch Neubauten Boden versiegelt wird und Naturräume verschwinden.

In drei Schritten zum artenreichen Garten

Wildblumenwiesen mit heimischen Pflanzen lassen sich auch zu Hause anlegen. Tipps, was Hobbygärtner beachten sollten, gibt beispielsweise der Nabu:

1. Boden vorbereiten

Zuerst wird die Grasnarbe entfernt und der Boden gelockert. Wer sehr reichhaltigen Boden in seinem Garten hat, sollte ihn mit Sand abmagern, denn die meisten Wildblumen lieben mageren Boden. Dazu wird der Sand in den Boden eingearbeitet.

2. Saatgut aufbringen

Die Wahl des Saatgutes ist entscheidend für den ökologischen Wert der Wiese. Der Nabu empfiehlt, beim Samenkauf auf mehrjährige, gebietsheimische Arten zu achten und Blühmischungen, die möglichst viele verschiedene Wildblumensamen enthalten. Wie viel Saatgut benötigt wird, hängt von der Größe der entstehenden Wiese ab. Bei einem Quadratmeter braucht man fünf bis zehn Gramm. Damit sich das Saatgut besser verteilen lässt, kann man es mit etwas Sand mischen. Locker auf die Fläche streuen und nur etwas einrechen. Danach mit einer Walze oder einem Brett festigen. Sehr wichtig ist es, die eingesäte Fläche über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen stets feucht zu halten.

3. Wenig pflegen

Die Pflege fällt bei der Wildblumenwiese nicht weiter ins Gewicht. Ein- bis maximal zweimal im Jahr sollte gemäht werden, am besten mit der Sense. Die besten Zeiten zum Mähen sind ab Juli bis August/September, wenn nur einmal gemäht wird, Ende Juni und Ende August, wenn zweimal gestutzt wird. Aber Achtung: Nicht alles auf einmal mähen, sondern mit einer Woche Pause, denn so können die Tiere in der Wiese noch schnell umziehen. Wiesen brauchen etwas Anlaufzeit, aber Geduld wird belohnt: Die schönsten Ausprägungen zeigen sich häufig nach ein paar Jahren.

Quelle: www.nabu.de

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Bisher gibt es solche wilden Stellen nur am Stadtrand, wie hier neben dem Löma-Center.
Bisher gibt es solche wilden Stellen nur am Stadtrand, wie hier neben dem Löma-Center. © Arvid Müller

Blühwiese am Moritz-Garte-Steg

Umweltverbände wie der Nabu rufen dazu auf, Blühwiesen anzulegen, um Lebensraum für Schmetterlinge, Wildbienen und Co. zu schaffen. Der Gedanke wurde zuletzt auch von der CDU-Fraktion im Stadtrat aufgegriffen, die vorschlug, Brachen in der Stadt insektenfreundlich zu bepflanzen. Beispielsweise die Fläche am Moritz-Garte-Steg gegenüber den Landesbühnen, die von der Stadt frei gehalten wird, falls irgendwann ein zusätzliches Schulgrundstück benötigt wird.

Im Rathaus gibt es bereits Pläne, was mit dem rund 5.000 Quadratmeter großen Areal zwischenzeitlich passieren soll. So gab es erste Gespräche mit den Landesbühnen, die einen Bereich im Norden an der Meißner Straße für ihre Aktivitäten nutzen würden. Für einen Abschnitt im südlichen Teil des Grundstückes hat das Lößnitzgymnasium Interesse angemeldet. Zuletzt wurden auf der Fläche der Oberboden aufgelockert, Gras angesät und einige hitzeresistente Stauden gepflanzt. 

Der größte Teil des Areals soll zu einer Blütenwiese hergerichtet werden, heißt es aus der Verwaltung. Nachbarn aus der näheren Umgebung hätten dafür bereits Unterstützung signalisiert.

Wilde Ecken am Stadtrand

Ein Vorteil für die Stadt: Die wilden Wiesen müssen zwar erst einmal angelegt und ausgesät werden. Wachsen sie aber einmal, brauchen sie weniger Pflege und das spart am Ende Kosten. Bisher hat die Stadt solche wilden Ecken vereinzelt am Stadtrand getestet, zum Beispiel mit einer Wiese in der Nähe vom Löma-Center, die als Areal für die Heidelerche dienen soll und zweimal jährlich gepflegt wird. Außerdem gibt es ein Trockenbiotop an der Waldstraße, das einmal im Jahr bearbeitet wird und auch die Straßeninsel an der Kötitzer Straße wurde testweise als Wildwiese angelegt.

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