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Wo Tschernobyl nicht vergessen ist

In Kamenz verbringen 20 Kinder aus der verstrahlten Region drei Ferienwochen. Und lernen hier, besser mit ihrer Krankheit umzugehen.

Roman, Natascha und Arseni (v.l.n.r.) messen beim Tschernobylverein in Kamenz ihren Zuckerspiegel. Er ist in Ordnung, zum Glück!
Roman, Natascha und Arseni (v.l.n.r.) messen beim Tschernobylverein in Kamenz ihren Zuckerspiegel. Er ist in Ordnung, zum Glück! © Matthias Schumann

Kamenz. Initiative Kinder von Tschernobyl. Dieser Name verrät doch eigentlich schon alles. Vor nun bereits fast 30 Jahren wurde die „Initiative“ ergriffen, „Kindern“ aus verstrahlten Regionen rund um das zerstörte Atomkraftwerk „Tschernobyl“ zu helfen – auch in Kamenz.

Doch beginnen wir einmal ganz von vorn. Im April des Jahres 1986 explodierte Atomreaktor Nummer vier des Atomkraftwerkes Tschernobyl, Ukraine, während einer Simulation eines Stromausfalls aufgrund von menschlichem sowie technischem Versagens. Die Folge war der Eintritt mehrerer Trillionen Becquerel in die Atmosphäre, wodurch sich radioaktive Wolken bildeten. Diese wurden wegen des vorherrschenden Südostwindes sogar bis weit über Schweden hinausgetragen. Besonders stark betroffen war – und ist – Weißrussland, da es sich nordöstlich, also genau in der beschriebenen Windrichtung, von Tschernobyl befindet. Und genau um diese Region soll es nun vor allem gehen.

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In der Wendezeit hörten Georg Tietzen und seine Frau aus Kamenz im Radio einen Aufruf des „Neuen Forums“ aus Berlin, welches Kindern aus betroffenen Regionen Erholung in Deutschland bieten wollte, aber noch Gasteltern suchte. „Zunächst wollten wir ein bis zwei Kinder aufnehmen, doch dann entstand die Idee, eine Gruppe einzuladen“, sagt der Rentner. Dafür wurde über die Zeitung sowie die Kirche versucht, Kontakte zu knüpfen – und siehe da: Noch im Sommer des Jahres 1990 konnten über 40 Kinder aus dem Raum Gomel, nordöstlich von Tschernobyl, nach Kamenz kommen. „Bei einem emotionalen Abschied stellte sich dann die Frage, was nun zu tun sei“, erinnert sich Georg Tietzen. „Die Antwort lautete: Es muss weitergehen!“ Und so konnten sich bis heute Hunderte weißrussische Kinder in Kamenz erholen. Wie in der Lessingstadt ging es nach der Katastrophe vielen Menschen – europaweit. So gründeten sich immer mehr Vereine, um Tschernobylopfern zu helfen. Mit einigen dieser Vereine ist auch die Kamenzer Initiative Kinder von Tschernobyl verknüpft. So entstand der Kontakt zu einem Verein aus der Region Buda-Koschelewo – damals über einen Minsker Verein. Dieser verlagerte später seinen Schwerpunkt aufgrund von politischen Schwierigkeiten auf regionale Vereine, wodurch in der Folge die Zusammenarbeit zwischen Kamenz und Buda-Koschelewo intensiviert wurde.

Zwei Durchgänge

Bis 2010 beziehungsweise 2011 war vor allem Kamenz für die Koordinierung zwischen den verschiedenen Hilfsvereinen in der Umgebung zuständig. Da dies jedoch aus organisatorischen Gründen nicht mehr möglich war, wurde bei einem Treffen im Jahr 2012 das jetzige Netzwerk der Tschernobylinitiativen für Buda-Koschelewo gegründet. Diesem gehören neben Ottendorf-Okrilla auch noch Lauta sowie Meerane oder Backnang in Baden-Württemberg, aber eben auch Kamenz an. Hier gibt es in diesem Jahr noch einen Vorstandswechsel. So wird Georg Tietzen, der jetzige Vorstandsvorsitzende der Initiative Kinder von Tschernobyl, Anfang September in den erweiterten Vorstand des Vereins gehen und Gerswit Abt das Ehrenamt überlassen.

Wie in jedem Jahr gibt es auch 2019 wieder zwei Durchgänge der Erholung. So kamen bereits im Juni 20 Kinder und zwei Betreuerinnen aus der Region Buda-Koschelewo für drei Wochen in die Lessingstadt. Momentan findet der zweite Durchgang mit 20 weißrussischen Kindern und Jugendlichen statt. Diese nehmen am Projekt „Leben mit Diabetes“ teil, wobei sie den Umgang mit ihrer Krankheit üben können. Zwar werden auch in Weißrussland verschiedene Kurse veranstaltet, welche jedoch zumeist nur Theorie vermitteln. Der Partner des Kamenzer Vereins in diesem Programm ist die gesellschaftliche Vereinigung „Freude den Kindern“. Ein Nachfolger des bereits erwähnten Minsker Vereins.

So sei der Umgang mit dem Diabetes in Weißrussland, vor allem auf dem Land, kompliziert, meinen Lena und Inga, welche das Projekt betreuen. Sie kommen aus Weißrussland und sind selbst an Diabetes erkrankt. „Die meisten Kinder verstecken sich, da sie Angst haben, stigmatisiert zu werden. Hier können sie sich erwachsener und freier fühlen. Das übt Selbstständigkeit.“

Lena, Leiterin des Projekts und Inga, Dolmetscherin, waren zur Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 13 und acht Jahre alt und lebten über 200 Kilometer vom Unglücksort entfernt. Sie erinnern sich noch daran, wie sie erst einige Tage später aus ausländischen Medien von Tschernobyl hörten, da ihre Regierung sie nicht informierte. Erst danach gab auch diese die Katastrophe zu. „Jeden Morgen fuhr ein Lkw vorbei, der die Straßen mit Chemikalien reinigte“, erinnert sich Lena. Sie erkrankte bereits ein halbes Jahr später an Diabetes. Zwar gibt es keine linearen Zusammenhänge zwischen radioaktiver Belastung und Diabetes, doch statistisch gesehen erkranken deutlich mehr Menschen in belasteten als in unbelasteten Gebieten.

Vergangenheit wirkt nach

Inga bekam ihren Diabetes mit 20 Jahren. Damals kam sie, wie viele Kinder und Jugendliche jetzt, auch nach Deutschland. Sie las deutsche Medizinbücher und lernte den Umgang mit der Stoffwechselerkrankung. Auf die Frage, was Tschernobyl für den weißrussischen Alltag noch heute bedeute, meint sie, dass es fast keine Familien ohne kranke Menschen gäbe. „Besonders weit verbreitet sind Gelenk- sowie Krebserkrankungen, aber eben auch der Diabetes.“ Generell gilt bei einer radioaktiven Verstrahlung das Prinzip der „umgedrehten Pyramide“, welche verdeutlichen soll, dass die Auswirkungen mit dem Abstand zum Geschehen ebenfalls zunehmen.

Dies betont auch Georg Tietzen, indem er sich für die Zukunft wünscht, „dass die Menschen begreifen, dass Tschernobyl nicht Vergangenheit ist und heute noch wirkt.“ Man dürfe sich nicht von Leuten aufhalten lassen, die glauben, dass man mit Atomkraftwerken die Energiefrage lösen könne. Auch Lena und Inga hoffen, dass Tschernobyl nie vergessen wird, da Nuklearkatastrophen wie diese überall passieren können. Für die Zukunft soll also weiterhin an Tschernobyl erinnert und seinen Opfern geholfen werden.

Unser Autor Marvin Pögelt (14) ist Jugendredakteur der SZ-Lokalredaktion in Kamenz.

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