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Wo Weißwasser seit 100 Jahren Schuhe kauft

Inhaber Tobias Hemmo ist stolz auf das Jubiläum. Der Familienbetrieb steht jetzt vor ganz neuen Herausforderungen.

Tobias Hemmo führt das Fachgeschäft für Schuh- und Lederwaren an der Bahnhofstraße in Weißwasser in vierter Generation.
Tobias Hemmo führt das Fachgeschäft für Schuh- und Lederwaren an der Bahnhofstraße in Weißwasser in vierter Generation. © Constanze Knappe

Schuhe und Lederwaren kauft man bei Hemmo. Was für Generationen in Weißwasser selbstverständlich war, ist es nicht mehr unbedingt. Und schon gar nicht in Corona geprägten Zeiten. Umso mehr zählt da ein Jubiläum – das 100-jährige Bestehen. Darauf blickt Tobias Hemmo, Jahrgang 1967, in diesen Tagen zurück. Er führt das Geschäft in vierter Generation.

Gegründet wurde es 1920 von Max Niefer. Der Urgroßvater ließ den Laden 1930 ausbauen und erweitern. 1946 kam die Schuhmacherwerkstatt von Otto Hemmo im Keller des Gebäudes in der Bahnhofstraße hinzu. 1955 übernahm Otto Hemmo das ganze Geschäft und begann, neben Schuhen auch Lederwaren zu verkaufen. Ab 1965 führte dessen Sohn Christian den Betrieb. Er baute 1969 um. Jedoch sei es nicht so ganz einfach gewesen, das Material dafür zu bekommen. Als „Kapitalist“, als der der Einzelhändler seinerzeit galt, musste er sich zum Beispiel Zement selbst eintüten.

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Das Schuh- und Lederwarengeschäft wurde in Kommission der DDR-Handelsorganisation HO geführt. Immer mit der Angst im Nacken, ob man als Nächstes enteignet würde, wie es den privaten Händlern ohne staatlichen Vertrag in den 60er und 70er Jahren erging. Die Umsatzzahlen wurden vorgegeben. Deshalb blieb der Laden zwischen Weihnachten und Silvester manchmal zu. Offiziell wegen Reparaturen. Tatsächlich aber, um die vorgegebenen Zahlen nicht allzu sehr zu übertreffen, sonst wäre dem halbstaatlichen Händler die Provision gekürzt worden. Ware wurde zugeteilt und kam meist dienstags. Danach wurden die Kunden wegen des großen Andrangs oft nur schubweise eingelassen. Christian Hemmo besorgte sich auch selbst Ware zum Beispiel von einer privaten Lederwarenmanufaktur, die in Leipzig unter anderem die begehrten Textilkoffer herstellte. 

Um mal Ware unter der Hand zu bekommen, die eigentlich für die Exquisit-Läden gedacht war, hatte er oft gefragte Glasartikel aus Weißwasser im Gepäck. Das wirkte Wunder! In den späten DDR-Jahren hatte er sechs Angestellte und durfte nicht so viel Lohn zahlen wie der staatliche Handel. Oft beschäftigte er Frauen, die wegen des Ausreiseantrags anderswo nicht mehr arbeiten durften, auch einige Lehrerinnen.

Westware und Mitsprache

Mit der Wende änderte sich fast alles im Leben der Ostdeutschen. Christian Hemmo wurde 1990 Mitglied der Garant Schuh AG und der Goldkrone GmbH, einer Einkaufsvereinigung für Lederwaren. Davon gab es im Westen einige. Sie buhlten um Mitglieder aus dem Osten, um sich Anteile auf dem neuen Markt zu sichern. Die Zusammenarbeit mit den Einkaufsvereinigungen war von ehrlicher Partnerschaft geprägt.„Eine Zeit lang war es wie ein rechtsfreier Raum“, meint Tobias Hemmo. Während 1991 im hinteren Bereich der Räumungsverkauf lief, wurde gleichzeitig der Laden komplett umgebaut und dem westlichen Verkaufsniveau angepasst. Heute käme da schnell der erhobene Zeigefinger, wenn nicht gar eine Strafe hinterher. Die erste Westware holten Hemmos bei der Goldkrone in Offenbach. Mehrmals fuhren sie hin und packten den Transporter voll. „Die haben Wunder gedacht, wie viele Läden wir haben“, so der heutige Chef.

Ein Jahr später wurde Christian Hemmo Mitglied im Aufsichtsrat der Garant Schuh AG. Ein Vertreter aus dem Osten der Republik sollte in dem bundesweiten Gremium vertreten sein. Der Weißwasseraner wurde mit übergroßer Mehrheit gewählt und bis zu seinem Tod 1996 mehrfach im Amt bestätigt. Wohl auch wegen seiner ehrlichen Art, mit der er bisweilen aneckte, statt alles widerspruchslos abzunicken.

Zum Glück habe sein Vater auch noch die Unternehmensnachfolge zum 31. Dezember 1995 geregelt, sagt Tobias Hemmo. Er erzählt, wie er als Kind im Lager mit Schuhkartons spielte. Nach dem Abitur in Weißwasser hätte er Binnenhandel in Leipzig studieren wollen, doch ohne eine Verpflichtung für drei Jahre Armee wurde daraus nichts. Man empfahl ihm die Fachschule für Handel in Görlitz. Zwischenzeitlich absolvierte er ein praktisches Jahr beim Schuhgroßhandel in Cottbus.

Online-Shop und Corona

„Früher hatten wir Probleme, vernünftige Ware zu bekommen. Heute ist die Frage, ob man sie auch verkaufen kann“, erklärt der gelernte Einzelhandelskaufmann. Man müsse sich drehen. Erst recht in einer Stadt wie Weißwasser, deren Einwohnerzahl weiter schrumpfen wird. Er beschäftigt eine Mitarbeiterin und wird außerdem noch stundenweise von seiner Mutter Barbara unterstützt, die seit 1969 im Geschäft tätig ist. Nur von dem Laden allein werde das Unternehmen auf Dauer nicht existieren können, ist sich Tobias Hemmo bewusst. Deshalb betreibt er seit 2013 einen Online-Shop. Er räumt aber ein, dass er da „ein bisschen blauäugig“ rangegangen ist. Bestellungen kommen mittlerweile sogar aus dem Ausland. Deshalb soll der Shop ausgebaut werden. Wenn das zum Laufen kommt, könnte er die Entwicklung im Ladengeschäft etwas entspannter sehen.

Während der Corona-Schließung hat Tobias Hemmo über Social Media Kontakt zu Kunden gehalten. „Unternehmer sein heißt, etwas unternehmen und das selbstständig, also selbst und ständig“, zitiert er eine altbekannte Weisheit. Die gelte mit Blick auf das 100-jährige Bestehen mehr denn je. Selten hat sein Arbeitstag nur acht Stunden. Für ein Hobby bleibt da kaum Zeit. Kurz vor der Schließung bekam er noch etliche Ware. Dass er die Rechnungen der Einkaufsgenossenschaft erst ein Vierteljahr später bezahlen muss, hilft wirtschaften. Am ersten Tag des Neustarts lief es richtig gut. „Aber die Umsätze holt man damit nicht auf“, betont Tobias Hemmo. Zum Jubiläum ist aktuelle Ware reduziert. Ohne Corona wäre da mehr drin gewesen.

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