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Der Mittelpunkt der Welt

Wölkau ist der kleinste Teil von Heidenau. Das hält seine Einwohner nicht davon ab, ihn zu mögen und wichtig zu machen.

Vonwegen Sackgasse: Für Siegfried Woywod (l.), Brunhilde Dittrich und Helfried Weigel ist ihr Wölkau das "größte kleinste" Dorf.
Vonwegen Sackgasse: Für Siegfried Woywod (l.), Brunhilde Dittrich und Helfried Weigel ist ihr Wölkau das "größte kleinste" Dorf. © Daniel Schäfer

Die älteste Wölkauerin ist Gertrud Lotze. Sie ist 100 Jahre und wohnt in dem Haus mit der Nummer 1. Ihre Tochter ist Evelin Jeschke. Beide haben nie woanders gelebt. Im Gegensatz zum 90-jährigen Helfried Müller. Der zog zwar 1936 nach Heidenau und fühlt sich als Heidenauer, doch Wölkau bleibt seine Heimat. Siegfried Woywod und Helfried Weigel sind in Wölkau 75 Jahre geworden. Für sie ist das kleine Fleckchen der Mittelpunkt der Welt. So wie es wohl für jeden der Ort seiner Kindheit, seines Lebens ist. 

Die Wölkauer aber haben auch ihre einstige Gaststätte so genannt. "Der Mittelpunkt der Welt" begleitete sie bis 1972. In der Schänke wurde gefeiert und sie zog Wanderer aus der Umgebung an. Nun ziehen die Wölkauer, wenn sie ein Bier trinken wollen, an den Lugturm. Auf den Siegfried Woywod noch für einen Groschen steigen konnte. "Die Treppe war damals schon baufällig." Nun soll der Turm wieder saniert werden. Der Lugturm wird so zur Brücke zwischen Gestern und Morgen, zum neuen Mittelpunkt.  

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Im Buch "Bilder aus der Vergangenheit" wurde auch an den Wölkauer "Mittelpunkt" erinnert.
Im Buch "Bilder aus der Vergangenheit" wurde auch an den Wölkauer "Mittelpunkt" erinnert. © „Bilder aus der Vergangenheit

Wer zum Wölkauer "Mittelpunkt der Welt" ging, sagte scherzhaft, er geht die Erdachse schmieren. Die war im Garten in die Wiese gesteckt und mit einem Eisenbahnrad zum Drehen versehen worden. Auf dem Dach der Laube an der Gastwirtschaft  befand sich eine Stahlblechkugel, die den Globus darstellen sollte. Den Namen soll die Gaststätte wegen der Nähe eines Breitengrades bekommen haben.  Manchmal waren mehr Leute in der Gaststätte als Wölkau Einwohner hatte. Gegründet 1877 hieß der letzte Gastwirt Winkler. Heute ist die Gaststätte ein Wohnhaus. Im Buch "Bilder aus der Vergangenheit Heidenaus“, das 1991 im Geiger-Verlag Horb am Neckar erschien, ist dem Wölkauer Mittelpunkt noch einmal ein kleines Denkmal gesetzt worden.

Wie viele Wölkauer gab es wann?

  • Die erste Einwohnerzahl stammt von 1764: Da waren es zehn Gärtner.
  • In der Folgezeit schwankte die Zahl immer wieder. Die 92 von 1919 ist eine der höchsten Zahlen. 
  • 1871 hingegen waren es nur 59, nachdem es 1834 schon mal 77 Wölkauer gab.
  • 1936 wurden 62 und zehn Jahre später 87 Einwohner gezählt.
  • Aktuell weist die Statistik für Wölkau 47 Einwohner aus.
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Wenn Siegfried Woywod wieder mal Fahrradverbot hatte, musste er laufen. Das Verbot bekam er oft "für alles Mögliche". Die Wege waren weit damals. Die Schüler gingen erst nach Niedersedlitz, später in die Schule an der Güterbahnhofstraße, in der sich heute die Schokoladenmanufaktur befindet. Wenn die alten Wölkauer ins Erzählen kommen, staunen sie selbst über ihre Erinnerungen. Über die Betrunkenen im Stall, den Großvater im Teich, von Unglücken und Feiern. Vom nächtlichen Wachen als die Wilderer umgingen und vom gemeinsamen Bau der Wasserleitung 1969. 

Bis nach Hamburg

Helfried Müller weiß viel. Sein Onkel war 1934 Bürgermeister. Ja, auch so was hatte das kleine  Wölkau mal. Bis 1934 sei auch der Nachtwächter gekommen, die zwei Laternen im Ort abends ein- und morgens ausschalten. Alles, was sich in der großen Welt ereignete, ereignete sich auch in Wölkau. Die Welt ist groß, Wölkau klein. Manche sind von Wölkau hinaus in die große Welt gegangen. Einer hat es sogar bis Hamburg geschafft. Wann das war? "Dessen Söhne sind auch schon über 90 Jahre", sagen die alten Wölkauer. Manchmal scheint es, als ob ausgerechnet am Mittelpunkt der Welt die Zeit ein bisschen stehen geblieben ist.

Wölkau von der Gründung bis heute

  • Die erste urkundliche Erwähnung Wölkaus stammt von 1420. Es ist damit der zweitjüngste Ortsteil von Heidenau.
  • Der älteste ist Gommern, das bereits 1288 auftauchte.
  • 1347 und 1349 folgten Mügeln und Heidenau.
  • Großsedlitz ist acht Jahre älter als Wölkau - seine Ersterwähnung war 1412. 
  • Erst 1501 tauchte Kleinsedlitz auf der geschichtlichen Bildfläche auf.
  • Auf Grundlage der Landgemeindeordnung von 1838 erlangte Wölkau die Selbstständigkeit als Landgemeinde und war Teil der Amtshauptmannstadt Pirna.
  • Am 1. Juli 1950 wurde Wölkau nach Heidenau eingemeindet und gehörte mit diesem ab 1952 zum Kreis Pirna. Heute gehört Heidenau zum Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge.
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Die Alten bedauern manchmal, dass es eben nicht mehr so ist wie früher. Der Zusammenhalt sei nicht mehr so. "Doch vielleicht sind wir selbst so geworden durch die Zeit", sagt Evelin Jeschke. Sie ist sicher, wenn sie heute jemanden um Hilfe fragen würde, würde jeder helfen. Um wieder ein Stück näher zusammenzurücken, wollten sich die Wölkauer am 6. Juni anlässlich des 600. Geburtstags ihres Mittelpunktes treffen. Mit denen, die wie Helfried Müller nicht mehr hier leben. "Mal wieder miteinander reden, sich zu sehen, zu erzählen", sagt Helfried Weigel. Doch Corona hat die Welt und auch Wölkauer Geschichte auf den Kopf gestellt. 

Mittelpunkt mit Zukunft

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So klein Wölkau ist, so sehr ist es doch Teil genau dieser Welt. Alles was sich in ihr abgespielt hat, hat sich in Wölkau widergespiegelt. Es wurde all die Jahrhunderte geliebt, gekämpft, gelacht, geheiratet, gestorben - und gefeiert. Letzteres meist am "Mittelpunkt der Welt". Der ist nun ein Stück weiter an den Lugturm gerückt. Und irgendwann wird dort 600 Jahre Wölkau nachgefeiert. Der jüngste Wölkauer ist übrigens noch nicht einmal ein Jahr. Der Mittelpunkt der Welt hat also Zukunft.

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