merken
PLUS Feuilleton

Wofür brauchen Sie Schlüpfergummi?

Karla Schützenmeister führt einen Tante-Emma-Laden in Mohorn. Es sind verrückte Zeiten, findet sie. Aber es passieren auch schöne Dinge. Ein Teil der Serie "Ich & Wir".

Karla Schützenmeister hat mit ihrem Mann Michael im Herbst letzten Jahres einen Laden übernommen in Mohorn, einem Ort direkt an der B 173 zwischen Dresden und Freiberg.
Karla Schützenmeister hat mit ihrem Mann Michael im Herbst letzten Jahres einen Laden übernommen in Mohorn, einem Ort direkt an der B 173 zwischen Dresden und Freiberg. © Ronald Bonß

Heute begann der Tag wieder sehr früh. Wir sind um fünf Uhr aufgestanden, haben schnell gefrühstückt und um 5.30 Uhr begonnen, zu telefonieren. Michael, mein Mann, hatte gestern einen Tipp bekommen, dass heute neues Klopapier geliefert wird bei einem unserer Großhändler in Dresden. Um 5.30 Uhr wusste niemand was. Wir haben immer wieder angerufen, und um kurz vor sechs Uhr stand fest: Michael kann hinfahren und unsere Ration holen. Ein Glück! Die Leute hier warten ja darauf. Für so kleine Läden, wie wir einen haben, gibt es maximal zwei Großpackungen pro Tag. Jede Großpackung enthält acht Pakete Toilettenpapier. Gestern hatten wir dreilagiges Umweltpapier. Heute gab es eine Luxusvariante, softweich mit vier Lagen. Es ist momentan egal, welches Papier wir in unserem Laden in Mohorn auslegen: Abends ist es weg. Mit den Küchenrollen ist es genauso.

Manchmal kommen Leute rein, die ganz verzweifelt sind, weil sie tatsächlich kein Klopapier zu Hause mehr haben und es entweder keins gibt – oder sie müssten lang anstehen. Da kommen sie zu uns, und da steht es plötzlich vor ihnen. Letzte Woche war ein Mann da, der hat gefragt, ob er wirklich eine ganze Packung mitnehmen kann. Er sah ein bisschen aus, als hätte er ein Wunder gesehen.

Technische Universität Dresden
TU Dresden News
TU Dresden News

Was passiert an der Exzellenzuniversität TU Dresden? Aktuelle News und Informationen finden Sie in unserer Unternehmenswelt.

Momentan ist viel los in unserem Laden. Tagsüber sind Michael und ich ständig beschäftigt, da kommt man nicht so zum Denken. Aber abends und nachts kommen die Gedanken hoch. Die Angst. Wir dürfen unseren Laden derzeit noch offenlassen, weil wir als lebensnotwendiges Geschäft eingestuft sind. Wir haben eine Post, wir führen Lebensmittel und Zeitungen. Aber jeden Tag kann sich alles ändern. Einer von uns könnte krank werden, was auch immer.

Vier Wochen Schließzeit würden wir durchhalten, aber wenn das länger geht – nein, ich will da nicht zu intensiv darüber nachdenken, das bringt nichts. Ich will ruhig bleiben. Das sage ich mir mehrfach am Tag. Neulich meinte meine Schwiegermutter zu mir: „Du rauchst aber viel, willst du dir das nicht mal abgewöhnen?“ Sie hat ja recht. Aber meinen Kaffee und eine Zigarette dazu brauche ich momentan, das beruhigt mich.

Dass das alles so kommt, war im Herbst nicht abzusehen. Michael und ich haben viele Jahre eine Gaststätte geführt. In Radebeul, in einer Gartensparte. Ich bin Köchin, Michael hat bedient und die Gäste betreut. Wir waren Gastwirte mit Leib und Seele. Mein Mann hat jedoch eine kaputte Bandscheibe, und ich habe ebenfalls Probleme mit dem Rücken. Es ging einfach nicht mehr. Aber wir sind ein Stück von der Rente entfernt, und wir wollten gern noch was machen. Letztes Jahr entdeckten wir eine Annonce, dass hier in Mohorn ein Ladenbesitzer einen Nachfolger sucht, für ein Geschäft mit Lotto und Postfiliale. Wir wohnen nicht weit weg, haben es besichtigt und schnell gemerkt, dass das etwas für uns ist, dass man etwas daraus machen kann. Mohorn ist zwar nicht so groß, aber der Laden liegt an der Bundesstraße 173. Er besteht aus zwei Räumen. Im Eingangsbereich hatte der Vorbesitzer Lotto und Post, das haben wir so gelassen. Gegenüber war mal ein Blumenladen. Da dachten wir: Super, das fehlt hier, wir nehmen Pflanzen und Blumen ins Sortiment, in den hinteren Raum. Mich hat das gefreut, denn mein erster Beruf ist Floristin. Ein Name war schnell gefunden: Wir nennen uns gegenseitig „Schü“, eine Abkürzung unseres Nachnamens. Also wurde das hier „Schü´s Shop“.

Uns war klar, dass man verschiedene Standbeine braucht, wenn man hier bestehen will. Deshalb bieten wir alles Mögliche an. Batterien, Schreibwaren, Bastelbedarf, Zeitschriften. Aber auch Dinge, die man nicht im Supermarkt bekommt. Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge, Brotaufstriche und Senf aus einer Manufaktur, Wurst vom Fleischer unseres Vertrauens, Honig und Eier von Leuten aus der Umgebung. Wir bieten auch handgefertigte Taschen. Und Töpferei, wie diese kleinen Taschen und Tiere, da kann man Geldscheine reinstecken, mit ein paar Blumen ergibt das ein schönes Geschenk. Präsentkörbe machen wir auch. Aber das wird momentan nicht so gefragt, es gibt ja keine großen Feiern.

Bis vor vier, fünf Wochen war das hier ein recht ruhiger Dorfladen mit einem vorwiegend älteren Publikum. Dann fing das mit Corona an. Ich habe es in den Zeitungen gesehen, die wir hier im Laden verkaufen. Die Leute haben immer öfters davon geredet. Irgendwann ist es mir auf die Nerven gegangen. Ich dachte wie viele andere auch, dass das nicht schlimmer wird als mit der jährlichen Grippe. Das hat man ja auch ständig so gehört und gelesen. Im Fernsehen sah man immer öfters die Bilder aus Italien. Erlebte, was alles geschlossen wird bei uns. In meiner Familie und im Bekanntenkreis habe ich gemerkt, wie schnell sich Dinge ändern können, von einem Tag auf den anderen. Wie plötzlich eine Angst da ist. Dass das alles bitterernst ist. Meine Freundin musste ihren Blumenladen schließen. Unser Neffe ist Restaurantfachmann, er war noch in der Probezeit und wurde als einer der ersten entlassen. Der Sohn meines Mannes ist Koch, er ist in Kurzarbeit. Wir begannen, darüber zu reden, was wir machen, wenn wir schließen müssten. Vielleicht einen Lieferdienst: Die Leute bestellen, und Michael bringt es ihnen.

Und da kamen dann immer noch Kunden rein, die meinten, das wäre alles Hysterie mit dem Abstand halten. Manche haben sich demonstrativ die Hand gegeben. Seit zwei Wochen haben wir ein Schild an der Tür, dass die Kunden bitte einzeln eintreten sollen und nur einer hinein darf. Es kam immer mal vor, dass einfach jemand reinkam und sich direkt neben den Kunden stellen wollte, den ich gerade bedient habe. Jetzt funktioniert es besser. Aber man muss trotzdem immer wieder aufpassen.

Der Großteil meiner Kunden bemüht sich, vernünftig und gelassen zu bleiben und das Beste aus der Situation zu machen. Es ist schade, dass wir momentan nicht lange reden können, denn fast immer wartet jemand vor dem Laden. Aber ein bisschen sprechen wir schon noch, und ich staune über die Menschen: Die sorgen sich nicht nur um ihre Familien und sich selbst. Viele machen sich Gedanken, wie das alles weitergehen wird. Was passieren kann, wenn die Ausgangsbeschränkungen lange bleiben und vielleicht noch strenger werden müssen. Und wie die Wirtschaft, die Selbstständigen, wie die Läden und die Gaststätten das alles bewältigen werden. Wir haben viele Kunden, die sagen: „Ich kaufe das lieber bei Ihnen als im Internet, denn ich will, dass Sie das hier überleben“. Ich finde das toll.

Unsere Kundschaft ist jetzt sehr gemischt vom Alter her. Es kommen neuerdings sogar Leute aus Freiberg, die zur Arbeit fahren. Stiefmütterchen und die etwas kleineren Hornveilchen sind momentan einer der Renner. Michael holt täglich mehrere Paletten, und abends ist fast alles weg. Die Leute sagen oft: „Na ja, das ist für die Gräber“. Dieser Tage hat Michael zu einer Frau gesagt, die fünf Paletten kaufte: „Da haben sie aber ganz schön viele Gräber. Sie können auch in den kommenden Tagen noch etwas kaufen, ich hole immer wieder Nachschub.“ Und sie: „Nein, es ist auch für mich. Man muss ja was zu tun haben, und es ist schön, was Buntes um sich zu haben.“ Auch das hören wir jetzt oft: „Ich brauche dringend etwas Schönes.“

Michael fährt momentan viel herum, um Ware zu organisieren. Wir haben inzwischen einen richtigen Bestellzettel, der täglich länger wird. Das hat sich so ergeben, weil immer häufiger Kunden kamen und meinten: „Können Sie mir das nicht besorgen? Ich brauche das dringend, will aber nicht weit fahren.“ Viele fragen jetzt nach Ostereierfarben und nach Gemüsepflanzen. Sobald die Saison beginnt, wird mein Mann Salatpflanzen mitbringen und anderes Gemüse. Neulich kam eine Frau, die erzählte, dass sie nirgends mehr Damenhygiene und Handseife im Nachfüllbeutel bekommen hat. Wenn einer fragt, lohnt es sich noch nicht so richtig, aber innerhalb von zwei Tagen fragten so viele nach Handseife, da haben wir das organisiert. Deshalb stehen wir derzeit so früh auf: Man muss bei vielen Sachen beizeiten beim Großhandel sein, sonst bekommt man nichts.

Lotto spielen die Leute übrigens noch genauso viel wie immer. Neu sind dagegen die ständigen Anfragen nach Schlüpfergummi. Also nach diesem Band, das man früher in die Unterhosen eingefädelt hat, wenn der Bund ausgeleiert war. Jetzt brauchen die Leute es für die Gesichtsmasken, denn ganz viele nähen Masken selbst. Michael hat schon viel versucht. Aber Schlüpfergummi haben wir bislang noch nicht aufgetrieben. Desinfektionsspray ebenfalls nicht.

Das ist eine sehr seltsame Zeit jetzt. Aber es passieren auch schöne Dinge, die mir Kraft geben. Eine Kundin kaufte mehrere österliche Bastelsets aus dem Erzgebirge. Sie lachte und meinte, schön, da kann sie ihrer Familie doch noch eine Freude machen und die Sets verschicken, denn sie wird Ostern nirgendwo hinfahren können. Ich hatte eine Süddeutsche Zeitung mitgebracht vom Großhandel, die kaufte ein Mann und meinte: „Ich habe Jahre keine gedruckte Zeitung gelesen. Aber jetzt habe ich endlich wieder Zeit dafür. Das ist schön.“

Und dann kam neulich ein älterer Kunde rein. Seine Frau war über Wochen in der Klinik gewesen und wurde kurz vor ihrem Geburtstag endlich entlassen. Ich habe ihm aus meinen letzten Schnittblumen einen Strauß für sie gemacht. Er war so glücklich darüber. Das hat mich sehr berührt, wie wertvoll und wichtig nun Dinge sind, die bis vor Kurzem noch so selbstverständlich waren.

Weiterführende Artikel

Sind Sie geimpft, Frau Taube?

Sind Sie geimpft, Frau Taube?

In der Hausarztpraxis in Berthelsdorf ist der pandemiebedingte Beratungsbedarf bei den Patienten sehr hoch. Ein Teil der Serie "Ich & Wir".

Wären Sie manchmal gerne böse, Frau Geisler-Witschas?

Wären Sie manchmal gerne böse, Frau Geisler-Witschas?

Die gelernte Krankenschwester gibt sich mit Vorliebe hart. Aber ihr Herz schlägt gleich laut für Metal und für notleidende Kinder. Ein Teil der Serie "Ich & Wir".

Was gibt Ihnen Hoffnung, Herr Wolf?

Was gibt Ihnen Hoffnung, Herr Wolf?

Ein Bestatter aus Ottendorf-Okrilla erzählt, wie er Menschen hilft, auf ganz andere Weise Abschied zu nehmen. Ein Teil der Serie "Ich & Wir".

Vorhin habe ich auch wieder etwas Schönes erlebt. Eine Frau betrat unseren Laden. Sie ist Physiotherapeutin. Sie guckte mich an und meinte: „Haben Sie Schmerzen?“ Ich sagte, ja, mich quält der Hexenschuss wieder ziemlich. Sie: „Ich hab meine Liege und alles im Auto, soll ich Sie kurz behandeln?“ Sie hat Schutzsachen angezogen und mich hier zehn Minuten massiert. Mein Mann hat die Stiefmütterchen vor dem Laden gegossen und Wache gehalten, dass niemand das Geschäft betritt. Jetzt geht es mir besser!

Notiert von Christina Wittig-Tausch.

Mehr zum Thema Feuilleton