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"Woher jemand kommt, ist letztlich egal"

„Tagesschau“-Moderatorin Linda Zervakis über griechischen Humor, deutsche Aufgeregtheit und warum sie „Woher kommst du?“ nicht stört.

„Tagesschau“-Moderatorin Linda Zervakis
„Tagesschau“-Moderatorin Linda Zervakis © Elissavet Patrikiou

Die Journalistin und Moderatorin Linda Zervakis verkündet in der „Tagesschau“ die Nachrichten aus aller Welt. Für ihr neues Buch „Etsikietsi“ spürte die 45-Jährige gemeinsam mit ihrer Mutter in der Geschichte ihrer Familie nach, die ursprünglich aus Griechenland stammt. Sie fand dabei auch ein Stück von sich selbst.

Frau Zervakis, Sie wurden in Hamburg als Tochter griechischer Gastarbeiter geboren. Haben Sie zu Hause viel über die Familiengeschichte gesprochen?

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Eigentlich hatten wir nie die Zeit dafür. Wir haben immer gearbeitet. Nach dem Tod meines Vaters war meine Mutter 17 Jahre lang jeden Tag 15 Stunden in dem Kiosk, den wir betrieben haben. Da bleibt keine Zeit, um über solche Dinge zu sprechen. Wenn meine Mutter um 21.30 Uhr nach Hause kam, ging sie ins Bett, weil ihr Wecker kurz vor 5 wieder klingelte. Erst als der Kiosk nicht mehr da war, kamen die Geschichten peu à peu zum Vorschein.

Eines Tages hat Ihnen Ihre Mutter quasi ihre Memoiren überreicht. Wussten Sie um deren Existenz?

Nein. Sie hat erst mit dem Schreiben angefangen, als sie nicht mehr arbeiten musste. Ein paar Dinge wusste ich natürlich schon, weil sie immer mal zwischendurch zur Sprache gekommen sind. Aber vieles war auch neu für mich.

Wie war die Lektüre für Sie?

Mich hat bewegt, wie wenig Freiheit meine Eltern und besonders meine Mutter im Vergleich zu mir genossen haben. Zwar musste ich in Deutschland auch mehr arbeiten als die anderen Kinder: An Wochenenden gingen die anderen aus – ich habe im Kiosk mitgeholfen. Das war für mich nicht ganz einfach, dennoch hatte ich mehr Freiheiten, als meine Eltern sie gehabt hatten. Ich konnte auf das Gymnasium gehen – und es hat keinen Pfennig gekostet.

Ihre Mutter konnte das nicht?

Sie hätte in Griechenland auch sehr gern eine weiterführende Schule besucht, aber die Familie konnte sich schon das Fahrgeld nicht leisten. Hinzu kam die Tatsache, dass meine Mutter noch einen jüngeren Bruder hatte, in den investiert wurde. Meine Mutter hingegen sollte einfach nur heiraten. Als ich von dieser Freiheitsberaubung gelesen habe, wurde ich wahnsinnig traurig. Wenn ich dieses Thema bei meiner Mutter anspreche, sehe ich, wie es sie schmerzt. Gleichzeitig freut sie sich natürlich, dass aus all ihren Kindern etwas geworden ist.

Sie sind dann mit Ihrer Mutter zu einer zehntägigen „Mutter-Kind-Kur“ ans Mittelmeer aufgebrochen.

Meine Mutter ist nicht der Typ, der sich allein in den Flieger setzen würde, um Urlaub zu machen. Deshalb habe ich gesagt: „Mutti, ich habe jetzt Zeit, wir machen das jetzt mal!“.

Das Buch trägt den Untertitel „Auf der Suche nach meinen Wurzeln“. Was hat die Suche für Sie ergeben?

Es war schön, zu sehen, dass Griechenland auch ein ganz großer Teil von mir ist. Ich bin zu der Erkenntnis gelangt, dass ich über diese andere Wurzel in mir sehr froh bin. Ich möchte mich nicht dafür entscheiden, was ich denn nun eigentlich mehr bin, griechisch oder deutsch. Ich trage beides in mir und empfinde das als große Bereicherung. Am Ende kommt es ohnehin immer auf den Charakter und das Wesen eines Menschen an, egal, welche Wurzeln er in sich trägt.

Was bedeutet der Titel des Buches: „Etsikietsi“ eigentlich?

So la-la. Wenn man in Griechenland gefragt wird, wie es geht, sagt man manchmal „Na ja, Etsikietsi“ – so und so.

Was können sich Griechen und Deutsche voneinander abschauen?

Die Deutschen könnten etwas entspannter sein und versuchen, ein bisschen Lockerheit in ihren Alltagsrhythmus zu integrieren. Umgekehrt wäre ein bisschen mehr Verbindlichkeit nicht schlecht. Viele Griechen, die ich kenne, sind wahnsinnig unpünktlich. Ganz oft heißt es, wir treffen uns um drei. Und dann kommen die Cousine oder der Cousin eben doch erst um vier, ohne vorher noch mal Bescheid zu sagen. Dann heißt es: „Entspann dich mal, wir haben doch gesagt, wir treffen uns am Nachmittag!“. Trotzdem sind Griechen auch wahnsinnig ordentlich, fleißig und gewissenhaft, auch wenn das manch einer nicht glauben mag. Viele haben zwei oder drei Jobs, um zu überleben. Wenn man die innere Ruhe der Griechen, die nicht alles immer sofort so tragisch nehmen, mit der aufgeregten Mentalität der Deutschen ausgleichen könnte, wäre es wohl die perfekte Mischung.

Was ist noch besonders an der griechischen Mentalität?

Humor und Melancholie liegen ganz nahe beieinander. Griechische Lieder sind oft todtraurig. Die Stimmung reicht von himmelhoch jauchzend bis tief ins Tal, aus dem man dann aber auch wieder rauskommt. Man lacht viel über sich selbst und die eigene Situation. Dieser Humor ist mir total angenehm. Im Dorf sitzen manchmal 20 oder 25 Menschen an einem Tisch, das liebe ich. Ich setze mich an eine Ecke und höre einfach nur zu. Eine Late Night Comedy im Fernsehen könnte nicht besser sein.

Ihr Buch wagt auch Ausflüge in Geschichte und Politik. So zeigen Sie, dass Mittelmeer-Flüchtlinge kein Phänomen unserer Zeit sind.

All diese Dinge gehören in Griechenland zum Leben dazu. Es war mir wichtig, auch darauf kurz den Fokus zu halten und nicht so zu tun, als gäbe es kein Problem.

Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass die „Tagesschau“, für die Sie heute arbeiten, in Ihrer Familie wie ein Gottesdienst behandelt wurde. Haben Sie also Ihren Traumjob?

Das würde ich schon sagen. Wir hatten zu Hause um 20 Uhr immer mucksmäuschenstill vor dem Fernseher zu sitzen. Und wehe, in dieser heiligen Viertelstunde ging das Telefon oder jemand hat gestört! Für meine Mutter ist es immer noch etwas Besonderes, dass ihre Tochter die Nachrichten in der wichtigsten deutschen Fernsehnachrichtensendung präsentiert.

Derzeit wird viel über Rassismus in Deutschland gesprochen. Wurden Sie schon jemals Zielscheibe ausländerfeindlicher Drohmails?

Nein, Gott sei Dank nicht. Ich bekomme höchstens Beschwerdemails, weil mein Anzug nicht richtig sitzt oder ich etwas falsch ausgesprochen habe. Nichts, was mit meinen griechischen Wurzeln zu tun hätte. Es gibt immer ein paar allgemein Verwirrte, die den ganzen Tag über meckern und wenn sie zwischendurch mal ein Zeitfenster haben, prominente Personen aus dem Fernsehen beschimpfen: Heute nehme ich mal die Zervakis! Aber das ist wirklich sehr, sehr selten.

Empfinden Sie die Frage nach der ursprünglichen Herkunft eines scheinbar aus einem fremden Kulturkreis stammenden Menschen als rassistisch?

Mich selbst stört es nicht, wenn ich gefragt werde, wo ich herkomme. Ich weiß, was damit gemeint ist. Ich wurde in den 80ern und 90ern sozialisiert, damals gehörte diese Frage dazu. Inzwischen hat sich das geändert. In der jüngeren Generation ist diese Frage, die vielleicht immer unwichtiger wird, äußerst unerwünscht. Eigentlich geht es doch nur um den Menschen: Entweder magst du jemanden oder nicht. Und es ist letztendlich egal, woher er kommt. Ich selbst finde die Frage nicht schlimm, kann allerdings verstehen, wenn andere weniger entspannt damit umgehen.

Gibt es Stellen, an denen Sie empfindlicher sind?

Was mich tatsächlich gestört hat, war, dass man mich seinerzeit in den Medien immer als „Erste deutsche Tagesschau-Sprecherin mit Migrationshintergrund“ vorgestellt hat. Ich mag dieses Wort einfach nicht. Warum hat es nicht genügt, mich als Nachfolgerin von Marc Bator zu präsentieren?

Haben Sie Ihre Mutter um die Erlaubnis gebeten, dieses sehr persönliche Buch veröffentlichen zu dürfen?

Auf jeden Fall! Was glauben Sie, was sonst los wäre? Ich habe sie schon beim ersten Buch gefragt und es ist Gott sei Dank abgesegnet worden. In diesem Fall auch, es gab auch keine Einsprüche. Ich habe wirklich damit gerechnet, dass es ihr zu persönlich ist. Deshalb habe ich sie vorne im Buch wie ein Denkmal abbilden lassen. Es ist ihre Ehrung.

Die Fragen stellte André Wesche.

„Etsikietsi – auf der Suche nach meinen Wurzeln“, Rowohlt Polaris, 208 Seiten, 16 Euro

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