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Woher kommen Sie wirklich, Herr Kwame Boashie?

In Dresden geboren, dunkle Haut: Calin ist Deutscher. Wird der junge Mann verbal angegriffen, kontert er meist mit Freundlichkeit. Aus der Reihe "Ich & Wir".

Calin Kwame Boashie ist 20 Jahre jung und an einem Samstag geboren, das bedeutet sein Mittelname. Er ging in Dresden zur Schule, hat eine Lehre als Koch abgebrochen und will nun Sozialarbeiter werden. Seine Leidenschaften sind Skateboardfahren und Kochen.
Calin Kwame Boashie ist 20 Jahre jung und an einem Samstag geboren, das bedeutet sein Mittelname. Er ging in Dresden zur Schule, hat eine Lehre als Koch abgebrochen und will nun Sozialarbeiter werden. Seine Leidenschaften sind Skateboardfahren und Kochen. © Jürgen Lösel

Ich komme aus Dresden. Mein Vater stammt aus Togo, meine Mutter aus Deutschland. Ich bin Deutscher. Manchmal klingt schon in der Frage, woher ich denn wirklich komme, Ablehnung mit. Früher war das total schwierig für mich. Weil ich als Kind nicht verstanden habe, wieso ich nicht dazugehören sollte. Wegen meiner Hautfarbe? Hier bin ich geboren, aufgewachsen. Ich hatte eine gute Kindheit und glaube, dass meine Mutter die Neustadt bewusst als Wohnort ausgewählt hatte. Das war in den 90ern der liberalste und sicherste Ort in Dresden. Ich war mit einem Jungen eng befreundet, der von sich und seinem Vater behauptete, sie seien Nazis. Vielleicht wusste er nicht, was ein Nazi ist?

Die ersten abfälligen Kommentare kamen im Sport, sogar von einem Trainer. Zum Glück hat sich sofort ein anderer Trainer eingeschaltet. Nee, ich war kein Fußballer, sondern beim Schwimmen und habe später Wasserball gespielt. In jedem Spiel gibt es irgendwelche Anpöbeleien. Man beschimpft sich halt. Wenn ein Weißer Blödmann oder Penner genannt wird, werde ich als Neger, Kanacke oder Affe betitelt und gefragt, ob ich eine Banane haben will.

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Ich habe auch in einem Kinderchor gesungen und dachte, dass dort die klugen Kinder aus der elitären Oberschicht sind. Aber es gab drei, vier Jungs, mit denen die Chorleitung sprechen musste, weil sie mich angefeindet haben. Die – oder ihre Eltern? – wollten nicht, dass ich da mitsinge. In dem Zusammenhang habe ich auch eine Art von – ich nenne es jetzt mal positiv konnotiertem Rassismus erlebt. Was ich damit meine? Klischees wie: Alle Schwarzen können gut singen und tanzen. Wenn ich es nicht kann, habe ich dann ein Defizit? Und wenn der Vater einer Freundin zu mir sagt: „Du bist einer von den Guten“, dann mag das nett gemeint sein, aber ich finde es nicht in Ordnung. Das widerspricht meinem Selbstverständnis als schwarzer Deutscher.

Seltsame Kommentare vom Lehrer

Wirklich verstanden, wie ich auf andere wirke, habe ich erst, als wir in einen anderen Stadtteil gezogen sind und ich raus musste aus meiner Blase. Ich kam auf ein Gymnasium, das eigentlich eine bunte Schule ist mit relativ hohem Migrantenanteil. Dort hörte ich zum ersten Mal von einem Lehrer seltsame Kommentare: „Auch du musst dich an die deutschen Regeln halten!“ „In Deutschland sitzt man nicht auf dem Tisch!“ Warum hat er nicht einfach gesagt: „Setz dich auf deinen Stuhl!“

Meine Mutter wollte, dass ich ohne Vorurteile aufwachse, dass ich mich und andere kritisch hinterfrage. Klingt vielleicht seltsam, aber die Nationalität, also das Deutsch-Sein, hat bei ihr nie so eine große Rolle gespielt. Jedenfalls hat sie es nicht zugelassen, dass ich mich für meine Hautfarbe schäme. Zu meinem Vater habe ich keinen Kontakt. Als ich vier oder fünf war, haben wir ihn einmal in Togo besucht. Aber er interessiert sich nicht für mich, und ich habe keine Beziehung zu ihm und seiner Kultur.

Zu meinen Urgroßeltern, die schon über 90 sind, und zu meiner Oma habe ich ein enges Verhältnis. Sie sind immer für mich da. Meine Mutter erzählte mir mal, dass sie mit einer Freundin unterwegs war, ich im Kinderwagen. Dann wollte meine Mutter etwas in einem Laden kaufen und bat ihre Freundin, draußen auf mich aufzupassen. Sie hat abgelehnt mit der Begründung, dass die Leute ja denken könnten, sie hätte mit einem Neger geschlafen.

Als ich älter war, hat meine Mutter sich gesorgt, wenn ich nachts alleine losgezogen bin. Eine schlimme Erfahrung hab ich mit 15 gemacht. Ich war das erste Mal in einem Klub und wurde von einem Typen gewürgt, weil ich angeblich ihn und seinen Bruder bei der Polizei verpfiffen hätte. Ich wusste gar nicht, wovon der redet, aber das hat nichts genutzt. Zum Glück kamen mir andere zu Hilfe. Das hat mich sehr berührt, denn ich weiß nicht, wie das sonst ausgegangen wäre. Meiner Mutter habe ich davon übrigens erst vor ein paar Wochen erzählt. Ich wollte damals nicht, dass sie noch mehr Angst um mich hat.

"Ich denke auch, dass ich privilegiert bin"

Ich will mich nicht davor fürchten, dass an jeder Ecke einer auf mich lauern könnte. Interessiert mich nicht mehr. Davon lasse ich mich nicht einschränken, dass es irgendwelche Vollidioten gibt, denen meine Hautfarbe nicht gefällt. Das hat lange gedauert, ich habe das mit mir selber ausgemacht. Passieren kann immer und überall etwas. Das Leben ist nun mal lebensgefährlich. Aber deshalb verstecke ich mich doch nicht. Es gibt mittlerweile so viele irrationale Ängste. Angst vor Überfremdung, Angst vor Einwanderung, Angst vor sozialem Abstieg. Jeder ist selbst in der Verantwortung, wie sehr er sich davon beeinflussen lässt.

Allerdings denke ich auch, dass ich privilegiert bin, weil ich bis jetzt glimpflich davongekommen bin. Institutionelle Diskriminierung kenne ich gar nicht. Noch nie hatte ich Stress mit der Polizei. Liegt es an mir? Ist es Zufall oder pures Glück? Klar, es hängt auch davon ab, wie man auftritt. Aber kein Polizist sollte jemanden einfach anhalten und seine Personalien überprüfen, bloß weil er kein Weißer ist. Ich denke, dass es manchen Leuten leichter fällt und es ihnen durch die AfD vielleicht auch leichter gemacht wird, Fremde und die, die sie dafür halten, zu beschimpfen oder anzugreifen.

In einer Spielstraße, in der ich öfter mit meinem Skateboard war, hatte ich lange Zeit keine Probleme. Bis mich eines Tages von einem Balkon aus einer beschimpfte: „Du blödes Kanackenkind. Verpiss dich, du Neger!“ Ich habe gelacht und mir Kopfhörer ins Ohr gesteckt. Der wurde immer lauter. Dann habe ich zu ihm gesagt, dass er doch vernünftig mit mir reden soll. Aber er brüllte nur: „Halt dein Maul, du dummer Neger, verpiss dich!“ Eine Frau kam aus dem Haus und sagte zu mir: „Wenn Sie ihn anzeigen wollen, dann kann ich bezeugen, was hier passiert ist.“ So viel Solidarität fand ich sehr berührend. Als ich ihr sagte, dass ich ihn nicht anzeigen werde, weil es ja sowieso nichts bringt, war sie völlig entgeistert. Ein paar Tage später habe ich die anderen Jungs gewarnt: Nehmt euch in acht vor dem. Hat nichts genutzt, sie hatten mehr Pech als ich. Der Mann hat mit Steinen nach ihnen geworfen. Einer wurde am Arm verletzt und hat schließlich Anzeige erstattet.

"Es wäre schon gut, wenn die Leute keine Angst hätten, zu helfen"

Es hängt von der Situation ab, ob mich einer mit Worten verletzen kann. Dann kann ich schon mal laut werden. Aber meistens reagiere ich mit Freundlichkeit. „Schönen Tag noch“, „Danke, Ihnen auch“ oder so. Die meisten sind dann so perplex, dass sie still sind. Manche werden allerdings erst richtig wütend. Ich werde mich nicht auf deren Niveau herunterziehen lassen, das wäre schlimm, das will ich nicht.

Ich habe auch keine Lust, diese Leute aufzuklären. Es ist nicht meine Aufgabe, sie zu erziehen, und ich bin auch nicht politisch aktiv. Klar, ich rede mit Freunden drüber. Aber man umgibt sich ja nicht mit Leuten, mit denen man immer nur streiten müsste. Rassismus kann man nur entleeren durch Kommunikation, durch Miteinander, durch Kennenlernen. Klar, das könnte man politisch und institutionell angehen. Aber es wäre schon gut, wenn die Leute keine Angst hätten, zu helfen. Öffentliche Anfeindungen würden mehr Widerspruch kriegen, das wäre schon was. Zivilcourage ist nicht nur nötig, wenn Leute körperlich attackiert werden. Diskriminierung beginnt mit Worten. Klar, manches rutscht den Leuten so raus und ist vielleicht gar nicht böse gemeint. Aber in der Sprache zeigt sich meiner Meinung nach schon, wie einer denkt. Gendern und political correctness finde ich ganz wichtig, damit sich niemand ausgeschlossen fühlt.

Mich beeindruckt es, wie viele Leute in den USA und auch hier in Dresden trotz Corona auf die Straße gehen und für ihre Rechte kämpfen, obwohl sie wissen, da draußen ist der Tod. Ihnen ist es wichtiger, auf Unterdrückung aufmerksam zu machen, als Angst zu haben. Die Diskriminierung der people of color in den USA ist schlimmer als die Corona- Krise. Ich denke, Corona wirkt auch hier wie ein Katalysator, da entsteht extra Druck, der die Ängste anheizt. Aber mit Angst zu leben ist keine Alternative. Besser finde ich, wenn man sich hilft und gegenseitig Mut macht. Ich möchte später mit Jugendlichen arbeiten, die nach einer Krise oder einem schwierigen Lebensabschnitt versuchen, sich ihr Leben aufzubauen. Deshalb beginne ich jetzt mit dem Fachabitur für Gesundheit und Soziales. Ich bin ein empathischer Mensch und habe eine soziale Ader. Was gibt es Besseres, als anderen zu helfen?!

Notiert von Birgit Grimm. In der Reihe „Ich & Wir“ erzählen Menschen aus Sachsen, wie sie die Brüche in der Gesellschaft erleben.

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