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„Wohin ist unser Vertrauen entschwunden?“

Reinhold Messner findet im SZ-Exklusiv-Interview aktuelle Bezüge beim Überlebenskampf vor 100 Jahren und erklärt seine neue Gelassenheit.

© picture alliance / dpa

Von Jochen Mayer

Reinhold Messner wagte sich in Neuland. Der Südtiroler kletterte in Todeszonen jenseits der 8 000 Meter, durchquerte ewiges Polareis und lebensfeindliche Wüsten. Jetzt entdeckt der 73-Jährige Sternstunden der Expeditionsgeschichte neu wie das gescheiterte Südpolwagnis von Ernest Shackleton vor 100 Jahren. Aus der erhofften Antarktis-Durchquerung wurde ein monatelanger Überlebenskampf. Was der eigentliche Held dabei leistet und was sich daraus heute noch lernen lässt, darüber erzählt Messner in seinem neuen Multimediavortrag, den er zweimal in Dresden präsentiert. Warum ihn gerade diese Expedition so beschäftigt, erklärt er im Interview mit der Sächsischen Zeitung.

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Herr Messner, sind Sie selbst ein Überlebenskünstler?

Das würde ich mir nicht herausnehmen. Aber dass ich überlebt habe, grenzt schon an ein Wunder, wenn man sieht, was ich alles gemacht habe. Ich hatte auch Glück, das hat der Kunst etwas nachgeholfen.

Lässt sich Glück erzwingen?

Nein. Wer nur auf Glück baut, ist ein Glücksspieler. Schon bei der Vorbereitung auf Expeditionen muss alles ziemlich perfekt sein. Da sind mir deutsche Lebensgewohnheiten sehr wichtig: Planung, Organisation, Ausrüstung, richtige Partner sind Voraussetzungen für waghalsige Projekte. Dann muss man ab und zu auch noch Glück haben. Wenn ein Sturm in der Antarktis mit Windgeschwindigkeiten von 150 km/h kommt und das Zelt ist nicht geschützt, hat man keine Chance.

Wie groß ist denn der Anteil des Willens bei den Expeditionen?

Den Willen kann jeder trainieren wie die Muskeln. Allerdings lässt er in großen Höhen nach, man wird apathisch. Dann muss der Wille gut trainiert sein, damit das Restchen, was noch bleibt, einen nach oben bringt.

Ändert sich der Wille im Alter?

Wie Ausdauer, Geschicklichkeit, Schnellkraft lässt auch der Wille nach. Allerdings viel später als der Rest. Das Gehirn ist auf Meereshöhe voll durchblutet, wer gesund ist, hat die Möglichkeit, ziemlich lange einen starken Willen zu haben. Wir werden auch altersweise, sind nicht mehr so stur wie in jungen Jahren.

Sind Sie jetzt altersmilde?

Das ist der richtige Ausdruck. Ich konnte früher stur meine Sachen durchsetzen, zum Teil ganz hart. Niemand sollte mir dabei in die Quere kommen, um meine Projekte zu stören. Wenn ich heute merke, da geht was nicht, dann mache ich etwas anderes. Ich gehe meinen Leidenschaften nach, aber ich lasse mir die Lebensräume nicht vermiesen, weil jemand verhindern will, dass ich eine meiner Geschichten umsetze. Das habe ich erst in den vergangenen Jahren gelernt. Ich will meine letzten Jahre genießen, das geht nur, wenn ich meine Sachen durchsetzen kann. Ich habe noch viele Projekte, dafür reicht meine Lebenszeit nicht. Also kann ich auswählen und Wege gehen, wo es weniger Widerstände gibt.

Bereuen Sie, früher vielleicht zu hart gegenüber anderen gewesen zu sein?

Nein, das nutzt auch nichts. Ich übernehme die Verantwortung für das, was ich getan habe. Das erwarte ich auch von anderen. Dabei könnte ich sagen: Tut mir leid, heute ist klar: Ihr hattet ja recht, dass ihr mich bremsen wolltet. Aber ich habe andere nicht gebremst und mich bemüht, allen ihre Freiräume zu lassen. Durch Neid gab es Situationen in der lokalen Kulturszene, zum Beispiel, als versucht wurde, meine Aktivitäten auf null zu stellen. Ich bin nicht gerade lieb Kind gewesen, auch weil ich mich gewehrt und durchgesetzt habe.

Kommen Sie als Extremsportler im Alltag besser zurecht, weil Sie flexibler und härter sind?

Den Ausdruck Extremsportler mag ich nicht, ich bin überhaupt kein Sportler. Ich tue etwas, was eine sportliche Dimension hat, aber im Grunde ist es eine kulturelle Äußerung. Mich interessiert, was passiert zwischen Mensch und Natur und Wildnis in archaischen Räumen. Dafür brauche ich auch eine sportliche Fähigkeit. Aber viel wichtiger ist, dass ich das Ganze über den Kopf durchdringe, die Historie und Philosophien kenne. Es gibt keine sportliche Tätigkeit, die so viel Literatur hervorgebracht hat wie die Bergsteigerei oder Polfahrerei. Das sind großartige Möglichkeiten der Auseinandersetzung. Das Bergsteigen ist ja erst 250 Jahre alt, beginnt mit der Aufklärung. Der Mensch will ja nicht umkommen in der Todeszone. Wir tun das, um zu schauen, ob wir das überleben können. Es klingt widersinnig, aber wir tun es.

Helfen denn Erfahrungen aus der Wildnis und all die Philosophien im Alltag?

Der Beweis ist mein Museum. Meine Lebenshaltung und Lebensart funktioniert auch in einer anderen Welt. Das fasziniert inzwischen Manager auf der ganzen Welt. Früher wurde gesagt, der Messner ist ein Verrückter, der steigt auf höchste Berge, alleine und ohne Sauerstoff. Und was ich aufgebaut habe, ist ein Unternehmen, das funktioniert. Wir sind das einzige freiwirtschaftliche Museum zwischen München und Verona, das keine Subventionen nimmt – mit einem winzigen Thema. Ich setze Visionen um, dann sind das Kunstwerke oder funktionierende Unternehmen. Ich bin dabei, ein neues aufzubauen – eine Film-Produktionsfirma. Das Filmemachen am Berg und in der Wildnis lerne ich jetzt mit 73 Jahren. Ein weiteres als dieses siebente Leben wird es nicht geben.

In Managerkursen ist auch die Shackleton-Expedition ein Lehrbeispiel. Was reizt Sie an dieser Geschichte?

Shackleton war ein Haudegen. Der traf schnell Entscheidungen, wenn er mit dem Rücken zur Wand stand. So kühn, wie es kaum ein Manager tun sollte, sonst würde er Firmen an die Wand fahren. Shackleton scheiterte ja bei all seinen Unternehmungen. Im Wild-Vortrag will ich zeigen, wie es wirklich funktionierte. Frank Wild war der vorsichtige Mann im Hintergrund, der alles zusammengehalten hat. Ich erzähle die Geschichte völlig neu.

Was ist das Besondere daran?

Es ist eine einmalige Geschichte der Menschheit. Shackleton hätte ohne seinen Stellvertreter nie überlebt, das geht aus den Tagebüchern hervor, wenn man sie richtig liest. Man muss sich von der einseitigen Erzählung verabschieden, Shackleton hätte alle gerettet.

Demontieren Sie einen Mythos?

Ich lasse ihm seinen Ruf, dass er der kühnste Entscheider war. Aber es gab ein Korrektiv, das war Wild. Er hat den Leuten vertraut – und die ihm. Das ist genau das, was uns heute fehlt – zwischen der Politik und den Menschen, zwischen den Führungskräften und Menschen, auch zwischen den Medien und den Menschen. Da gibt es einen Vertrauensverlust. Frank Wild zeigt uns, wie Vertrauen entsteht. Ich glaube, dass jetzt in Deutschland vielleicht doch die Kurve gekriegt wird. Aber nicht mit den Sprüchen, wie sie die AfD macht.

Sie machen die alte Geschichte zu einer sehr heutigen?

Ich frage mich auch im Vortrag, wohin unser Vertrauen entschwunden ist, auch unser Gottvertrauen. Das betrifft ja nicht nur die Deutschen, das sieht man überall auf der Welt, wo den Leuten paar Brocken hingeworfen werden – aber keine Lösungen, keine Antworten. Viele wissen zum Teil ja gar nicht, warum sie diese Ängste haben. Wild hat mit jedem Einzelnen geredet. Er kannte Stärken und Schwächen von jedem. Er hat Empathie gezeigt und verstand seine Männer. Aber er forderte auch Verständnis für die gemeinsamen Probleme, die dramatische Lage und suchte nach gemeinsamen Lösungen. Er baute kein kommunistisches System auf, sondern eins, bei dem es Empathie zwischen allen Teilnehmern gab. Die Fäden liefen bei Wild zusammen. Und er nahm selbst die größten Entbehrungen auf sich, hat für alle gelitten und allen geholfen.

Klingt das wie ein utopischer Gesellschaftsentwurf?

Das gelingt nur in kleinen Gesellschaften. Bei der Shackleton-Expedition sind es 28 Leute. Darüber hinaus funktioniert es leider nicht.

Reinhold Messner „Wild – der letzte Trip auf Erden“ Livevortrag in der Reihe „Bilder der Erde“, Rundkino Dresden, 4. Dezember (Mo./ausverkauft), 8.12. (Fr./20 Uhr).