merken

Wohin mit dem Schuldenkmal?

Bischofswerdaer Gymnasiasten holen Vergangenheit ihrer Schule in die Gegenwart. Lohnenswert, aber nicht einfach.

© Dirk Zschiedrich

Von Ingolf Reinsch und Gabriele Nass

Anzeige
Mit Oppacher gelassen losradeln

Eine ausgedehnte Fahrradtour ist fabelhaft – wenn sie gut vorbereitet ist.

Die Jüngsten waren gerade mal 18, als sie in den Jahren 1914 bis 1918 sterben mussten. So jung, wie die Zwölfer des Goethe-Gymnasiums, für die in wenigen Wochen die Abiturprüfungen beginnen. Zwei Denkmale verbinden die Generationen, zwischen denen ein ganzes Jahrhundert liegt: ein Denkmal, das es einst an der Bischofswerdaer Goetheschule gegeben hat, und ein weiteres, das dort wieder entstehen soll.

Dieser Findling ist der Grabstein für Paul und Klara Kegel. Er steht auf dem Alten Friedhof in Bischofswerda. Paul Kegel war von 1945 bis 49 erster Nachkriegsdirektor des heutigen Goethe-Gymnasiums. In der Zeit erhielt die Schule den Namen Goethes. Der St © Ingolf Reinsch
Das Schuldenkmal stand bis 1982 am Eingang der Goetheschule. Es erinnerte an drei Lehrer und 49 Schüler, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Das Monument bestand aus 18 Granitplatten, in der Mitte ein Schwert; auf zwei Seitentafeln die Namen der 52 Gef © Stadtarchiv Bischofswerda

60 Jahre lang, von 1922 bis 1982, erinnerte ein Denkmal am Eingang der Schule an die 49 Schüler und drei Lehrer des einstigen Königlich-Sächsischen Lehrerseminars, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Dann wurde das Monument geschleift und durch eine Gedenktafel für den Antifaschisten Fritz Schulze ersetzt. Einige seiner Granitsegmente fand der frühere Lehrer und langjährige Vizevorsitzende des Museums- und Geschichtsvereins, Gottfried Kretschmar, später auf dem Gelände eines Baugeschäftes. Andere Teile sind verschollen, wahrscheinlich für immer.

Seit vier Jahren beschäftigen sich Schüler der zwölften Klasse des Goethe-Gymnasiums mit einem neuen Schuldenkmal. Es soll das historische Erbe einbeziehen, aber auch der heutigen Zeit gerecht werden. Die Arbeitsergebnisse werden von Jahrgang zu Jahrgang weitergegeben. Aus drei Entwürfen, die die Abiturienten von 2013 angefertigt hatten, wählten sechs Schüler jetzt einen aus und entwickelte ihn weiter.

Denkmal im Schulhaus

Ihr Vorschlag: Vorhandene Steine und Plexiglas sollten zu einem neuen Denkmal zusammengefügt werden. Die 52 Namen der Gefallenen, die am „alten“ Monument auf Seitentafeln standen, sollen auch darauf zu lesen sein. Damit alle Namen richtig geschrieben werden, glichen Schüler die Aufschriften am früheren Denkmal mit der Datenbank der Deutschen Kriegsgräberfürsorge ab. Das neue Denkmal soll nicht mehr vor der Schule stehen, sondern im Schulhaus. An einem würdigen Platz in einem Gang vor einer dunklen Wand, die durch LED-Leuchten angestrahlt werden könnte. Der Platz soll aber auch „nicht zu zentral sein“, sagen Schüler und begründen es: Den Schulalltag bestimmen andere Dinge als Krieg.

Anerkennung und Bedenken

Als die Schüler ihre Ideen kürzlich vor Gästen, darunter Vertreter der Denkmalschutzbehörde und des Museums- und Geschichtsvereins, vorstellten, gab es für ihre Arbeit viel Anerkennung. Aber auch Bedenken. So sieht es Verena Mittasch von der Denkmalschutzbehörde kritisch, aus einzelnen Steinen ein neues Denkmal zu schaffen und dafür möglicherweise auch vorhandene Granitblöcke zu halbieren, damit sie im Schulhaus nicht so wuchtig wirken wie beim Original einst vor dem Gebäude. „Vielleicht gibt es später Generationen, die das Denkmal als Ganzes wieder aufbauen möchten“, sagt sie. Fehlende Steine ließen sich dann auch ersetzen. „Warum wollt ihr das Denkmal in die Schule reinbringen?“, stellte Verena Mittasch die vielleicht entscheidende Frage. Alle Planungen in den vergangenen vier Jahren waren davon ausgegangen, dass das neue Denkmal im Schulhaus stehen wird. Doch nun gibt es eine neue Denkrichtung. Sollte das Monument vielleicht doch wieder vor der seit 1975 unter Denkmalschutz stehenden Schule aufgebaut werden?

Dessen Abriss 1982 habe gegen DDR-Recht verstoßen, sagt Gottfried Kretschmar. Er regt an, bei einem neuen Schuldenkmal auch die gefallenen Schüler des Zweiten Weltkrieges zu berücksichtigen. „Eine Gefallenenliste bis zum 30. August 1944 liegt bei mir vor“, sagte Kretschmar. Thomas Schmidt, der stellvertretende Schulleiter, sagt: „Es ist wichtig, dass die Schüler einen Bezug zu einem künftigen Denkmal haben und sich damit identifizieren“. Daher lasse man sich bei der Erarbeitung Zeit, setze auf Diskussion statt sich selbst unter unnötigen Zeitdruck.

Ehre auch für Paul Kegel

Eine zweite Schülergruppe am Gymnasium beschäftigte sich mit dem Andenken Paul Kegels. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg Direktor war, wurde die Schule nach Goethe benannt. Die Schüler möchten das würdigen. Auf dem Schulgelände! Ihr Vorschlag: Kegels Grabstein sollte vom Alten Friedhof in Bischofswerda auf den hinteren Schulhof versetzt werden. Gymnasiasten wollen sich dafür einsetzen, dass der Stein gereinigt und fehlende Buchstaben ergänzt werden. Neben dem Stein soll eine Tafel Daten aus Kegels Leben zeigen. Die Schüler haben sogar schon mit Firmen gesprochen und die Kosten dafür überschlagen: 680 Euro würde alles nach ihrer Rechnung kosten, einschließlich Transport.

Doch auch hier ist der Denkmalschutz skeptisch. „Friedhöfe bewahren das Andenken an Menschen. Einen Stein nimmt man dort nicht einfach weg“, sagt Verena Mittasch. Wer Spuren von Persönlichkeiten sucht, geht meist zuerst auf den Friedhof.

Träger des Alten Friedhofes ist die Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde. „Wir sind nicht Eigentümer des Steines. Wenn es Eigentümer gibt, dann wären das die Nachkommen Paul Kegels“, sagt Pfarrer Dr. Tobias Mickel. Die Kirchgemeinde würde zwar eine Verlegung des Steines nicht verhindern. „Aber es gibt gute Gründe, den Stein dort zu lassen, wo er jetzt ist“, sagt auch der Pfarrer.

Als Alternative schlagen die Schüler vor, eine Gedenktafel für Paul Kegel auf dem Friedhof aufzustellen. Doch auch das sehen Denkmalschützer und Pfarrer kritisch. Es wäre ein Präzedenzfall. Besser wäre es da schon, eine Tafel am Gymnasium aufzustellen und dort auf den Grabstein auf dem Friedhof zu verweisen. Auch für diese Varianten haben die Schüler einen Vorschlag: Gymnasiasten übernehmen die Patenschaft über den Gedenkstein. Möglicherweise schon im nächsten Schuljahr.

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.