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Wohnen in der Schule

Seit 1886 gehört der Klinkerbau zum Stadtbild. Und der hat schon so einiges erlebt.

Von Uwe Schulz
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Thomas Gröbe gehört zur Eigentümergemeinschaft der alten Musikschule in der Schulstraße. Er steht hier auf dem Balkon der Wohnung, die als letztes fertiggestellt wird.
Thomas Gröbe gehört zur Eigentümergemeinschaft der alten Musikschule in der Schulstraße. Er steht hier auf dem Balkon der Wohnung, die als letztes fertiggestellt wird. © Foto: Uwe Schulz

Hoyerswerda. Der Ziegelbau in der Schulstraße hat schon einiges erlebt: Lärmende Schulkinder, Menschen, die hier ein Instrument erlernten, Anwälte, Richter, Straftäter. Die Natursteinstufen in den drei Treppenhäusern sind von abertausenden Füßen an einigen Stellen deutlich abgearbeitet worden. 

Jetzt werden sie täglich nur noch von wenigen Menschen benutzt. Denn das Gebäude hat eine neue Nutzung bekommen: Wohnhaus. 2014 konnte eine vierköpfige Investorengemeinschaft die Schule samt Grundstück erwerben. Nicht für den Eigenbedarf, sondern um 15 Wohnungen mit Größen von rund 50 bis 110 Quadratmetern für die Vermietung zu schaffen. Nach und nach wurden die Wohnungen hergerichtet. Vieles war an dem unter Denkmalschutz stehenden Objekt zu tun, erinnert sich Thomas Gröbe, Bauingenieur mit Faible für alte Bauten und einer der Eigentümer. Entkernung, Asbestsanierung, Aufarbeitung von Türen und Nachbau der zwar erhaltenen aber maroden Außentüren gehörten dazu. Schornsteine wurden rausgerissen, die Öffnungen verschlossen. Jetzt wird alles mit Gas beheizt. Die feuchten Kellerwände wurden freigelegt und von außen gesperrt. Einige Kellerräume konnte man vertiefen und so wieder Stehhöhe schaffen. Vor zwei Jahren, so Thomas Gröbe, konnten die ersten Mieter einziehen. An der letzten Wohnung unterm Dach wird noch gebaut. Auch sie soll bald fertig sein. Er schätzt, dass die Eigentümergemeinschaft 1,6 bis 1,7 Millionen Euro investiert hat, darunter viele Eigenleistungen. Bei der Sanierung der Holzdecken und der Dielung fanden sich Zeugnisse aus der Schulgeschichte. Da lag tatsächlich das Hitler-Jugend-Abzeichen unweit eines Abzeichens für gutes Wissen aus DDR-Zeiten.

Krakeleien in der Zelle

1885 wurde mit dem Bau „Evangelischen Stadtschule“ begonnen. Am 1. Juli 1886 feierte man die Einweihung der neuen Schule mit einem Schülerzug vom Burglehnhaus (heute findet man dort die Sparkasse). Bauingenieur Thomas Gröbe ist fasziniert, wie schnell damals gebaut wurde. Heute sind die Anforderungen an die Gebäude viel größer. Und länger als der Rohbau dauert längst der Innenausbau mit allen Installationsarbeiten.

Die Schule hatte ursprünglich zwölf Klassenräume, Mädchen und Jungs wurden getrennt unterrichtet. Neun Jahre nach der Schuleinweihung wurde das Gebäude bereits Richtung Süden erweitert um drei Klassenräume. Wenige Jahre später musste eine ganz neue Schule gebaut werden. 1913 nahm die neue Schule nebenan ihren Betrieb auf – als Knabenschule. Die alte Schule wurde zur Mädchenschule. Zum 50. Jubiläum dann die erste große Renovierung. Die Öfen wurden durch eine Zentralheizung ersetzt, man tauschte auch die Fenster aus. Zu DDR-Zeiten wurde die Schule die erste Polytechnische Oberschule der Stadt, bis in den 1980er-Jahren die Schulnutzung aufgegeben wurde. Die Musikschule und das Amtsgericht, das wegen baupolizeilichen Gründen aus dem Schloss ziehen musste, fanden hier 1989 ihr neues Domizil. Damals wurden im Keller auch Stahltüren und winzige Hafträume eingebaut. Sie sind bis heute erhalten – samt Krakeleien, die ins Holz der Tische geritzt worden waren. Das Gericht zog 1995 wieder aus, die Musikschule 2010. Dann folgte noch eine Interimsnutzung durch das Lessing-Gymnasium. Dann der Leerstand, jetzt die Belebung.

Die Mieter haben ihre Waschmaschinen im Keller angeschlossen. Platz für Fahrräder (auch ans Laden von E-Bikes wurde gedacht) und Ähnliches ist reichlich. Draußen gibt es Pkw-Stellplätze, Platz für Kinder zum Spielen. Und jede Wohnung konnte auf der Westseite einen Balkon bekommen. Thomas Gröbe freut sich, dass viele junge Leute eingezogen sind, hier jetzt einige Kinder leben. Wahrscheinlich werden sie in ein paar Jahren gleich in der Grundschule nebenan lernen können. Vom Balkon hat man einen guten Blick auf den Schulhof, der am Abend und am Wochenende natürlich verwaist ist und den Mietern in dem alten Schulgebäude mit der markanten Klinkerfassade dann Ruhe garantiert.

1886 wurde das Gebäude als Schule eingeweiht und schon neun Jahre später erweitert.
1886 wurde das Gebäude als Schule eingeweiht und schon neun Jahre später erweitert. © Foto: Uwe Schulz
Blick aus einer Dachgeschosswohnung zur Grundschule „Am Park“.
Blick aus einer Dachgeschosswohnung zur Grundschule „Am Park“. © Foto: Uwe Schulz
Aus Amtsgerichtszeiten vor 30 Jahren stammen die Zellen samt Einbauten im Keller.
Aus Amtsgerichtszeiten vor 30 Jahren stammen die Zellen samt Einbauten im Keller. © Foto: Uwe Schulz