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Wohnmobile - Gewinner der Corona-Krise

Politiker fordern, Urlaub in Deutschland zu machen. Und der findet immer öfter auf vier Rädern statt. Davon profitieren auch Unternehmer in der Region.

Matthias Zinke (3.v.l.) und sein Vater Jost Zinke (2.v.r.) leiten das Unternehmen "Caravan-Center Zinke" in Ebersbach.
Matthias Zinke (3.v.l.) und sein Vater Jost Zinke (2.v.r.) leiten das Unternehmen "Caravan-Center Zinke" in Ebersbach. © privat

Nein, zum Telefonieren hat Jost Zinke in diesen Tagen definitiv kaum Zeit. "Entschuldigung, ich habe gerade Kundschaft", sagt er dem SZ-Reporter am Telefon. Denn jetzt mit dem Beginn der Sommerferien geben sich die Kunden die Klinke im "Caravan-Center Zinke in Ebersbach" buchstäblich in die Hand. "Machen Sie Urlaub in Deutschland!", predigen die Politiker landauf, landab. Und Unternehmern wie Zinke beschert die Corona-Krise so eine Art Sonder-Konjunktur.

"Die Nachfrage ist auf jeden Fall gestiegen", sagt Junior-Chef Matthias Zinke. Wohnmobile seien dabei deutlich stärker gefragt als Camping-Anhänger. "Mit einem Wohnmobil sind die Menschen einfach flexibler", erklärt Zinke. Man sei immer mobil und könne stets weiterfahren, wenn man möchte. Und, was jetzt in der Corona-Krise besonders zählt: "Man ist in seinem Mobil für sich", sagt Matthias Zinke. Manche Menschen, die bisher eher auf einen Urlaub in einem Ferienhaus setzten, würden nun das Wohnmobil für sich entdecken. "Weil mancherorts wegen Corona Ferienhäuser nicht mehr verfügbar sind", sagt Zinke Junior. Das merkt der Unternehmer nicht nur beim Verkauf, sondern auch in der Vermietung. "Früher hatten wir immer etwa zehn Fahrzeuge in der Vermietung, jetzt sind es 15", sagt er.

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Das Wohnmobil-Segment boomt seit einigen Jahren stark. Dass die Corona-Krise den Fahrzeugen nochmal einen Kick beschert, zeigt auch die Zulassungs-Statistik. Die Zahl der Wohnmobil-Neuzulassungen in Deutschland nahm im Mai 2020 deutlich zu: Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts mitteilt, ergaben 10.460 Neuzulassungen gegenüber dem Vorjahresmonat ein Plus von gut 29 Prozent. Wohnmobile verbuchten dabei als einziges Pkw-Segment ein Zulassungsplus. Für den Juni 2020 verzeichnete das Segment  laut Kraftfahrtbundesamt dann mit +62,2 Prozent erneut einen deutlichen Anstieg der Neuzulassungen.

Bis Ende des Herbst ist alles ausgebucht

Dicht an dicht stehen die Wohnmobile in der Werkstatt von Steffen Schirner, bauen sich hoch vor den werkelnden Tischlern auf, glänzen im Scheinwerferlicht. Gearbeitet wird in jedem einzelnen. In einem Mobil fertigt ein Mann gerade die Innendämmung an, in einem anderen installiert einer von Schirners Angestellten die Elektrik. Im nächsten hebt ein Tischler gerade eine Holzlatte in den Wagen – er baut die Möbel ein. Es herrscht Hochbetrieb in der Reisemobil-Manufaktur in Sohland.

„Aufträge für einen Wohnmobil-Ausbau“, sagt Steffen Schirner, „schreibe ich derzeit für den Herbst. Und zwar 2021.“ Normalerweise müssten diejenigen, die sich einen in Schirners Tischlerei ausgebauten Camper kaufen wollen, mit vier bis fünf Monaten Wartezeit rechnen. Doch diese Zeiten sind vorbei. Das Wohnmobil galt vielleicht mal als schrullig – jetzt ist es ein Trendfahrzeug, erlebt einen Hype. Auch in der Oberlausitz.

Hohe Nachfrage nach Mietfahrzeugen

Etwa 80 bis 90 Fahrzeuge, erzählt Steffen Schirner, werden jedes Jahr in seiner Werkstatt ausgebaut. „Jedes davon individuell“, das betont er immer wieder. Aber nicht nur der Wohnmobil-Ausbau läuft auf Hochtouren. Auch der Verleih boomt.

„Vor drei Jahren haben wir mit drei Leihmobilen begonnen“, berichtet Schirner, „aber das reicht schon lange nicht mehr.“ Mittlerweile hat er 13 Mobile im Verleih. Und wer eines davon ergattern möchte, der kann in diesem Jahr nur noch auf eine kleine Lücke im Reservierungskalender hoffen. Ansonsten ist alles restlos ausgebucht, bis in den Oktober hinein. „In den letzten Wochen haben immer wieder Leute angerufen und nach einem Wohnmobil gefragt“, erzählt Steffen Schirner, „aber ich musste sie ablehnen.“

Und nicht nur ihm geht es so. Auch Wohnmobil-Vermieter Silvio Martin aus Schirgiswalde-Kirschau spricht von einem Hype, hat für seine vier Wohnmobile Anfragen bis Ende Oktober. Und auch Martin Michalczyk von der Bautzener Werkstatt und Vermietung Caravan Metropol erlebt das so. Er vermietet sechs Fahrzeuge, in diesem Jahr sei nichts mehr frei.

Anschlag in Ägypten als Ursache für mehr Heimaturlauber

Aber woher kommt dieser Trend? „Die Campingbranche erlebt schon seit den letzten Jahren enorme Zuwächse“, sagt Steffen Schirner. „Wir haben mit einer Halle begonnen, jetzt haben wir schon zwei dazugebaut.“ Er hat eine Idee, warum so viele Leute nun mit dem Wohnmobil unterwegs sind. Er nennt aber nicht an erster Stelle das Gefühl von Freiheit und den Wunsch, seinen Urlaub nicht nur an einem Ort verbringen zu wollen, oder den Trend, individuell zu reisen. Sondern: „Wir erleben den Ansturm, seitdem immer mehr los ist in der Welt“, sagt er, „Anschläge zum Beispiel.“

Auch bei Jüngeren wird der Campervan wieder beliebt

Auch Silvio Martin und Martin Michalczyk erzählen davon. „Der Anschlag in Ägypten 2017 und das Theater in der Türkei haben die Leute verunsichert“, sagt Michalczyk. „Die Leute konzentrieren sich jetzt mehr auf Europa.“ Und die Corona-Pandemie? „Die hat nun den Rest gegeben“, ist Michalczyk überzeugt. Viele Leute machen jetzt Urlaub in der Heimat. „Die Anzahl der Neu-Interessenten dieses Jahr ist deutlich höher als sonst. Es kommt eine Menge taufrischer Camper, die sagen, sie wären sonst in den Urlaub geflogen.“

Überhaupt nimmt der Trend zum Campervan auch unter Jüngeren zu, das beobachtet auch Steffen Schirner. „Es gibt kaum noch bezahlbare VW-Busse“, erzählt er. Die jüngeren Camper fragten mehr nach Teil-Ausbauten, so seine Erfahrung. Da geht es dann um Dachluken, die Schirner einsetzen soll, eine Schlafbank oder eine Heizung.

Oberlausitz: zu wenige Wohnmobilstellplätze

Bemerkbar macht sich das auch auf den Campingplätzen in der Region. Wegen der „aktuell erhöhten Nachfrage der Wohnmobilfahrer“, so hatte die Stadt Bautzen im Juni erklärt, dürfen die Busparkplätze auf dem Schliebenparkplatz vorübergehend von Wohnmobilen genutzt werden. Im Zittauer Gebirge sind Wohnmobilisten mitunter nicht gern gesehen. Zittau hat erst kürzlich einen Kurzzeit-Parkplatz für Wohnmobile zugelassen.

Doch das geht nicht weit genug, wenn man die hiesigen Wohnmobil-Vermieter fragt. „In der Region gibt es zu wenig Stellplätze“, sagt Silvio Martin. Dabei könnte die Chance genutzt, die Wirtschaft auf diese Weise angekurbelt werden. „So aber zieht der Boom“, ist Silvio Martin überzeugt, „an der Oberlausitz vorbei.“

Wohnmobile boomen im Kreis stärker als bundesweit

Dass Wohnmobile nicht erst seit Kurzem im Trend liegen, zeigt ein Blick auf die Entwicklung des Fahrzeugbestands: Von 2015 bis 2020 legte der Bestand an Wohnmobilen in Deutschland nach Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamts von gut 390.000 auf knapp 590.000 zu. Das entspricht einem Plus von 50 Prozent. Dabei stieg die Zuwachsrate über die Jahre kontinuierlich: 2015 und 2016 lag sie bei jeweils 6 Prozent, in den beiden darauffolgenden Jahren bei 8 Prozent und 2019 bei 9 Prozent.

Dieser Boom zeichnet sich auch im Landkreis Görlitz ab - sogar weit stärker als im Bundesschnitt. Nach Auskunft des Landratsamtes waren 2016 im Kreis 218 Wohnmobile und 166 Wohnanhänger zugelassen. 2019 waren es bereits 573 Wohnmobile und 359 Wohnanhänger. Im laufenden Jahr schnellte der Bestand erneut nach oben. 692 Wohnmobile und 412 Wohnanhänger meldet die Behörde - und damit bei den Wohnmobilen mehr als dreimal so viele wie 2016.

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