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Wohnst du schon?

Immer mehr Russen reisen nach Dresden, um hier zu shoppen oder zu urlauben. Alevtina Böttner will ihre Landsleute überzeugen, hier auch Wohnungen zu kaufen.

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Von Britta Veltzke (Text) und Eric Münch (Foto)

Die Blicke folgen dem ausgestreckten Zeigefinger. Nach oben zur Decke, nach unten auf den hellen Holzfußboden und nach draußen durch die Balkontür. Klar zeichnen sich am Horizont die Dresdner Elbhänge ab. Elena Repina und ihr Mann Sergej nicken anerkennend. Die leere Wohnung gefällt den Eheleuten aus Sankt Petersburg. Selber wollen sie hier zwar nicht leben, aber Kaufinteresse haben sie durchaus.

Der ausgestreckte Zeigefinger gehört Alevtina Böttner. Die Wahl-Dresdnerin lockt russische Immobilien-Käufer nicht nur in die Landeshauptstadt, sondern nach ganz Sachsen. Sie hat es nicht auf Superreiche abgesehen, sondern auf die russische Mittelschicht. Alevtina Böttner verkauft Wohnungen an ihre Landsleute. Ihr Angebot reicht von Stadtrundgängen mit Immobilienbesichtigung bis zur Finanzierung, Übersetzung und Hilfe beim Visum.

„Die Immobilien kosten hier im Vergleich zu München nur die Hälfte. Das glauben die Leute manchmal gar nicht.“ Sie sagt das mit Nachdruck, schaut aus weit geöffneten Augen und hält einen Moment inne. „Und wenn wir noch weiter aus der Stadt rausgehen, wird es noch günstiger – in Pirna, Görlitz oder einer anderen Kleinstadt. Man fährt maximal eine Stunde nach Dresden rein. Das ist nichts für russische Verhältnisse.“ Doch die meisten potenziellen Kunden sind weit weg. Daher spricht Alevtina Böttner die an, die in der Stadt sind. Sie legt Prospekte in den Hotels aus, in denen regelmäßig russische Touristen einkehren. Auf den Flyern ist ein junges Paar zu sehen. Es steht auf einer Dachterrasse und sieht hinunter auf eine Wohnanlage. In kyrillischen Buchstaben ist zu lesen: „Kauf eines eignen Heimes in Deutschland – ganz einfach.“

Auch die Repins haben das gelesen. Die Immobiliensuche stand vor ihrer Abreise nach Dresden gar nicht auf dem Plan. Aber nun sind sie einmal da. Das Ehepaar hat geerbt. Sergej Repins Vater hinterließ ihm eine Eigentumswohnung. Das Ehepaar besitzt damit nicht nur ihren kleinen Lebensmittelhandel und die eigene Wohnung. Zusätzlich gehört ihnen nun eine Immobilie in einer Fünf-Millionen-Metropole, die stetig wächst. Das Erbe wollen sie nun verkaufen.

Genau darauf fußt die Geschäftsidee von Alevtina Böttner. Nach dem Ende der Sowjetunion wurden in Russland die staatlichen Wohnungen privatisiert. Sie wurden denen überschrieben, die darin wohnten. „Die erste Generation, die damals die Wohnungen bekommen hat, stirbt langsam aus. Die Folge ist, dass ihre Kinder erben. Sie verkaufen die Immobilie, und wenn sie schlau sind, investieren sie das Geld überall, nur nicht in Russland“, sagt Böttner. Ihr Akzent verrät, auch sie ist Russin. „Mein Deutsch ist nicht gut“, sagt sie. Dass sie die Finger in den blonden Haaren vergräbt und angestrengt nach dem richtigen Wort sucht, passiert allerdings nur selten. Im Jahr 2001 war Alevtina Böttner mit einem Austauschprogramm für russische Führungskräfte nach Dresden gekommen. Damals lernte sie Deutsch. Sie musste ihren ganzen Mut zusammennehmen, als sie zum ersten Mal jemanden in der fremden Sprache ansprach. Es war ihr zukünftiger Mann. Als die Ingenieurin aus Saratow an der Wolga zum zweiten Mal nach Dresden kam, blieb sie hier. Die Stadt ist seither ihr Lebensmittelpunkt. Hier wächst ihre Tochter aus zweiter Ehe auf. Die Maklerin zeigt ein Foto von ihr auf dem Smartphone und streicht sanft über das Display.

Die Wohnung, die Alevtina Böttner den Repins aus Russland zeigt, ist schon verkauft. Das Bauunternehmen Pegasus plant einen weiteren Wohnblock nebenan. Vier Zimmer, Küche, Bad auf 90 Quadratmetern. Kostenpunkt: 185.000 Euro. Etwas in dieser Preislage stellen sich die Repins vor. Was sie für die Wohnung in Russland bekommen, wissen sie noch nicht. Für alle Fälle arbeitet Alevtina Böttner mit einem Kreditinstitut zusammen, das den russischen Traum vom Wohnen in Deutschland mitfinanziert. „50 Prozent Eigenkapital brauchen die Kreditnehmer, mindestens“, sagt sie.

Für größere Investitionen hat die Maklerin auch ein Hotel nahe Dresden im Angebot. „Manche Kunden spekulieren auch auf einen Aufenthaltstitel. Die Chancen dafür stehen gut, wenn man mindestens 250 000 Euro investiert und fünf Arbeitsplätze schafft.“ So schreibt es das Bundesinnenministerium auf seiner Homepage. Voraussetzung sei „ein übergeordnetes wirtschaftliches Interesse oder ein besonderes regionales Bedürfnis.“

Investieren wollen Repins auch. Aber warum in Deutschland, in Dresden? „Man sollte nicht alles in eine Tasche legen“, sagt Elena Repina. Alevtina Böttner übersetzt und fügt hinzu: „Falls mal eine Tasche verschwindet. Das ist so ein russisches Sprichwort.“ Die Eheleute Repin haben Verwandte in Dresden. Sie kennen die Stadt, lieben die Altstadt und die Umgebung. Die Wohnung würden sie für ihre Kinder kaufen, zwei Töchter und einen Sohn. „Sie sollen eine sichere Zukunft haben.“

Auch der Russe, der die Wohnung gekauft hat, tat das für seinen Sohn. Alevtina Böttner nutzt sie nur als Musterwohnung. Wie die Repins ist auch der Eigentümer kein Super-Reicher, sondern wissenschaftlicher Mitarbeiter. Wenn sein Sohn mit der Schule fertig ist, soll er in Dresden studieren, weiß die Maklerin.

Etwa zwanzig Touristen rufen Böttner im Monat an. Nicht für alle Anfragen habe sie Zeit. Sie kümmert sich nur nebenher um ihr Immobilien-Geschäft, nach Feierabend und am Wochenende. Ihren Lebensunterhalt verdient Alevtina Böttner bei einer Dresdner Firma für Umwelttechnologie. Sie assistiert der Geschäftsführung und ist für den Kontakt mit den russischsprachigen Kunden zuständig. Sie würde sich gern ganz auf das Immobiliengeschäft konzentrieren, sagt sie, wage aber den Absprung nicht. „Dresden wird nur langsam bekannt in Russland, auch durch die Direktfluglinie nach Moskau.“ Bisher kommen die Russen vor allem, um Kleidung zu kaufen. Für Immobilien seien München, Berlin und Baden-Baden bekannter.

Viele Russen parken ihr Geld im Ausland, bestätigt die russische Volkswirtin Maria Shamaeva. „In Russland in Immobilien zu investieren, macht wenig Sinn. Dafür gibt es zwei Gründe: Um Fristen einzuhalten, wird in Russland gern mal auf Eis oder Schnee gebaut. Der Baubranche kann man nicht trauen. Zum anderen vermietet kaum jemand eine Wohnung“, erklärt sie. In Russland sind laut Statistik fast 90 Prozent der Wohnungen in Privateigentum. Das Regierungsprogramm, das die nahezu kostenfreie Überschreibung einer Immobilie auf Privatpersonen ermöglicht, ist wieder bis 2015 verlängert worden.„Im Glauben an die Marktwirtschaft wollte man den Wohnungsmarkt vollständig privatisieren. Heute verursacht das Probleme“, sagt Shamaeva. Denn wie in Hamburg. Frankfurt oder München mangele es auch russischen Großstädten an bezahlbarem Wohnraum.

„Das Mieten hat ein Imageproblem. Es gilt: Wer in einer Wohnung wohnt, dem gehört sie auch, der kann darin machen, was er will. Darauf lässt sich kein Vermieter gern ein. Wer eine Wohnung zu viel hat, verkauft sie lieber“, erklärt Shamaeva. Auch Repins würden die väterliche Wohnung niemandem zur Miete anvertrauen.

Michael Zerndt vom Bau-Kreditvermittler Interhyp hält die Idee von Alevtina Böttner für „durchaus zukunftsfähig“, gibt aber zu bedenken: „Investitionen in Immobilien haben auch immer etwas mit Vertrauen zu tun. Ich persönlich würde keine Wohnung von einer Person kaufen, die ich kaum kenne. Aber die Realität zeigt, dass die Leute es trotzdem tun.“ Deutschland werde bei ausländischen Investoren immer beliebter. Auch Dresden. „Die Stadt wächst, es wird viel gebaut, und die Immobilienpreise steigen. Das sind gute Voraussetzungen“, sagt Zerndt. Auch seine Dienste nutzen russische Kunden. Renditen von zehn bis zwölf Prozent wie vor zehn Jahren gebe es bei Weitem nicht mehr, sagt er, dafür bleibe der Wert der Immobilie immerhin erhalten. „Für mittelständische Anleger, die für ihre Kinder vorsorgen wollen, hat das sicher seinen Reiz.“

Rund 1500 Kilometer von ihrer Heimat entfernt, schauen die Repins noch einmal durch die Balkontür zum Elbhang hinauf. Mit Alevtina Böttner tauschen sie Kontaktdaten aus. Sie werden es sich überlegen, sagen sie – zu Hause in Sankt Petersburg.