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"Wolf ist vorsichtig gegenüber Menschen"

Vanessa Ludwig von der sächsischen Fachstelle in Nossen wirbt für mehr Aufklärung - und offene Gespräche. Am Donnerstag gibt es Gelegenheit dazu.

Seit der Jahrtausendwende erobert der Wolf nun schon Deutschland zurück. Eine Rückkehr, über die sich indes nicht jeder freut.
Seit der Jahrtausendwende erobert der Wolf nun schon Deutschland zurück. Eine Rückkehr, über die sich indes nicht jeder freut. © Symbolfoto: Stefan Seidel

Landkreis. Michael Kretschmer hat keinen Hehl daraus gemacht. Als der sächsische Ministerpräsident gut eine Woche vor seiner Wahl den Großenhainer Ortsteil Wildenhain besuchte, tauschte er sich zwischen Kuhstall und Schinkenkauf mit Landwirten und Jägern aus. Auch und vor allem zum Thema Wolf. 

Er könne die Sorgen der Nutztierhalter verstehen. Ebenso die Bedenken von Bevölkerung, Jägern und Pächtern. Ernst müsse man sie nehmen. Das hätten ihn die zahlreichen Erfahrungen in seiner Heimatregion gelehrt, betonte der gebürtige Görlitzer damals. Bedenken und Ängste, die spätestens immer dann wieder auflodern, wenn der Wolf wieder einmal hungrig zugebissen hat. 

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Eine sensible Thematik, die sicherlich auch am Donnerstagabend im Großenhainer Soziokulturellen Zentrum "Alberttreff" eine große Rolle spielen wird. Die SZ war bereits vor der Veranstaltung mit der Referentin Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf des Sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie im Gespräch. 

Frau Ludwig, Sie sind  wieder einmal in Großenhain zu einem Fachvortrag über den Wolf zu Gast! Freuen Sie sich eigentlich noch auf solche Termine oder grummelt es eher in der Magengegend beim Gedanken an all die kritischen Stimmen, die erfahrungsgemäß an solch einem Abend laut werden?

Solche Veranstaltungen sind weiterhin ein wichtiger Teil des Wolfsmanagements! Natürlich gibt es immer wieder kritische Fragen und Diskussionen. Aber man bekommt auch jedes Mal wichtige Einblicke in die Themen, welche die lokale Bevölkerung beschäftigen. Außerdem erhalte ich interessante Hinweise, und die Diskussionen sind nicht nur negativ. Es gibt auch positives Feedback.

Wie viele Rudel beziehungsweise Tiere leben nach neustem Stand der Dinge nachweislich im Landkreis Meißen?

Da die Daten für das Monitoringjahr 2019/2020 derzeit noch ausgewertet werden, kann ich mich heute nur auf die bestätigten Daten aus dem Monitoringjahr 2018/19 beziehen. Demnach wird die Stadt Großenhain zum Einzugsbereich des Rudels Raschütz gezählt, das erstmals im Sommer 2016 bestätigt wurde.

 Riesa liegt südlich vom Territorium des Rudels Gohrischheide. Dieses Rudel wurde im Monitoringjahr 2015/16 erstmals bestätigt. Nicht eindeutig belegen lässt sich das Vorhandensein von Wölfen dagegen im Moritzburger Wald. 

Zwar gab es bereits Hinweise auf ein oder mehrere Tiere. Aber ob die sich dort wirklich angesiedelt haben oder nur durchgezogen sind, lässt sich bisher nicht nachweisen. 

Der Laie erinnert sich zugegebenermaßen an die Existenz der Wölfe mitten unter uns nur dann, wenn sie wieder einmal hungrig in Erscheinung getreten sind. Wie groß ist die Chance, dass ich einem Tier beim Pilze sammeln begegne?

Die Möglichkeit, einem Wolf in der freien Natur zu begegnen, gibt es theoretisch immer. Im Vergleich zu Begegnungen mit anderen Wildtieren ist die Wahrscheinlichkeit jedoch geringer. 

Wölfe sind sehr vorsichtige Tiere. Sie nehmen uns Menschen mit ihren gut ausgebildeten Sinnen meist frühzeitig wahr und weichen uns häufig aus, bevor wir sie überhaupt bemerken. Deutlich wahrscheinlicher als eine Begegnung im Wald ist eine zufällige Beobachtung vom Auto aus, zum Beispiel, wenn ein Wolf eine Straße überquert.

Sie ist eine anerkannte Expertin in Sachen Wolf: Vanessa Ludwig von der sächsischen Fachstelle in Nossen wird am Donnerstagabend in Großenhain einen Fachvortrag halten.
Sie ist eine anerkannte Expertin in Sachen Wolf: Vanessa Ludwig von der sächsischen Fachstelle in Nossen wird am Donnerstagabend in Großenhain einen Fachvortrag halten. © Archivfoto: Wolfgang Wittchen

Der letzte Riss mehrerer Schafe war im Großenhainer Ortsteil Großraschütz Mitte April durch Ihre Fachstelle bestätigt worden. Wohnhäuser, eine Gartenanlage und ein Abenteuerspielplatz hatten ihn ebenso wenig vom opulenten Festgelage abgehalten, wie ein elektrisch gesicherter Zaun. Was sagen Sie jenen Röderstädtern, die auf solche Nachrichten gleichermaßen ängstlich und kritisch gegenüber dem Wolf als Nachbarn reagieren?

Die Ängste und Sorgen der Röderstädter nehmen wir sehr ernst. Gleichzeitig ist es mir wichtig, Ängste zu nehmen. Aus dem beschriebenen Wolfsverhalten kann man keine direkte Gefahr für den Menschen ableiten. Wölfe, die in Kulturlandschaften leben, müssen – wie andere Wildtiere auch – an menschlichen Siedlungen vorbeilaufen oder gelegentlich hindurch. 

Dabei kommt es immer wieder vor, dass sie in unmittelbarer Nähe zu bewohnten Gebäuden oder Siedlungen Nutztiere reißen. Das passiert aufgrund der überwiegenden Nacht- und Dämmerungsaktivität des Wolfes vor allem im Schutze der Dunkelheit. Vereinzelt können Wölfe jedoch auch bei Tag im Siedlungsbereich gesehen werden, ähnlich wie dies von Füchsen, Rehen oder Wildschweinen bekannt ist. 

Menschen gegenüber verhalten sich Wölfe jedoch vorsichtig und zurückhaltend. All das gehört ebenso zum normalen Verhaltensrepertoire der Wölfe, wie die Tatsache, dass Jungwölfe durch ihre Neugier und Naivität mitunter eine geringere Fluchtdistanz zu Menschen aufweisen als erwachsene Wölfe. 

Dieses Verhalten macht die in unserer Kulturlandschaft lebenden Wölfe nicht gefährlicher als ihre Artgenossen, die in menschenleeren Gebieten leben oder die bejagt werden. Das belegen auch Erfahrungen aus anderen Ländern.

Fast könnte man meinen, die umstrittenen Tiere profitieren ein wenig von der Corona-Krise. Nachdem im vergangenen Jahr lautstark über neue Regelungen zum schnelleren Abschuss diskutiert worden ist, herrscht in dieser Angelegenheit seit Wochen auffällige Stille. Ein Zufall oder neues Miteinander?

Die verstärkte Diskussion über neue Regelungen zur schnelleren Entnahme von Wölfen ist in Sachsen darauf zurückzuführen, dass am 1. Juni 2019 die Sächsische Wolfsmanagementverordnung (SächsWolfMVO) in Kraft getreten ist. Die Verordnung regelt unter anderem, unter welchen Umständen Wölfe vergrämt beziehungsweise entnommen werden dürfen. 

Das schafft eine höhere Rechtssicherheit für die zuständigen Behörden, die darüber entscheiden müssen. Die Entscheidung über die Genehmigung einer Vergrämung oder Entnahme sowie die Umsetzung der Maßnahme liegt bei den Landkreisen und kreisfreien Städten. Ein weiterer Grund dafür, dass es ruhiger geworden ist, könnte sein, dass es noch keinen Fall gab, bei dem die Verordnung Anwendung gefunden hätte.

Frau Ludwig, der Wolf ist ihr tägliches Geschäft! Wie könnten die Spannungen zwischen Tier und Mensch abgebaut werden?

Die Diskussion um den Wolf ist meist hochemotional. Nicht nur, wenn der Verlust von Weidetieren zu beklagen ist, sondern auch bei der Frage, wie nah sich Wölfe an Menschen und menschliche Siedlungen herantrauen „dürfen“. Deshalb ist eine kontinuierliche und sachliche Informationsarbeit zum Verhalten des Wolfes in unserer Kulturlandschaft so wichtig. 

Ich möchte über die Möglichkeiten informieren, die dem Wolfsmanagement zur Verfügung stehen, um das Zusammenleben so konfliktarm wie möglich zu halten. Dafür sind Veranstaltungen, wie beispielsweise am Donnerstag im Großenhainer Soziokulturellen Zentrum „Alberttreff“, unverzichtbar.

 Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir akzeptieren und uns darauf einstellen, dass das Wildtier Wolf wieder in unsere Nachbarschaft zurückgekehrt ist. Gerade für Tierhalter, sowohl im gewerblichen als auch im nichtgewerblichen Bereich, bedeutet das eine Umstellung und zusätzlichen Aufwand. Der Freistaat bietet daher nicht nur beratende, sondern auch finanzielle Unterstützung. 

Der Fachvortrag zum Thema Wolf findet am Donnerstag, 20. August, ab 18.30 Uhr im Saal des Soziokulturellen Zentrums "Albertreff", Marstall 1 in Großenhain statt. Die maximale Teilnehmerzahl beträgt aufgrund der Umsetzung der sächsischen Corona-Schutz-Verordnung 50 Personen. Besucher werden gebeten, die Abstandsregeln einzuhalten und vorsorglich eine Mund-Nasen-Bedeckung mit sich zu führen. 

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