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Wolf oder nicht Wolf?

Das neue Wolfszentrum in Görlitz hat seine Arbeit aufgenommen. Knochen und Kot können den Forschern viel erzählen.

© nikolaischmidt.de

Von Susanne Sodan

Einauge ist immer Maria Jähdes Lieblingswolf gewesen. Mehrfach ist das Tier bei Mücka in Fotofallen getappt. „Sie war immer gut erkennbar, weil sie nur ein Auge hatte“, erzählt Maria Jähde, Mitarbeiterin am Senckenberg-Museum Görlitz. Heute liegt Einauges Schädel gut verpackt auf ihrem Schreibtisch. Wahrscheinlich ist das Tier durch Bisse von Artgenossen gestorben. An den Knochen kann Maria Jähde noch viel mehr ablesen: „An dem Querschnitt eines Eckzahnes lässt sich zum Beispiel das Alter des Wolfes sehr genau bestimmen.“ Einauge ist 13 geworden.

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Ein Zimmer weiter: Hier sitzt Hermann Ansorge an seinem Computer, eine Deutschlandkarte auf dem Bildschirm. Darauf zu sehen sind alle Wolfs-Todfunde von 1990 bis heute. Einauge ist bei Mücka mit einem Kreuz gekennzeichnet, das Symbol für natürliche oder naturbedingte Todesumstände. Am häufigsten zu sehen ist ein rotes Dreieck – das Symbol für Wölfe, die überfahren worden sind. Alleine für 2016 zeigt die Karte in der Lausitz vier rote Dreiecke. Es gibt noch mehr Infos neben der Todesursache: die Herkunft des Tieres, ob es männlich oder weiblich, ob es ein Welpe oder schon ausgewachsen war. „Die Internetseite ist erst im Aufbau“, sagt Hermann Ansorge, Professor für Zoologie.

Die Karte ist eines der ersten Ergebnisse des neuen Wolfszentrums in Görlitz. Hermann Ansorge ist nicht nur stellvertretender Direktor des Senckenberg-Museums, sondern auch Leiter des neuen Projektes, Im Februar kam aus Berlin der Startschuss, seit Mai ist der Programmierer am Werk. Auftraggeber ist der Bund. Das Ziel: eine Zentralstelle zum Thema Wolf für ganz Deutschland zu etablieren. Zum einen sammeln die Görlitzer Forscher Infos aus allen Bundesländern – zum Beispiel zu Todfunden, zu den Rudeln, zu Wanderungsbewegungen, zu Schadensfällen, zu den Jungtieren. Zum anderen können die Behörden, die in den Ländern für den Wolf zuständig sind, Infos vom Wolfszentrum abrufen, künftig zum Beispiel über die Internetseite, In erster Linie ist die für Kommunen und Behörden gedacht. Es soll aber auch eine Version geben, die für alle zugänglich ist. Voraussichtlich zu Jahresende soll sie online gehen, kündigt Hermann Ansorge an.

Alleine ist das Senckenberg-Museum dabei nicht. Es hat drei Partner: das Lupus-Institut ist für das Wolfs-Monitoring, also die Beobachtung, zuständig. „Ein weiterer Partner ist das Leibnitz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin“, erzählt Ansorge. Wird ein Wolf tot aufgefunden, wird er sofort dorthin gefahren und im Computertomographen untersucht. Ob Knochenbrüche oder Munition – die Berliner Forscher bekommen heraus, woran das Tier gestorben ist. Das Senckenberg-Institut für Wildtiergenetik in Gelnhausen bei Frankfurt am Main kann mehr zur Herkunft des Wolfes sagen. Und dann ist da noch das Senckenberg-Museum Görlitz selber. Hier wird unter anderem das Alter des toten Tieres bestimmt.

Dafür ist Maria Jähde zuständig. Sie nimmt Einauges Schädel zur Hand. „Die Schädelnaht zwischen den Augen ist bereits zugewachsen“, erklärt sie. Ein Zeichen, dass es sich um einen älteren Wolf handelt. Weitere Hinweise für das Alter entnimmt die den Zähnen: Wie abgenutzt sind sie, ist die Wurzelspitze schon geschlossen – und wie viele Jahresringe weist der Eckzahn auf? Dafür wird mit einem Präzisionsschneider eine ganz schmale Scheibe aus dem Zahn geschnitten. Unter dem Mikroskop erkennt Maria Jähde Altersringe – fast wie bei einem Baum.

Insgesamt liegen im Keller des Senckenberg-Museums rund 50 Wolfsschädel. Alles Todfunde aus Sachsen, die seit der Wiederbesiedlung durch den Wolf entdeckt wurden.

In einem anderen Raum geht es um die lebendigen Wölfe. In Plastikschalen liegen überall Knäuel, fast wie Fellknäuel, die eine Katze ausgespuckt hat. Es ist aber etwas ganz anderes. „Wir bekommen manchmal Losungen geschickt“, erklärt Ansorge. Also Kotproben, aus denen die Forscher des Senckenberg-Museums herausfinden sollen, ob ein Wolf oder ein anderes Tier sie hinterlassen hat. Und falls es ein Wolf war, was er gefressen hat. Das ist das Gebiet von Lisa Lehmann. Sie ist Studentin an der Hochschule Zittau-Görlitz und schreibt gerade ihre Bachelor-Arbeit über den Wolf. „Erst kühlen wir die Losungen auf minus 80 Grad runter“, erklärt sie. „Dann werden sie auf 70 Grad erhitzt, um Parasiten abzutöten und gereinigt.“ Was zurückbleibt, sind Fell, Zähne und Knochensplitter – die Reste von der letzten Mahlzeit des Wolfes. Um die genauer zu bestimmen, sind Anatomiekenntnisse von anderen Säugetieren extrem wichtig. In einem der Knäuel hat Lisa Lehmann drei Innenohrknochen entdeckt. „Wahrscheinlich von zwei Rehen“, sagt sie.

All diese Aufgaben sind nicht neu für das Senckenberg-Museum. Hier wurde immer schon geforscht und nicht nur ausgestellt. Und auch für Lupus, das Berliner Leibnitz-Institut und das Gelnhausener Senckenberg-Institut sind ihre Aufgaben nicht neu. Das Besondere am Wolfszentrum ist: Erstmals landen all ihre gemeinsamen Informationen an einer zentralen Stelle. Und: Man hat Experten zusammengefasst, die auch Handlungsempfehlungen geben können.

Einfach ist das nicht immer. Erst im April stand eine schwierige Entscheidung an: Was tun mit einem Wolf, der zu zutraulich geworden ist? Ein Wolf aus dem Rudel vom Truppenübungsplatz Munster hatte jegliche Scheu verloren. Das Wolfszentrum sprach eine Empfehlung aus, das Land Niedersachsen ließ den Wolf daraufhin erschießen. „Das war keine angenehme Situation“, sagt Hermann Ansorge. Er hofft, solche Entscheidungen nie wieder treffen zu müssen. Lebende Wölfe sind ihm lieber.