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Das ist Sachsens neuer Wolfsatlas

Der Wolf ist weiter auf dem Vormarsch. Neue Rudel sind dazugekommen, einige Tiere verschwunden. Die Territorien im Überblick.

Die Wolfsrudel im Überblick. Mehr Infos zu den einzelnen Territorien finden Sie in unserer interaktiven Karte am Ende des Artikels.
Die Wolfsrudel im Überblick. Mehr Infos zu den einzelnen Territorien finden Sie in unserer interaktiven Karte am Ende des Artikels. ©  SZ-Grafik

Noch kann „Juli“ trockenen Fußes durch den Cottbuser Ostsee streifen. Doch künftig wird der ehemalige Tagebau Cottbus-Nord geflutet. Spätestens dann muss sich die reichlich ein Jahr alte Wölfin ein neues Plätzchen suchen. Vielleicht ist sie aber auch schon eher weg. Denn „Juli“, so haben Wissenschaftler das Tier vom Neustädter Rudel genannt, ist viel unterwegs. Das wissen die Experten genau, weil die Fähe ein Sendehalsband trägt und auf Schritt und Tritt verfolgt wird. Das liefert viele Informationen. Diese und weitere Daten zum Wolf in Sachsen gab die neue Fachstelle Wolf am Dienstag in Dresden bekannt. Die SZ fasst zusammen.

Zwei Wölfe mit GPS:

„Besenderung Wolf“ heißt ein Projekt, mit dem in Sachsen nach und nach mehrere Wölfe einen Satelliten-Sender bekommen sollen. Mitarbeiter vom Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland konnten nach langem Genehmigungsprozedere im Juli zwei weibliche Tiere einfangen. Sie stammen beide aus dem Neustädter Rudel, nördlich von Hoyerswerda. 

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Sie wurden am 20. und 28. Juli auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz mit Soft-Catch-Traps gefangen. Das sind Fallen, mit denen die Tiere nicht verletzt werden. Unter Betäubung bekamen die beiden jeweils einen Sender. Die Ältere erhielt den Namen Lotta. Das jüngere Weibchen, Juli, ist im Oktober nach Brandenburg gewandert. Sie hat Bundesstraßen über- und eine Autobahn unterquert und hält sich zurzeit in einem Ex-Tagebau auf.

Bei Neustadt wurde Lotta eingefangen und bekam einen Sender. Sie streift vor allem durch den Raum Neustadt-Spremberg.
Bei Neustadt wurde Lotta eingefangen und bekam einen Sender. Sie streift vor allem durch den Raum Neustadt-Spremberg. © Lupus

Neue Rudel:

22 Rudel, vier Paare und ein sesshaftes Einzeltier konnten die Wissenschaftler im Wolfsjahr 2018/2019 in Sachsen feststellen. Ein Jahr zuvor waren es 18 Rudel. Aktuell, also im noch recht jungen Wolfsjahr 2019/2020, gehen die Experten von mindestens 20 Territorien aus – aber es sind eher mehr. Mindestens 69 Welpen wurden geboren. 

In der Oberlausitz gab es Nachwuchs beim Biehainer, Daubaner, Daubitzer, Großhennersdorfer, Knappenroder, Seenland-Knappenroder, Milkeler, Mulkwitzer, Neiße, Neusorger, Neustädter, Nochtener, Rosenthaler, Elstraer und Laußnitzer Rudel. Damit ist klar, dass neue Wolfsfamilien in der Region sesshaft sind. Und zwar in Elstra und Mulkwitz, Neusorge und an der Neiße. Nach dem Fluss wurde ein Rudel nördlich von Görlitz, direkt an der polnischen Grenze, benannt. 

Auf die Elstraer Familie waren die Experten aufmerksam geworden, nachdem am Pfingstmontag 2019 ein Welpe in der Region Spaziergängern hinterher gelaufen war. Da man seine Familie zunächst nicht finden konnte, wurde das Tier dauerhaft in einen Wildpark gebracht. Einige „neue“ Rudel bestehen schon seit 2018, konnten aber erst dieses Jahr bestätigt werden. Beim Königsbrücker und Laußnitzer Rudel war die Situation in den vergangenen Jahren unklar. Es gab kaum Hinweise. Inzwischen ist gewiss – dort gab es 2018 Nachwuchs. In der Königsbrücker Heide lebt aber ein anderes Elternpaar als noch vor ein paar Jahren. Verschwunden ist das Nieskyer Rudel. Der Rüde der Familie ist aktuell Vater der Nochtener Welpen.

In Elstra gibt es ein Wolfsrudel. Dort wurden fünf Welpen geboren, vier zeigt das Fotofallenbild.
In Elstra gibt es ein Wolfsrudel. Dort wurden fünf Welpen geboren, vier zeigt das Fotofallenbild. © Lupus

Zweimal Nachwuchs:

Doppelreproduktion heißt das Stichwort, das in den letzten Jahren mit Blick auf Sachsens Wölfe immer wieder auftaucht. Das bedeutet, in einer Familie haben zwei weibliche Tiere Nachwuchs. Beim Daubitzer und beim Nochtener Rudel ist das letztes und dieses Jahr geschehen. 2019 gab es auch bei einem der Knappenroder und beim Neustädter Rudel zweimal Welpen. „Wenn genug Nahrung da ist, ist das möglich“, sagte Vanessa Ludwig von der Fachstelle Wolf. Ein sächsisches Phänomen sei das nicht. 

Auch in Brandenburg habe man solche Fälle. In Nordamerika kennen die Forscher Regionen, wo das sogar recht häufig passiert. Die Konstellationen sind dabei unterschiedlich, wie Ilka Reinhardt vom Lupus-Institut sagte. Beim Milkeler Rudel lebten vor zwei Jahren zwar die alten Eltern noch, hatten aber keine Jungen. Stattdessen hatten sich zwei Töchter mit einem Rüden verpaart. Beim Daubitzer Rudel bekamen Mutter und Tochter jeweils von unterschiedlichen Rüden Nachwuchs.

© Pixabay/christels

Mehr Revierkämpfe:

Die Zahl der Wölfe wächst. Wissenschaftler vom Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz gehen von rund 1.000 Tieren in Deutschland aus. Auch in Sachsen wird der Bestand größer. In der Oberlausitz überschneiden sich viele Rudelgebiete. Das führt zu Revierkämpfen. 2019 starben dadurch zwei Tiere. Ein junger Wolf wurde tot bei Jänkendorf im Landkreis Görlitz entdeckt. Er wies massive Bisswunden auf. Der Rüde des Milkeler Rudels wurde schwer verletzt in einem Wald bei Lohsa gefunden und eingeschläfert. 

Ilka Reinhardt geht davon aus, dass der Wolfsbestand deutschlandweit weiter wachsen wird. In der Oberlausitz werde die Dynamik aber abnehmen. Die meisten Wölfe leben inzwischen in Brandeburg. Trotz der großen Wolfsdichte gebe es in Sachsen momentan aber keine sogenannten Problemwölfe, wie Matthias Rau, Leiter der Fachstelle Wolf, betonte.

Zu wenig Herdenschutz:

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Die Territorien im Überblick:

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