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Wolfs Revier?

Wolfgang Kießlich fand ein totes Reh bei Großschönau. Der Experte ist sich über den Verursacher sicher – fast.

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Von Matthias Klaus

Bisschen eklig. Wolfgang Kießlich zuckt mit den Schultern. „So sieht es eben aus“, sagt er und wedelt mit der Hand eine Fliege weg. Dann packt der Mann den Rehbock am Geweih und dreht den Kopf des Tieres. „Ich schätze, der war zwei Jahre alt. Guter körperlicher Zustand“, so seine Einschätzung. Was man eben noch so „körperlicher Zustand“ nennen kann. Schließlich fehlen dem Bock wesentliche Teile – vor allem Innereien ...

Jagdpächter Kießlich fand den Rehbock Mittwoch früh gegen sieben auf einem Feld in seinem Revier in der Nähe des Breiteberges, zwischen Großschönau und Bertsdorf. „Ich laufe mein Revier sehr oft ab, auch außerhalb der Wege“, schildert Wolfgang Kießlich. Den Bock entdeckte er aber nur ein paar Meter von der nächsten Piste entfernt. Als er den Zustand des Tieres sah, läuteten bei Kießlich alle Alarmglocken. Denn er ist nicht nur Jagdpächter, sondern auch Wildtierbeauftragter des Kreisjagdverbandes. Und als solcher hatte er den Verdacht: Hier war vielleicht ein Wolf am Werk. Um das beurteilen zu können, hat Wolfgang Kießlich einen Kurs an der Technischen Universität Dresden absolviert. Dabei wurde ihm unter anderem eine Checkliste mitgegeben. Anhand der kann er feststellen, ob der graue Jäger zugeschlagen hat. „Natürlich mit aller Vorsicht“, winkt Kießlich ab. Zu hundert Prozent möchte er sich bei dem gestrigen Fund nicht festlegen. „Aber ganz ehrlich: Es sieht aus wie ein Riss aus einem Lehrbuch“, sagt er. Kießlich hat die Fakten bereits in seinem Notizbuch aufgeschrieben. Da ist etwa die Stelle, an der es einerseits zum Kampf Rehbock gegen (mutmaßlichen) Wolf kam und andererseits jene, an der ersterer wohl teilweise gefressen wurde. „Ein Wolf schleppt das Tier immer einige Meter weg, so etwa zehn bis 15“, erläutert Kießlich. Tatsächlich: Rund zehn Meter vom Fundort des Rehbockes sind deutliche Kampfspuren auf dem Feld zu sehen. Fell liegt büschelweise herum. „Wölfe beißen kleinen Tieren in die Kehle. Größeren, wie etwa Rehen, in die Hinterläufe, um sie am Weglaufen zu hindern“, so der Wildtierexperte. Wolfgang Kießlich streicht das Fell am Hals des Bockes glatt: keine Bissspuren, wohl aber an den Hinterbeinen: Nächster Fakt: Wölfe schlitzen ihrem Opfer die Bauchdecke auf, fressen Innereien. „Das sieht man hier sehr deutlich“, kommentiert Kießlich. Letztendlich hat er sogar noch einen Teil einer Fährte des Angreifers gefunden, wenige Meter entfernt im feuchten Matsch auf einem Feldweg. Wolfgang Kießlich packt einen Zollstock aus, vermisst Breite und Länge des Trittsiegels, also des Fußabdruckes, die Schrittlänge. Sein Fazit: „Alles passt auf einen Wolf!“

Bisher gibt es allerdings noch keinen Beweis von offizieller Seite, dass Wölfe die Gegend um Löbau und Zittau unsicher machen. Das bestätigt Helene Möslinger vom Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz in Rietschen gegenüber der SZ. „Es gab natürlich immer mal wieder Hinweise“, sagt die Biologin. Aber eine echte Spur, eine Losung, also Kot – bisher war das in der südlichen Oberlausitz Fehlanzeige. Andererseits, so Frau Möslinger, halte sie es nicht für unwahrscheinlich, dass sich Wölfe in der Gegend, etwa dem Zittauer Gebirge, wohlfühlen würden. „So ein Wolfsgebiet ist groß“, sagt sie. Wichtig sei es für die Tiere, dass sie ein Rückzugsgebiet haben, in dem sie sich ohne große Störungen vom Menschen aufhalten können.

Das Kontaktbüro setzt weiterhin auf Hinweise aus der Bevölkerung, vor allem auch von Jägern. „Viele Jäger arbeiten ja auch mit Fotofallen. Entsprechende Bilder würden uns schon helfen“, sagt Helene Möslinger. Ein noch besserer Hinweis allerdings wäre der auf ein gerissenes Tier, wie etwa ein Reh, sagt sie.

Wolfgang Kießlich wird den Bock aus seinem Revier irgendwann entsorgen. Lange, so schätzt der Wildtierexperte des Kreisjagdverbandes, kann der Angriff noch nicht her sein. „Ich vermute, es war in der Nacht vom vergangenen Dienstag zum Mittwoch“, sagt er. Die Verwesung, schildert er, sei noch nicht weit fortgeschritten. Dann wedelt er eine Fliege vom Fell des toten Tieres. „Schade um den Bock“, sagt Kießlich.