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Woran wir uns nicht gewöhnen sollten

Die neue Normalität soll bitte aussehen wie die alte, vertraute, als alles noch seinen Gang ging. Aber das wäre dumm. Ein Leitartikel.

Karin Großmann ist Autorin im Ressort Feuilleton.
Karin Großmann ist Autorin im Ressort Feuilleton. © Arne Dedert/dpa/SZ

Der große blonde Hans mit den blauen Augen tröstet über die Untreue der Matrosen hinweg: „Beim ersten Mal, da tut’s noch weh. Da glaubt man noch, dass man es nie verwinden kann. Dann mit der Zeit so peu à peu gewöhnt man sich daran.“

Hans Albers hat die halbe Weltliteratur auf seiner Seite und die Entwicklungsgeschichte gleich mit. Dort gilt Gewöhnung als Erfolgsrezept. Sie hilft überleben. So können wir Höhlenmenschen besser fertigwerden mit sich wiederholenden bösen Erfahrungen. Das gibt uns Sicherheit im Angesicht des Säbelzahntigers. Uns ist Sicherheit wichtig. Wir haben gern unsere Ruhe. Wir gewöhnen uns an alles.

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Darauf kann sich jeder berufen, der abends beim Knabbergebäck die aktuellen Todeszahlen in der Corona-Pandemie schulterzuckend zur Kenntnis nimmt. Guck an, in Sachsen bloß zwei. Wie viele müssen’s denn sein, dass uns das Salzfischlein vor Schreck aus der Hand fluppt?

Am Anfang war das Erschrecken groß. Es gab Tote. Die Zahl stieg täglich. Das Fernsehen zeigte in Endlosschleife zwei grün vermummte hilflose Krankenschwestern in China. Die Zahl der Toten stieg weiter. Das Video von Militärlastwagen ging um die Welt. Nachts holten sie Särge aus einer italienischen Provinzstadt ab, weil das Krematorium dort überlastet war. Die Zahl der Toten stieg immer noch. Die Berichterstatter rüsteten auf. Sie sprachen von Kampf und Krieg und nie von Sieg. Von „statistisch nicht erwartbaren Mehrtoten“ war die Rede. Viele Zeitungsleser und Fernsehzuschauer starrten wie gebannt auf die Säulen in Diagrammen. In Deutschland ist die Zahl von 9.000 Toten fast erreicht.

In nicht mal drei Monaten haben wir uns daran gewöhnt, dass die Erkrankung an Corona das Leben plötzlich beenden kann. Andere sterben durch Radunfälle, nie wurde über Radunfälle so sehr Bescheid gewusst wie jetzt über Corona.
In nicht mal drei Monaten haben wir uns daran gewöhnt, dass die Erkrankung an Corona das Leben plötzlich beenden kann. Andere sterben durch Radunfälle, nie wurde über Radunfälle so sehr Bescheid gewusst wie jetzt über Corona. © Dmitri Lovetsky/AP/dpa

Doch wen interessiert das noch? Die Betroffenen natürlich, ihre Nächsten und Freunde. Aber sonst? Mancher nimmt die Zahlen bestenfalls noch aus den Augenwinkeln wahr. Auf zweihundert Leichen mehr oder weniger scheint es nicht anzukommen. Und Brasilien ist weit. In nicht mal drei Monaten haben wir uns daran gewöhnt, dass die Erkrankung an Corona das Leben plötzlich beenden kann. Andere sterben durch Radunfälle, nie wurde über Radunfälle so sehr Bescheid gewusst wie jetzt. 

Wir haben uns schon an ganz andere Sachen gewöhnt, an die Kommerzialisierung des Fußballs, an den Wegfall der Schmetterlinge, an ein bisschen mehr Terror vor der eigenen Haustür und an kenternde Boote irgendwo draußen. Einmal hat sich ein Foto im Gedächtnis festgehakt. Ein kleiner Jungenkörper am Rand der Wellen. Fort und vorbei. Man kann sich nicht alles merken. Ganz blöd ist allerdings der Kaugummiklump am Straßenbahnsitz. Der betrifft einen direkt. Ja, das ist gefühllos, und ja, das gehört auch zum Selbstschutz.

Gewöhnung lähmt und lullt ein

Psychologen halten eine gewisse Ungerührtheit für sinnvoll. Als Höhlenmenschen können wir Stresssituationen nicht unbegrenzt lange ertragen. Uns bleibt dann nur Kampf oder Flucht. Oder Augen zu. Die Gleichgültigkeit ist mit der Gewöhnung verwandt. Eine kleine Abgestumpftheit zwischendurch senkt den Adrenalinspiegel. Womöglich können wir Höhlenmenschen Mundschutz und Abstandsregeln in unser Gewöhnprogramm einbauen. Das hat beim Anschnallen im Auto doch auch geklappt. Bei Bedarf gibt es für Manager Nachhilfeseminare in Krisenfestigkeit und Komplexität zum Anfassen. Selbstverständlich gibt es das auch für Managerinnen, so vorhanden. Die neue Normalität soll bitte so aussehen wie die alte.

Das soll sie nicht! Einer wie der singende Schauspieler Hans Albers hat nur die halbe Weltliteratur auf seiner Seite. Die andere Hälfte führt Friedrich Nietzsche an. Der Philosoph warnt: „Das, woran wir uns gewöhnt haben, gilt uns nicht mehr als Rätsel, als Problem.“ Also brauchen wir uns auch nicht mehr um eine Lösung zu kümmern. Dann können wir auf Gott, den Staat, den Schornsteinfeger oder sonst wen vertrauen – bitte Zutreffendes ankreuzen – und das Denken samt Freiheitsdrang an der Garderobe abgeben. Wäre es nicht schade darum? So nützlich für uns die Gewöhnung sein mag, so fatal ist sie auch. Denn sie lähmt und lullt ein. Es geht nicht recht vorwärts, seit jemand hinten in die Höhlenwand den Spruch meißelte: Das haben wir schon immer so gemacht.

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Nein, wir sollten uns nicht an Corona-Tote gewöhnen. Auch nicht an zwei. Wir sollten uns nicht daran gewöhnen, dass alles irgendwann wieder normal wird. So gut war das nun auch wieder nicht. Wir sollten uns nicht an alle möglichen Einschränkungen gewöhnen und nicht an die Untreue der Matrosen.

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