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Worauf bereiten sich die Kanuten jetzt eigentlich vor?

Corona legt den Weltsport lahm, doch die deutschen Rennpaddler sind schon wieder im Trainingslager. Und machen dort ganz neue Erfahrungen.

Die Dresdner Top-Kanuten Steffi Kriegerstein und Tom Liebscher könnten in diesem Jahr noch eine Weltmeisterschaft erleben.
Die Dresdner Top-Kanuten Steffi Kriegerstein und Tom Liebscher könnten in diesem Jahr noch eine Weltmeisterschaft erleben. © Matthias Rietschel

Dresden. Die Nachricht verblüfft. Der deutsche Kanu-Verband ließ nahezu die gesamte Nationalmannschaft vom 11. bis 23. Mai ins Trainingslager in Kienbaum einrücken. Es war zugleich das Ende der Corona-Zwangspause des fast schon legendären Trainingszentrums nahe Berlin. Und seit Montag folgt nun bis zum 12. Juni der zweite Teil der Trainingsmaßnahme. Dabei drängt sich eine Frage auf: Worauf bereitet der Verband seine Top-Athleten jetzt eigentlich vor? Die Olympischen Spiele finden schließlich erst in 14 Monaten statt.

Im Grunde gelten alle Großveranstaltungen in diesem Kalenderjahr außerhalb des Fußballs mindestens als vakant – die meisten sind ohnehin schon abgesagt. Die Kanuten klammern sich jedoch an eine ziemlich konkrete Hoffnung. Der Weltverband ICF hat die für den Juli geplante Weltmeisterschaft für nichtolympische Bootsklassen in eine WM für alle Klassen umgewandelt und auf den 23. bis 27. September verschoben. Austragungsort soll – wie schon im Vorjahr – der ungarische Traditionsstandort Szeged sein.

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Intensives Training ohne Druck - eine neue Erfahrung

Dresdens Top-Kanutin ist skeptisch. „Die ICF ist da sehr euphorisch, bis dahin ändert sich noch viel“, sagt Steffi Kriegerstein. In Kienbaum ist sie dennoch, und das mit Überzeugung – auch wenn die Vorbereitung auf ein vakantes Ziel nicht leicht ist. „Ich bin froh über das Trainingslager. Bis vor zwei Wochen konnte ich ja noch nicht einmal in eine Umkleidekabine. Hier hat jeder eine klare Linie. Und hochqualitatives Training ohne Druck ist auch mal was Feines“, sagt die 27-Jährige. 

Das Trainingslager sei nach der Olympia-Absage nun wie eine komprimierte Saisonvorbereitung. „Wir spulen in Kienbaum das Programm ab, was wir sonst an unseren gewohnten Trainingslagern in Florida oder Portugal durchgezogen hätten“, erklärt die Kanutin des KC Dresden und Olympia-Zweite von Rio 2016.

Die Möglichkeiten in Kienbaum sind jedoch eingeschränkt. Auf zwei Bahnen müssen die knapp 50 Athleten trainieren. Zudem gibt es klare Hygiene-Regeln. „Wir belegen nur Einzelzimmer, minimieren den persönlichen Kontakt, halten Abstand, fahren meist in Einern, maximal in Zweierbooten“, erzählt Kriegerstein. Die deutschen Männer bewegten allerdings auch den Vierer. In den Krafträumen müssen alle Geräte nach dem Gebrauch vom jeweiligen Sportler desinfiziert werden, Physiotherapie ist nur mit Mundschutz möglich. 

Jeder Kompromiss ist besser als ein Jahr ohne Rennen

Die Einschränkungen führen teilweise auch zu skurrilen Szenen. „In der Mensa sitzen wir an Einzeltischen, zwei Meter voneinander getrennt. Das führt zwangsläufig zu lauten Gesprächen“, sagt Kriegerstein lachend.

Ob sich der Trainingsaufwand noch für dieses Jahr lohnt, bleibt indes offen. Und selbst wenn die WM stattfindet, dann vermutlich eher als bessere europäische Meisterschaft. „Ich kann mir aktuell nicht vorstellen, dass Nationen aus Nord- und Südamerika oder Ozeanien an einer möglichen Kanu-WM 2020 im September teilnehmen. Da bleiben die Europäer eher unter sich“, meint Kriegerstein.

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Wie unsicher der Terminkalender ist, belegt die geplante nationale Qualifikation für die WM. Nach den Vorstellungen des deutschen Verbandes soll die Ende Juni/Anfang Juli ausgefahren werden, womöglich sogar mit dem Status einer deutschen Meisterschaft, vielleicht aber auch nur als interne Qualifikation. Auch der Ort steht bislang nicht fest. „Das ist schon eine ziemlich seltsame Situation“, sagt Kriegerstein zur Lage. 

Und doch sind diese Aussichten immer noch besser als ein wettkampfloses Jahr. Ganz so viel Zeit bleibt freilich nicht mehr. Im Oktober soll die Vorbereitung für Olympia im nächsten Jahr beginnen.

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