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Görlitz

Worauf es jetzt in Görlitz ankommt

Redaktionsleiter Sebastian Beutler kommentiert die aufgewühlte Nachwahl-Stimmung.

© SZ-Montage

Kein noch so ausgetüftelter Plan kann erreichen, was die Zufälle des Lebens scheinbar mühelos zutage bringen. Einen Tag nach der OB-Wahl gedachte das offizielle Görlitz am Montag den Ereignissen des 17. Juni 1953. Auch wenn sie mittlerweile 66 Jahre zurückliegen, die Erlebnisgeneration hoch im Alter steht, so prägt dieses Datum noch immer das kollektive Gedächtnis dieser Stadt. Es war einmalig, wie Arbeiter und Intellektuelle, Rechtsanwälte und Dreher, Schüler und Angestellte gemeinsam auf die Straße gingen und für wenige Stunden die Macht von der noch jungen SED-Führung übernahmen. Der Aufstand wurde brutal niedergeschlagen, die Freiheit im Keim zerstört. Viele Görlitzer flohen, um nicht im Gefängnis zu landen. Andere ließen alle Hoffnung fahren, dass es mit dem Sozialismus etwas werden könnte.

Wer die Geschichte dieser Stadt in den letzten 70 Jahren erzählen will, der kommt um den 17. Juni 1953 genauso wenig herum wie um den 13. August 1961, der zu einer zweiten Auswanderungswelle führte, um die 1980er Jahren mit der dritten und die 1990er Jahre mit der vierten Abwanderungswelle. Und man sieht: Nicht erst die Wende ließ Tausende Görlitzer in die Ferne gehen. Der Aderlass dieser Jahre ist enorm: Die Stadt hat keine 60 000 Einwohner mehr. Wenn man dann noch die Vernichtung der jüdischen Gemeinde durch den Nationalsozialismus in den Blick nimmt, dann sieht man, wie viele Chancen diese Stadt vertan hat, weil tiefe Brüche nicht vermieden werden konnten, weil totalitäre Systeme die Menschen einengten, ihre Spielräume begrenzten, weil die Menschen ihre Chancen suchten.

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Dass es auch in diesen Wochen um grundsätzliche Fragen geht, spüren viele. Wie wollen wir leben? Wieviel Freiheit brauchen wir? Wieviel Unterschiede halten wir aus? Wieviel Gleichheit streben wir an? Wieviele Ge- und Verbote lassen wir uns gefallen für ein besseres Klima, für eine schönere Stadt, für ein besseres Zusammenleben, für mehr Sicherheit? Jede Zeit muss darauf ihre Antworten finden. Das macht es so spannend, aber auch so schwierig, weil es keine vorgefertigten, überhaupt fertigen Antworten gibt. Um sie muss eine Stadtgesellschaft ringen. Wir haben gerade erlebt, wie das in einem polarisierten Wahlkampf und in einer digitalen Welt aussehen kann. Das war und ist nicht immer schön, aber es führt kein Weg daran vorbei. Görlitz braucht einen neuen Vertrag seiner Bürger, der kann nur geschrieben werden, wenn viele daran teilnehmen. Mit ganz verschiedenen Auffassungen über den richtigen Weg, mit ihren unterschiedlichen Gaben und Talenten. Es wäre viel geholfen, wenn der neue Oberbürgermeister und die Stadträte, aber auch die unterlegene AfD Möglichkeiten für dieses Gespräch schaffen. Auch dann wird man sich nicht in allem einig sein. Das ist auch nicht nötig. Aber wer miteinander spricht, der überwindet die Sprachlosigkeit. Und das ist das mindeste, was wir für ein einigeres Görlitz brauchen.

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