merken
PLUS Dippoldiswalde

Worum sich die Dippser streiten

Gerold Haufe war 15 Jahre Friedensrichter in Dippoldiswalde. Vom laut krähenden Hahn bis zur Drohung mit dem Anwalt hat er viel erlebt.

Gerold Haufe aus Schmiedeberg hat nach 15 Jahren sein Amt als Friedensrichter abgegeben.
Gerold Haufe aus Schmiedeberg hat nach 15 Jahren sein Amt als Friedensrichter abgegeben. © Karl-Ludwig Oberthür

Gerold Haufe war drei Amtsperioden lang Friedensrichter in Dippoldiswalde. Von Anfang an gehörten Dippoldiswalde, Schmiedeberg und Glashütte zu seinem Amtsbezirk. Glashütte hat dann einen eigenen Friedensrichter bestellt. Dafür kam vor zwei Jahren noch Klingenberg mit dazu. Die Gemeinde hat sich Dippoldiswalde angeschlossen, weil sie Probleme hatten, selbst einen ehrenamtlichen Friedensrichter zu finden. Aus seinen 15 Jahren kann Haufe einiges erzählen, obwohl er ja über die Einzelheiten der verschiedenen Fälle Stillschweigen bewahren muss.

„In den ersten Jahren hatte ich wesentlich mehr Fälle auf dem Tisch als später. Das lag mit daran, dass viele Bürger sich noch nicht richtig mit dem neuen Rechtssystem auskannten. Da musste ich viel Aufklärungsarbeit machen“, erinnert sich der 76-Jährige. In den letzten Jahren kamen dann schon Menschen zum Friedensrichter, die eine Rechtsschutzversicherung hatten, die ihnen den Anwalt bezahlt hat.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Einen teuren Prozess vermeiden

Das hat die Arbeit des Friedensrichters nicht leichter gemacht. Er hat ja nicht die Aufgabe, Urteile zu sprechen und zu entscheiden, wer recht und wer unrecht hat. Sondern er soll als Unparteiischer zwischen den Konfliktparteien vermitteln. Sinn seiner Arbeit ist, einen Gerichtsprozess zu vermeiden, der dann mit wesentlich höheren Kosten verbunden wäre. Haufe hat mit den Menschen, die zu ihm kamen, dann auch geprüft, ob es überhaupt sinnvoll ist, vor Gericht zu gehen. Bei einem Zivilprozess muss der Kläger ja immer auch in Vorleistung gehen. Er hat also von Anfang an Kosten und das Gericht hat Arbeit. Vielleicht fahren alle Beteiligten besser, wenn sie sich vorher einigen. Dazu müssen aber beide Seiten bereit sein. Ein Termin vor dem Friedensrichter ist zwar auch nicht umsonst. Aber mit Schreibgebühren kostet eine Schlichtung um die 50 Euro. Dafür geht kein Anwalt vor Gericht.

„Es kam dann aber immer wieder vor, dass sich ein Bürger gar nicht mehr auf ein Gespräch einließ und gleich sagte: Dafür habe ich meinen Anwalt“, berichtet Haufe. „Man hat auch mir mal mit dem Anwalt gedroht.“ In solchen Fällen war er froh, dass er Unterstützung vom Amtsgericht hat. Die Amtsgerichtsdirektoren, früher Joachim Thomas und jetzt Rainer Aradei-Odenkirchen, betreuen die Friedensrichter.

In der Stadt sind die Probleme anders

Die meisten Fälle, mit denen der Dippser Friedensrichter zu tun hatte, waren Streitigkeiten unter Nachbarn. Um Grenzfragen, um Bauten an der Grundstücksgrenze, um Hecken oder Bäume, die dort wachsen, sind sich die Dippser und Schmiedeberger immer wieder in die Haare geraten. Haustiere, welche die Grenzen überschreiten, Hähne die zu früh krähen oder bellende Hunde, sind regelmäßig Anlass für einen Streit, aber eher auf dem Land.

In der Kernstadt stehen andere Punkte mehr im Vordergrund wie Beleidigungen oder Konflikte in Mietshäusern. Diese sind auch in Haufes Sprechstunde gelandet. Auseinandersetzungen kann es geben, wenn eine Hausgemeinschaft schon viele Jahre zusammenwohnt und dann neue Mieter einziehen, die sich an die Regeln nicht halten, welche sich über die Jahre eingespielt haben. „Da kommt es vor, dass jemand die Hausordnung nicht macht, oder seinen Hund auf dem Wäscheplatz frei laufen lässt.“ Haufe merkte aber auch Unterschiede, dass in der Stadt die Bürger besser informiert waren in Rechtssachen. Er hat dann auch den Kontakt zu den Vermietern gesucht, um eine Lösung zu finden. 

Aufgabe des Friedensrichters war die Aufklärung, nicht die Entscheidung. Er legte die rechtliche Situation dar, versuchte zu vermitteln, aber Urteile gingen über seine Kompetenz. Am besten war immer, wenn die Streitparteien selbst eine Regelung gefunden haben. Haufe ist, so wie andere Friedensrichter auch, kein ausgebildeter Jurist. Wer hauptberuflich Anwalt oder Richter ist, bei der Polizei oder Justiz arbeitet, kann von Gesetz wegen nicht Friedensrichter werden. Es geht hier nicht um die juristischen Fachkenntnisse, sondern um den normalen Menschenverstand und Lebenserfahrung.

Haufe hat sich das in seinen Berufsjahren angeeignet. Er hat eine Maurerlehre gemacht und danach bei der Wasserversorgung gearbeitet. Dort hat er sich dann von der Pike auf alles gelernt, was er als Wassermeister können musste. Das war er dann 23 Jahre lang, bis er in den Ruhestand ging. Zu dieser Zeit hat ihn der damalige Bürgermeister von Schmiedeberg, Karl-Günter Schneider, angesprochen, ob er sich das Amt des Friedensrichter vorstellen könnte. Haufe konnte das, und hat es 15 Jahre lang gemacht. Dieses Jahr hat er die Aufgabe nun aus gesundheitlichen Gründen abgegeben. Derzeit kümmert sich seine Vertreterin Andrea Reichel darum. Wegen der Corona-Epidemie finden allerdings keine Sprechstunden statt. Außerdem sucht die Stadt Dippoldiswalde wieder einen Menschen mit Zeit, Spaß am Umgang mit anderen Leuten und etwas Lebenserfahrung als neuen Friedensrichter.  

Mehr Nachrichten aus Dippoldiswalde lesen Sie hier. 

Mehr zum Thema Dippoldiswalde