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Feuilleton

Wozu brauchen Kiefern Orthopäden?

Mit „Oh, eine Pflanze!“ legt der Illustrator Felix Bork einen Führer der ganz besonderen Art vor.

Mal sieht „Oh, eine Pflanze!“ aus wie ein Kinderbuch, mal wie Kunst, mal wie ein Comic und mal wie ein klassisches Lehrwerk. Tatsächlich ist dieser wunderbare Wald- und Wiesenführer das alles zusammen.
Mal sieht „Oh, eine Pflanze!“ aus wie ein Kinderbuch, mal wie Kunst, mal wie ein Comic und mal wie ein klassisches Lehrwerk. Tatsächlich ist dieser wunderbare Wald- und Wiesenführer das alles zusammen. © Verlag

Von Nikta Vahid

So freundlich wird man als Leser doch gern begrüßt: „Hallo lieber Pflanzenfreund.“ Kurz darauf grinst uns eine kleine blaue Blume entgegen und sagt: „Hi!“ Felix Bork, Berliner Illustrator, Autor und großer Tier- wie Pflanzenfreund, hat sein drittes Buch veröffentlicht. „Oh, eine Pflanze!“listet ohne Anspruch auf Vollständigkeit heimische Fauna auf. Auf der ersten Seite wird klar: Der Autor und Illustrator will, dass sich alle Leser über die heimische Flora freuen wie er selbst. „Oh, eine Pflanze!“ funktioniert zwar als Bestimmungsbuch, es ist zugleich aber sehr viel mehr.

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Bork kennt die Klassiker unter den Bestimmungsbüchern und unterscheidet sich ganz bewusst davon, indem er „Oh, eine Pflanze“ um besondere und subjektive Aspekte ergänzt – alles mit einem sehr, sehr großen Augenzwinkern. So direkt seine Botschaft ist (Pflanzen sind „megageil. Denn sie sind die Grundlage unseres Lebens, und wir müssen sie besonders achten und schützen“), so angenehm ist die Tatsache, dass der Berliner sich selbst und die Welt nicht immer ganz ernst nimmt.

Der Inhalt wird pragmatisch und wie folgt gegliedert: Pflanzen, Bäume, Blumen (die wiederum sehr praktisch farblich sortiert, nämlich kapitelweise nach Blau, Rot, Gelb, Grün/Braun und Weiß), Gräser, Sträucher und Pilze. Jedes Kapitel hat als Einführung einen wissenschaftlichen Text zur jeweiligen Gattung – jedoch mit den typischen Bork’schen Konnotationen, die man schon aus „Oh, ein Tier!“ kennt. Da wird etwa der Begriff „Flachwurzler“ um den Zusatz „so flach wie die Witze in diesem Buch“ ergänzt. Bork liefert sich selbst Steilvorlagen für platten Humor, aber ohne das Maß zu überschreiten.

Blue Man Group und Blumen Group

Am Rande der Fotosynthese lacht eine niedliche Sonne, später erklärt Felix Bork netterweise den Begriff der „Assimilation“ in der Pflanzenwelt mit ganz einfachen und verständlichen Worten. Hand aufs Herz: Wer hätte ohne die Hilfe von Google gewusst, was der Begriff Assimilation in der Flora bedeutet? Gleich zu Beginn wird außerdem klargestellt, welche Pflanzen cool und uncool sind. Auch Pflanzen vermehren sich. Bienchen und Käfer summen da um Blümchen herum, Samen fliegen fröhlich durch die Luft, Tiere essen Samen, Tiere scheiden Samen aus, Pflanzen pflanzen sich fort. Borks Humor ist manchmal reizend – etwa wenn der den Unterschied erklärt zwischen der grünen Kiefer und jenem Kiefer, der schon mal den Zugriff eines Orthopäden braucht – und manchmal derb. Wissen Sie zum Beispiel, wie Fotosynthese und Atmung zusammenhängen? „Wenn ein Mensch pupst, kommt CO² raus. Das atmet der Baum und pupst dann O² raus. Das atmet der Mensch. Dann pupst er, der Baum atmet, pupst, atmen, pupsen, atmen, pupsen, geil.“ Das Leben kann, dank Felix Bork, sehr, sehr einfach, logisch und unkompliziert sein.

Der Illustrator, der an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle studierte, kann jedoch nicht nur gekonnt Quatsch machen, sondern hat, so kindlich naiv seine Illustrationen wirken, gestalterisch viel auf dem Kasten. Realistische Zeichnungen stehen neben Comicstrips, die aussehen wie von Kinderhand geschaffen. So wird im Comic erklärt, was der Blaue Eisenhut mit der griechischen Mythologie zu tun hat. Nur ein paar Seiten weiter findet man abstrakte Acrylmalerei.

Immer wieder spielt Bork mit Worten: Da steht zum Beispiel, verteilt auf eine Doppelseite, ein Bild der blauköpfigen „Blue Man Group“ neben drei Blumenstängeln, der „Blumen Group“. Welches Bild die Pflanze Löwenzahn ergänzt? Sie können es sich denken. Aber Felix Bork flachwitzt gekonnt und so unerwartet zur rechten Zeit, dass man seinen Sinn für Humor nur mögen kann.

„Oh, eine Pflanze!“ besticht durch Ironie und bildet zugleich. Der Leser lernt, warum die Erdbeere keine Beere ist und wie er die Platane vom Spitzahorn und den Bergahorn vom Feldahorn unterscheiden kann. Denn Pflanzen, stellt der Berliner selbstironisch fest: „Ey. Irgendwie sehen die doch alle gleich aus. Unten grün, oben gelb oder blau oder rot oder weiß oder grün.“ Zum Schluss geht es um Pilze. Die Schlaufüchse werden jetzt denken: Moment mal! Felix Bork war schneller. „Pilze sind keine Pflanzen“, schreibt er. Ende – des Kapitels sowie des großartigen Buches.

„Oh, eine Pflanze!“ ist ein Wald- und Wiesenführer, wie es ihn so wohl noch nie gegeben hat: Er macht jede Menge Freude, sieht stellenweise aus wie ein Kinderbuch, ist aber dennoch nicht ganz jugendfrei, sondern mal Kunst, mal Comic, mal Lehrwerk. Felix Bork blickt mit einer gehörigen Portion Humor und vor allem Selbstironie in die Welt. Und macht sie damit ein wenig schöner.

Felix Bork: Oh, eine Pflanze! Eichborn, 304 S., 30 Euro