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Wucher am Schloss

In der Görlitzer Südstadt wurde eine Seniorin Opfer eines überteuerten Schlüsseldienstes. Die Polizei kennt viele solche Anzeigen.

© Ralph Schermann

Von Ralph Schermann

Görlitz – Immer eine Reise wert

Die Stadt Görlitz wird von vielen als „Perle an der Neiße“ oder „schönste Stadt Deutschlands“ bezeichnet. Warum? Das erfahren Sie hier.

Ilse Reuschel* (65) ist aufgeregt. Gerade hat sie die Wohnung ihrer Mutter in Ordnung gebracht und wartet nun, dass die 92-Jährige von einem Krankenhausaufenthalt nach Hause gebracht wird. Nur schnell noch zum Briefkasten – und da passiert es: Die Tür fällt ins Schloss, der Schlüssel liegt drin, und die Mutter hat auch keinen mit.

„Der Zylinder kostet 198 Euro, suchen Sie sich jemanden, der Ihnen das dann mal einbaut...“
„Der Zylinder kostet 198 Euro, suchen Sie sich jemanden, der Ihnen das dann mal einbaut...“ © Ralph Schermann
Dirk Linczmajer, Leiter Polizeirevier Görlitz
Dirk Linczmajer, Leiter Polizeirevier Görlitz © Ralph Schermann

Zum Glück hat Ilse Reuschel das Handy dabei. Sie möchte natürlich, dass ihre Mutter nicht im Hausflur warten muss, und wählt die erste Nummer, die ihr das Internet für Schlüsselnotdienste anzeigt. Tatsächlich kommt nach 20 Minuten ein Monteur. Schnell ist die Tür auf, das Schloss aber kaputt. Ein Neues einzubauen, ist der Monteur nicht in der Lage. Ohne Ergebnis hämmert er 40 Minuten an der Tür herum, um Ilse Reuschel schließlich einen Zylinder in die Hand zu drücken: „Da müssen Sie jemanden suchen, der den einbaut.“ Er kritzelt allerlei Rechtfertigungen auf eine Rechnung, die Frau Reuschel leider unterschreibt: „Das ging ja alles so schnell.“ Nur das Scheckkarten-Lesegerät des Monteurs funktioniert. Knapp 580 Euro bucht er von der EC-Karte der mittlerweile eingetroffenen 92-Jährigen ab. Ilse Reuschel, die von Hartz IV lebt, verschlägt es die Sprache: „Im Internet stand ab acht Euro.“ Doch die Betonung liegt auf dem „ab“. Wieder einmal ist eine Person, überfordert in einer Notlage, auf die genau darauf angelegte Masche von Wucherern hereingefallen.

Dirk Linczmajer, Leiter des Görlitzer Polizeireviers, kennt das: „In den vergangenen Monaten kam es vermehrt zu Anzeigen gegen Schlüsseldienste.“ Bis zehn solche Fälle im Jahr nimmt allein das Görlitzer Revier auf. Darunter mehrfach gegen die angebliche Firma Schlüsseldienst Benjamin Lehmann Oberhausen, in dessen Vermittlung auch der bei Ilse Reuschel in Görlitz namenlos gebliebene Monteur tätig war. Allerdings nennt die Rechnung weder Telefon- noch Mailanschluss, selbst bei der auf solchen Formularen üblichen Angabe der Steuernummer steht „in Gründung“. Nachfragen laufen also ins Leere.

Aus dem Einsatztagebuch des Polizeireviers

Dumm gelaufen: Wie Bußgeld mit Haftbefehl gesucht wird

Eine Anwohnerin der Altstadt rief die Polizei, weil sie nicht aus ihrer Ausfahrt kam – dort stand ein Falschparker. Die Beamten ermittelten die Halterin, die in einem nahen Lokal arbeitete. Bei der Überprüfung stellten sie fest, dass gegen die Dame ein Haftbefehl wegen nicht bezahlter Geldbuße bestand. Bevor die Parksünderin davonfuhr, zahlte sie die noch offenen 55 Euro und wartet nun wegen behindernden Parkens auf den nächsten Bußgeldbescheid.

Falsch gesprungen: Wie frohe Spieler zu Trampeln werden

Ein Anrufer teilte der Polizei mit, dass über seiner Wohnung Erschütterungen erfolgen. Es sei wohl so, als ob aus großer Höhe Menschen springen. Die Tochter des Anrufers werde ständig davon munter. Der Grund war schnell ermittelt: Im oberen Stock fand ein Spieleabend statt, bei dem auch ein Hürdenlauf imitiert werden musste. Das führte zu den Trampelgeräuschen. Die Polizisten ermahnten die Bewohner, ab sofort störungsfreier zu spielen.

Gefährlich gespielt: Wie ein Bauplatz der falsche Ort wird

Eine aufmerksame Bürgerin teilte gegen 17.30Uhr am Notruf dem Lagezentrum der Polizei mit, dass sie von ihrem Zimmerfenster aus beobachtet habe, wie drei Personen auf der Konsulstraße in eine umzäunte Baustelle gegangen seien. Die eingesetzte Polizeistreife fand sogar vier – alles Kinder, die auf dem Gelände spielten. Die Polizisten verwiesen die Spieler des kaum beleuchteten Geländes, um eine eventuelle Gefährdung der Kinder auszuschließen.

Anders geparkt: Wie ein Ortswechsel verwirren kann

Ein Görlitzer meldete seinen VW als gestohlen. Er stehe nicht mehr vor der Haustür, klagte der Mann. Eine sofort eingesetzte Polizeistreife gab aber schon kurz darauf Entwarnung: Der Mann hatte nur vergessen, dass er seinen Wagen am Vorabend rund hundert Meter von seinem Haus in der Altstadt entfernt geparkt hatte. Und dort stand das Auto noch – ordentlich abgeschlossen und sogar mit der ihm von seinem Besitzer fürsorglich angelegten Lenkradkralle.

Schnell gerettet: Wie ein Fahrer in die Klinik kommt

Eine Streifenwagenbesatzung des Görlitzer Polizeireviers fand gegen Mitternacht am Rand der Reichertstraße in der Görlitzer Südstadt neben einem Auto einen liegenden Mann auf. Es stellte sich heraus, dass dem 37-Jährigen während der Fahrt schwindlig geworden war, er daraufhin anhielt und sich auf den Gehweg legte. Die Polizeibeamten orderten umgehend einen Rettungswagen, der den Mann dann in ein Krankenhaus brachte.

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Dirk Linczmajer hört solche Hinweise oft: Meist verwenden Betroffene im Internet oder auch in Branchenbüchern in ihrer Aufregung gleich die ersten Einträge. Der Sprecher eines Telefonbuchverlages kennt das: „Schlüsseldienste versuchen häufig, Telefonservice zu missbrauchen.“ Bundesweit hat sich der Strausberger Rechtsanwalt Jens Mader auf Verfahren gegen dubiose Schlüsseldienste spezialisiert: „Das funktioniert über Scheinadressen. Über Rufumleitungen kommen Leute von sonst wo her.“ Kommen sie aus einem anderen Ort, wird Wartezeit mit Lügen überbrückt: Der Kollege hätte einen Unfall oder sei noch bei einem länger dauernden Auftrag. Fast stets sei es so, dass Monteure das Schloss angeblich nie unzerstört aufbekämen, also ein neues Schloss gekauft werden müsse. Am Ende stehen Kosten zwischen 400 und 900 Euro – und immer die Nötigung, sofort zu zahlen, da sonst die Tür wieder verschlossen würde. Es gab Fälle, da drohten Monteure, bei Nichtbezahlen „etwas aus der Wohnung zu pfänden“. Für den alteingesessenen Görlitzer Schlüsselnotdienstanbieter Hans-Joachim Pläschke ist das ein Skandal: „So arbeitet kein seriöser Handwerker!“ Er ist bestürzt, dass viele noch immer auf solche Firmen hereinfallen: Es gibt in Görlitz eine Hand voll Anbieter, etwa die Firmen Pläschke, Exner, Heidenescher, Bullmann oder Therburg – alle als Görlitzer erkennbar, alle rund um die Uhr und alle zu vernünftigen Preisen. Dirk Linczmajer rechnet: „Wenn es schon bei uns im Jahr zehn Anzeigen gibt und vieles sicher gar nicht angezeigt wird, dürften wohl weit über 50 000 solche Wucherfälle in Deutschland kriminellen Gewinn machen.“ Zwar werde in Internet-Impressen darauf hingewiesen, dass es sich meist nur um Vermittlerfirmen handelt. Wegen Wucher nach dem Strafgesetzbuch dagegen vorzugehen, bedarf es möglichst gebündelter Verfahren. „Deshalb rate ich auch Frau Reuschel zu einer Anzeige bei der Polizei, ebenso weiteren Betroffenen“, sagt der Revierleiter. Übrigens gilt das nicht nur für Schlüsseldienste. Am Montag fiel zum Beispiel Sybille Bahr* in Königshufen auf dubiose Rohrreiniger herein, Nach der schnellen Beseitigung einer Verstopfung der Küchenspüle forderten sie 680 Euro...

Unabhängig von Wucher als Straftat können Betroffene überteuert bezahlte Preise nur versuchen, über Zivilklagen teilweise erstattet zu bekommen. Ohne einen Rechtsanwalt ist das allerdings kaum zu schaffen. Beratungen dazu bieten auch die Verbraucherzentralen an. Für Rechtsanwalt Jens Mader geht es zudem nicht nur um Wucher: „Die Firmen betrügen ja schon bei der Adresse und verstoßen gegen das Gesetz über unlauteren Wettbewerb.“

Ilse Reuschel nützt diese Erkenntnis jetzt indes wenig: Ihre Tür schnappt zwar zu, geht aber nicht mehr abzuschließen: „Um das neue Schloss einbauen zu lassen, habe ich im Moment kein Geld mehr.“

* Namen von der Redaktion geändert