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Wundermittel für Lust und Verstand

Warum Bienen die derzeitige Situation in Zeithain beruhigen könnten. Ein kaum lustiger, aber innovativer Rückblick.

© Alexander Schröter

Von Kevin Schwarzbach

Die letzte Woche war keine leichte, liebe Leserinnen und Leser. Tagelang beschäftigten mich die unrühmlichen Ereignisse in Zeithain, und ich sinnierte darüber, ob ich die Geschehnisse an dieser Stelle noch einmal aufwärmen oder sie übergehen soll. Da ich mir selbst beim Schreiben dieser Zeilen noch nicht sicher bin, was die beste Lösung wäre, bleibt wohl nur der klassische Mittelweg. Reden, ohne dabei viel (Überflüssiges) zu sagen. Wir müssen über die Ereignisse sprechen, dürfen ihnen dabei aber nicht mehr Ansehen und Präsenz verleihen, als sie verdienen.

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Deswegen will ich nicht weiter darüber sprechen, dass ein Asylbewerber aus Marokko im Zeithainer Netto-Supermarkt eine Verkäuferin begrapscht haben soll. Deshalb will ich auch nicht thematisieren, dass etwa 170 Menschen einem Aufruf der rechtsextremen NPD folgten und in Zeithain in der Nähe einer Unterkunft gegen die dort lebenden Asylbewerber demonstrierten. Darum will ich auch nicht besprechen, dass sechs deutsche Männer den Aufstand der Unanständigen erprobt und dabei sieben Asylbewerber mit einem Baseballschläger und einem Samurai-Schwert angegriffen haben sollen. All diese Ereignisse beschämen mich. Ich will dazu nichts mehr sagen. Nichts mehr sagen müssen.

Und nur fürs Protokoll: Das hat nichts mit dem „typischen Verschweigen und unter den Tisch kehren der Lügenpresse“ zu tun, wie ich es diese Woche mal wieder auf Facebook lesen durfte. Die Sächsische Zeitung hat über all die oben genannten Ereignisse – und auch deren Folgen – ausführlich berichtet. Jetzt heißt es abwarten und die zuständigen Ermittler ihren Job machen lassen. Wer sich als schuldig erweist, wird auf Grundlage der Verfassung und Gesetze verurteilt – unabhängig von seiner Nationalität. Bis dahin müssen wir nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen. Es reicht schon, dass die Ereignisse der vergangenen Wochen bundesweit für Schlagzeilen sorgten und Zeithain derzeit in einem sehr unrühmlichen Licht erscheinen lassen. Statt mit gegenseitigen Hetzparolen für noch mehr Aufruhr zu sorgen und die Fronten weiter zu verhärten, sollten wir uns allesamt beruhigen, in uns gehen.

Viagra aus dem Bienenstock

Wenn wir uns in Zukunft mit etwas klarerem Kopf artikulieren wollen, als das bisher der Fall ist, sollten wir auf Fritz Woitaß hören. Die Bienen, die der Zabeltitzer Imker auch in der Zeithainer Gohrischheide ausfliegen lässt, liefern nämlich ein paar ganz besondere, weithin unbekannte Stoffe. Beispielsweise Apilarnil, ein Extrakt aus sieben Tage alten Drohnenzellen. Das Mittel soll den Stoffwechsel in Schwung bringen, das Immunsystem stärken und die Potenz erhöhen. Sozusagen ein Viagra aus dem Bienenstock. Vielleicht hilft es uns allen, wenn wir uns wieder etwas mehr mit uns selbst und unseren Nächsten beschäftigen, statt vor Langeweile immer auf das Leben und Handeln anderer Personen zu schauen. Lust und Sex als Heilmittel gegen die aktuelle gesellschaftliche Spaltung, das ist doch mal innovativ! Mehr Liebe, weniger Hass. So finden wir wieder zueinander.

Womöglich liefern die Bienen aber auch noch einen anderen Wunderstoff, der zwar ebenfalls mit unserer Aktivität im Bett zu tun hat, gleichzeitig aber auch den Verstand schärfen soll: das Gelée Royale. Es ist jener Saft, mit dem die Bienenkönigin gefüttert wird. Er soll den Hormonhaushalt von Frauen beflügeln und altersbedingten Verschleißerscheinungen entgegenwirken, auch dem Verlust des Gedächtnisses. Bereits der weltberühmte und einzigartige Meisterdetektiv Sherlock Holmes hat sich dieses Mittels bedient. Zumindest wenn wir der Verfilmung „Mr. Holmes“ mit Sir Ian McKellen in der Hauptrolle des alternden Genies trauen.

Ob die Wirkung wirklich existiert oder nicht, es kann nicht schaden, eine Subvention für Imker einzuführen, damit diese das Apilarnil und Gelée Royale unter die Bevölkerung bringen. Vitalität und ein kühler, klarer Kopf sind zwei Eigenschaften, die wir jetzt, wo die Welt aus den Fugen zu geraten scheint, dringender denn je brauchen. Das wird mir besonders bewusst, wenn ich an den neuesten Trend auf Facebook denke, der nun auch auf der Seite der SZ Riesa angekommen ist: das Kommentieren per Sticker. Menschen, die keine Lust haben, ihrer Meinung mit Worten Ausdruck zu verleihen, setzen unter unsere Texte bewegliche Bilder – von schreienden Monstern, kotzenden Hamburgern oder autofahrenden Katzen. Wir brauchen das Gelée Royale dringend, liebe Leserinnen und Leser! Sehr dringend.

Diese Woche kann wohl kaum innovativer werden.