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Wussten Sie eigentlich, dass Heiko Scholz ...

... Dynamos erster Millionentransfer war? Dieses und weitere Geheimnisse aus dem Leben eines beinahe „vergessenen Dynamo-Helden“.

Heiko Scholz ist jetzt Dynamos Cheftrainer – allerdings nur auf Zeit.
Heiko Scholz ist jetzt Dynamos Cheftrainer – allerdings nur auf Zeit. © dpa/Hendrik Schmidt

Die Begrüßung der Journalisten fällt typisch aus. „Da bin ich wieder“, sagt Heiko Scholz am Dienstag und grinst, nachdem wenige Stunden zuvor seine Verpflichtung als Interimstrainer von Dynamo Dresden bekannt gegeben worden war.

Es ist tatsächlich eine Rückkehr zu einem Verein, bei dem er, wie Scholz sagt, „zum Fußballer gemacht wurde“. In dem am Mittwoch erschienenen Buch „Dynamos vergessene Helden“ erinnert der 53-Jährige sich an seine wichtigsten Stationen als Spieler und Trainer. 

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Die SZ druckt eine gekürzte Version des Porträts:

Am 17. Mai 1991 schreibt Dynamo ein neues Kapitel seiner Vereinsgeschichte. Mit dem 2:1-Sieg bei Lok Leipzig machen die Dresdner am vorletzten Spieltag die Bundesliga-Qualifikation perfekt. Heiko Scholz schießt das 1:0 – ausgerechnet gegen seinen ehemaligen Verein. „Es war schon ein etwas komisches Gefühl, zumal die Leipziger mit einem Sieg gegen uns auch noch Chancen auf die Qualifikation zur Bundesliga gehabt hätten“, erinnert er sich.

Zu Dynamo war der Görlitzer auf Umwegen gekommen. Mit zwölf Jahren wurde er auf die Sportschule nach Dresden delegiert, spielte vier Jahre im Nachwuchs, bekam im Männerbereich aber keinen Vertrag. „Man hielt mich für zu klein und wohl auch zu schlecht. Ich wechselte zur ISG Hagenwerder und machte meinen Berufsabschluss zum Instandhaltungsmechaniker.“ 

Der große Fußball schien in unerreichbare Ferne gerückt zu sein. „Dann spielten wir in Görlitz bei einem Hallenturnier, und Chemie Leipzig wurde auf mich aufmerksam.“ In Leutzsch schaffte es „Scholle“ bis in die U21-DDR-Auswahl. Die Parteileitung entschied dann, Scholz zum 1. FC Lok zu delegieren. Dort spielte er vier Jahre und stand 1987 im Europacup-Endspiel gegen Ajax Amsterdam (0:1). Wenige Tage später stemmte er den FDGB-Pokal in die Höhe.

Den Tag des Mauerfalls wird Scholz nie vergessen, „denn ich hatte mir am 9. November 1989 noch einen Wartburg gekauft. Der Wagen kostete ungefähr 35.000 Mark und hatte einen Viertaktmotor. Am Tag der Auslieferung stand ich schon vor der Öffnung des Lagers vor der Tür und habe gewartet. Ich war unglaublich stolz.“ Den rasanten Wertverlust konnte er schnell verschmerzen, denn nach seinem Wechsel nach Dresden lief die Pkw-Verteilung komplett anders: „Für uns Fußballer war das schon Luxus. Eines Tages standen 30 nagelneue Audi 80 vor dem Harbig-Stadion.“

Im Sommer 1990 war Scholz als erster Millionentransfer in die DDR-Fußballgeschichte eingegangen. Er muss immer noch schmunzeln, denkt er an seine Rückkehr. „Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen. Ich wurde bei Dynamo ausgebildet, dann schickte mich der Verein weg, um mich später für viel Geld zurückzuholen.“ 

Seinen Eltern in Görlitz verging allerdings zeitweise das Lachen, denn die Leute dachten, Scholz junior hätte selbst diese eine Million kassiert. Für Dynamo rechnete sich die Verpflichtung. „Scholle“ wurde zum Leistungsträger, bestritt 32 Bundesligaspiele und erzielte vier Tore. 1992 verkaufte ihn Dynamo nach Leverkusen. „Für 1,8 Millionen. Der Verein hatte also 800.000 Mark Gewinn gemacht, und auch ich konnte das Angebot von Bayer-Manager Reiner Calmund nicht ablehnen.“

Stasi-Akte bis heute nicht gelesen

Das Thema Stasi, das Dynamo im ersten Bundesligajahr auf viele Titelseiten hievte, spielt in seinem Rückblick eine eher untergeordnete Rolle. „Ich durfte als Fußballer zu DDR-Zeiten reisen, also hat mir keiner mit seinen Aussagen geschadet.“ 

Seinen Kumpel Torsten Gütschow, der dem Druck der Stasi nicht standgehalten, sich als Inoffizieller Mitarbeiter verpflichtet hatte und im Januar 1992 enttarnt worden war, ließ er einige Tage bei sich zu Hause wohnen. „Das war eine absolut chaotische Zeit. Wir sind immer durch den Hintereingang gegangen, weil vor dem Haus die Leute lauerten. Sportlich waren wir trotzdem erfolgreich, das war unter diesen Umständen schon beachtlich.“ 

Seine Stasi-Akte hat Scholz bis heute nicht gelesen. „Hätte mich jemand bespitzelt und mir damit geschadet, wäre er für mich tot gewesen. Aber das andere Zeug interessiert mich nicht.“

Nur wenige Wochen nach seinem Wechsel zu Bayer Leverkusen lief er erstmals für die DFB-Auswahl auf – in Dresden. „Es war wohl eher eine Geste an die Fans, dass ich beim 1:1 gegen Mexiko spielen durfte. Ich blieb zwar danach noch ein knappes Jahr im Auswahlkader, bekam aber keinen Einsatz mehr.“ Mit Frau Ilona sowie den beiden erwachsenen Töchtern Yvonne und Elisabeth zog er nach Leichlingen in der Nähe von Leverkusen, wo sich die Familie ein Haus gebaut hatte. „Dort leben wir noch heute“, erzählt er.

Nur die dritte Liga fehlt noch

Mit Leverkusen gewann Scholz 1993 den DFB-Pokal, von 1995 bis 1998 spielte er für Werder Bremen, bei Fortuna Köln und der SG Wattenscheid ließ er seine Profikarriere ausklingen, bevor es noch einmal ein kurzes Intermezzo in Dresden gab. Als 33-Jähriger heuerte er beim Dresdner SC an, bestritt aber nur neun Partien für die Rot-Schwarzen in der Regionalliga-Serie 1999/2000. „Ich war schrankfertig, meine Knochen kaputt.“

Nach dem Ende seiner Spieler-Laufbahn wurde Scholz Co-Trainer beim MSV Duisburg. „Insgesamt war ich siebeneinhalb Jahre dort und habe mit Rudi Bommer, Peter Neururer, Norbert Meier und Jürgen Kohler vier Cheftrainer überlebt“, blickt er zurück. „Neunmal saß ich als verantwortlicher Interimscoach in der Bundesliga auf der MSV-Bank und einmal in der zweiten Liga. Was mir bis heute in der Statistik fehlt, ist die dritte Liga.“

Heiko Scholz im Jahr 2013. 
Heiko Scholz im Jahr 2013.  © Archiv: Eric Münch

In Windeck und bei Viktoria Köln arbeitete er danach als Cheftrainer in der Regionalliga. Im Oktober 2013 kehrte er nach Probstheida zurück. Den 1. FC Lok führte er 2015 wieder in die vierte Liga, saß lange fest im Sattel. Als er 2018 nur acht Punkte aus den ersten neun Spielen holte, die Stimmung kippte und die Fans auf ein Banner pinselten: „Heiko, deine Zeit ist um!“, gab er nach einem Spiel eine denkwürdige Pressekonferenz. „Ich sage heute nichts mehr, außer: Schönen Tag noch.“ Scholz wurde beurlaubt.

Zwei Monate später unterschrieb er beim ambitionierten Viertligisten Wacker Nordhausen. „Als Trainer fehlt mir die dritte Liga. Das wäre schon noch ein Ziel“, sagte er. Nun ist Scholz zurück in Dresden.

Dynamos vergessene Helden

© SZ

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1991 qualifizierte sich Dynamo für die Bundesliga, hielt sich dort vier Jahre. Die meisten Spieler gerieten in Vergessenheit. In dem neuen Buch „Dynamos vergessene Helden“ wird in 55 Porträts an sie erinnert. Verlag EditionSZ, 192 Seiten, 22,90 €. Vorteilspreis bis zum 10.12.: 19,90 €. 

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