SZ +
Merken

Wut am Burgberg-Aufzug

Die Chefs der deutschen Kleingarten-Verbände stecken eine Stunde lang im Lift fest – bei Hitze und Atemnot.

Teilen
Folgen
© hübschmann

Von Christoph Scharf

Der Meißner Burgberg-Aufzug macht seinem Ruf als Touristenfalle wieder alle Ehre: Freitagvormittag saßen 19 Leute eine Stunde lang in der Kabine fest – bei fast 30 Grad Außentemperaturen und nicht der kleinsten Möglichkeit, ein Fenster zu öffnen. „Wir sind fast erstickt – und die Fenster waren so beschlagen, dass wir kaum noch rausschauen konnten“, sagt eine Insassin, nachdem sie von der Meißner Feuerwehr befreit worden war.

Dabei fing der Tag so gut an: Bei schönstem Wetter wollte die Gruppe die Albrechtsburg besuchen und hatte dafür schon das Mittagessen im Burgkeller vorbestellt. Vom Reisebus ging es ab in den Aufzug – der zügig nach oben fuhr, aber zehn Meter vor der oberen Station ruckartig stoppte. „Wir sind fast übereinander gefallen“, sagt Walter Voß. Der Kölner ist Geschäftsführer des Kleingarten-Versicherungsdienstes KVD und war mit einer ganzen Gruppe von Garten-Funktionären unterwegs. Die Chefs der deutschen Kleingarten-Landesverbände treffen sich einmal pro Jahr zu ihrer Tagung an wechselnden Orten. Dieses Mal war Dresden dran – samt des Tagesausflugs nach Meißen.

Der endete abrupt im Burgberg-Aufzug, wo die Funktionäre samt Ehefrauen in der heißen Kabine steckenblieben. „Das ist ein völlig neuer Begriff von gemischter Sauna“, sagt der Kölner, als er seinen Galgenhumor wieder gefunden hat. Denn mit dem Stillstand fing die Tortur erst an. Über die Sprechanlage wurden die 19 Gefangenen mit einer Dame des Aufzugs-Herstellers Hütter in Hamburg verbunden. „Mit der haben wir uns eine halbe Stunde lang ein Frage- und Antwort-Spiel geliefert“, sagt Rainer Merkel, Präsident des Landesverbands Thüringen der Gartenfreunde. „Allein für diese Diskussion gibt es eine Servicenote sechs mit zweimal Minus!“

Die Mitarbeiterin unten im Betriebsgebäude bekam dagegen ein Lob für ihren Einsatz. „Die Frau hat Blut und Wasser geschwitzt – konnte nur leider auch nichts tun.“ So halfen sich die Eingeschlossenen am Ende selbst – und riefen per Mobiltelefon die 112. Bei der Meißner Feuerwehr ging der Notruf um 10.50 Uhr ein. Die Kameraden rückten mit einem Kommandowagen und dem Rüstwagen an die Meisastraße aus und brachten den Aufzug manuell wieder nach unten. „Wir mussten den Notablass per Hand bedienen“, sagt Wehrleiter Frank Fischer. Eigentlich funktioniert der elektrisch. Aber der Strom war weg. „Deshalb war auch die Klimaanlage ausgefallen.“ Die Doppeltür aufzubekommen, war auch noch mal ein Kraftakt. Aber dann strömte endlich wieder frische Luft rein. „Im Aufzug war es an die 50 Grad warm, es dampfte förmlich“, sagt Fischer.

Zur Atemnot kam noch der Hunger: Denn mit der unfreiwilligen Wartezeit war auch die Vorbestellung im Restaurant Burgkeller nicht mehr einzuhalten. „Die Rechnung über das verpasste Essen werden wir bei der Aufzugsfirma einreichen“, sagt Rainer Merkel. Und auch die städtische Betreibergesellschaft SDM werde noch etwas zu hören bekommen.

Der neue SDM-Chef Karl-Heinz Gräfe war anfangs vor Ort, gestern Nachmittag telefonisch aber nicht mehr zu erreichen. Auch Hütter-Techniker kamen noch: Sie steckten bei der Anreise aus Dresden im Stau fest. Ob der Aufzug an diesem Sonnabend wieder fahren soll, blieb offen. Schließlich wurden für das Wochenende 34 Grad Hitze erwartet.

CDU-Stadtrat Jörg Schlechte jedenfalls fordert, dass der Lift bis zu einer gründlichen Reparatur stillgelegt wird. „Hütter soll einen Citybus bezahlen, der viertelstündlich auf den Domplatz fährt – und den Aufzug erst einmal 14 Tage lang testweise mit Sandsäcken hoch und runter schicken.“ Der Einbau einer Lüftungsklappe für Notfälle sei das mindeste. „Sonst bricht drinnen noch mal Panik aus!“

Wehrleiter Frank Fischer mag sich nicht vorstellen, was bei 35 Grad bei einer Aufzugspanne passiert. „Bei älteren Leuten kann ganz schnell der Kreislauf versagen.“