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Der verstörende Absturz des Xavier Naidoo

Geht's noch tiefer? Ja klar. Jetzt lobt der Sänger einen mehrfach verurteilten Reichsbürger als „wahren Helden“.

Xavier Naidoo behauptet, sein Vater sei in „jüdischen Goldminen“ misshandelt worden.
Xavier Naidoo behauptet, sein Vater sei in „jüdischen Goldminen“ misshandelt worden. © dpa

Von Sebastian Weber

Lange hielten ihm seine Unterstützer die Treue, vermuteten, er sei nur irgendwie falsch verstanden worden. Oder die Worte des Sängers würden böswillig verdreht.

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Diese Unterstützer sind nun großteils verstummt. Denn spätestens seit Xavier Naidoo seinen Juryplatz bei „Deutschland sucht den Superstar“ verlor, verbreitet er seine Überzeugungen so offen, dass sich keine Argumente zu seiner Verteidigung mehr finden. Neuester Tiefpunkt: Xavier Naidoo lobt einen mehrfach verurteilten Reichsbürger, bezeichnet ihn öffentlich als „wahren Helden“.

Der Reichsbürger warnte vor „subhumanen Völkerschaften“

Der Mann, von dem Naidoo derart angetan ist, heißt Rüdiger Hoffmann. Er ist ein ehemaliger NPD-Kader, der wegen versuchten Mordes mehrere Jahre im Gefängnis saß. Mittlerweile gilt Hoffmann als Wortführer der Gruppierung „Staatenlos“, die seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

Hoffmann tönt, Deutschland sei von fremden Mächten besetzt, die Bundesrepublik nur eine Firma. Er warnte auch vor „subhumanen Völkerschaften“, die geschickt würden, um Deutschland zu überrennen.

Seine Bewunderung verkündete Xavier Naidoo nun über den Messengerdienst Telegram. Menschen wie Hoffmann seien gar keine Reichsbürger, sondern „Systemkritiker“. Über Telegram teilt Naidoo seit Tagen Verschwörungstheorien, wird dafür von Rechtsextremen gefeiert.

Unter anderem verbreitete der Sänger die Behauptung, in der Bundesrepublik herrsche ein „krankes und faschistisches System“, ein anderes Mal sprach er über Pläne „zur Vernichtung der Deutschen und Deutschlands“. Er teilt auch Werbung des rechten Magazins „Compact“, das seit März vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft wird. Compact, das in der Vergangenheit durch Forderungen wie „Freiheit für Beate Zschäpe!“ auffiel, plant eine wohlwollende Biografie über den Sänger.

„Von der Unterhaltungsindustrie losgesagt“

Dass Naidoo nicht mehr zu RTL zurückkehren wird, ist ihm offenbar klar. In einem Interview mit einem bekannten deutschen Verschwörungstheoretiker berichtete er jetzt, er habe sich „von der Unterhaltungsindustrie losgesagt“ und sehe seine Aufgabe darin, „die Leute aufzuklären“.

Vorstellbar sei auch eine Zusammenarbeit mit dem extrem rechten Rapper Chris Ares. Mit diesem stehe er „sowieso in Kontakt, und ich mag ihn auch“. Die verhängten Sicherheitsmaßnahmen in der Coronakrise lehnt Naidoo dagegen ab. Er sagt: „Ich weiß nicht mal, ob Viren überhaupt existieren.“

In einem Video, das sich derzeit auf rechten Kanälen verbreitet, gibt der Sänger zudem Einblicke in seine vermeintliche Familiengeschichte. Sein Vater habe „in jüdischen Goldminen gearbeitet, schwerst gearbeitet“ und „wurde auch misshandelt“, erklärt Naidoo. Deshalb habe er jedoch „niemals Judenhass entwickelt“.

Je öfter Xavier Naidoo in den vergangenen Jahren mit wirren Zeilen in Liedtexten irritierte, desto mehr rätselten Beobachter, wie dieser Wandel erklärbar sei. Auch hierzu hat Naidoo nun möglicherweise eine Erklärung gegeben. Ein entscheidender Moment seines Lebens war demnach der Auftritt auf der Berliner Fanmeile bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2006. Dort sang er zur Feier der Nationalmannschaft vor einem Meer aus Deutschlandfahnen. Dieser Moment habe ihn beglückt, auch deshalb, weil man „kein schlechtes Gewissen haben“ musste.

Warum beide voneinander profitieren

Ob sich Naidoo mit den Jahren radikalisierte oder bloß seine Zurückhaltung verlor, sei unklar, sagt ein Mitarbeiter des Watchblogs „Sonnenstaatland“, das die Aktivitäten von Reichsbürgern deutschlandweit dokumentiert. Allerdings sei es folgerichtig, dass Naidoo und Rüdiger Hoffmann jetzt in Kontakt stünden: „Beide profitieren voneinander. Naidoo findet eine Zuhörerschaft, die seine Thesen ernst nimmt“ – denn Ex-NPD-Kader Hoffmann habe „in der Reichsbürgerszene derzeit die größte Präsenz und ist überregional bekannt“.

Hoffmann wiederum könne durch die Aufmerksamkeit, die ihm Naidoo schenke, mehr Zulauf für seine Demonstrationen erwarten – und damit auch Spenden. In den 1990ern hatte Hoffmann einen Angriff Rechtsextremer auf ein Asylbewerberheim organisiert, bei dem Molotow-Cocktails geworfen wurden. Ein Gericht verurteilte ihn wegen versuchten Mordes zu dreieinhalb Jahren Haft. Nach eigenen Angaben erlitt Hoffmann durch die Zeit im Gefängnis eine „Hafttraumatisierung“, wurde anschließend wegen Erwerbsunfähigkeit berentet.

Unterstützung erfährt Naidoo auch für das kürzlich veröffentlichte Video, das ihn bei einem Weinanfall zeigt, während er sich über die „geretteten Kinder“ freut. Damit greift der Sänger eine besonders obskure Verschwörungstheorie auf: Weltweit würden seit Jahren Kinder systematisch gefoltert, um in ihren Körpern das Adrenalin-Abbauprodukt Adrenochrom zu produzieren. Dieses diene Politikern wie Hillary Clinton und anderen „Satanisten“ als Verjüngungselixier.

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Naidoo benenne doch nur Tatsachen, sagt nun der Bad Homburger „Hypnosecoach“ Marcel Polte. Der Mann ist in der Szene der Verschwörungstheoretiker kein Unbekannter – auch weil er behauptet, er besitze übersinnliche Kräfte. Um dies zu beweisen, versuchte Polte 2017 in einem Test vor echten Wissenschaftlern an der Universität Würzburg, allein durch Gedankenkraft ein Stück Alufolie zu bewegen. Marcel Polte scheiterte, hatte aber anschließend eine plausible Erklärung parat: Er habe zu Hause nicht richtig geübt. 

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