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Corona hat die Zahnarztpraxis verändert

Die Hygienemaßnahmen sind jetzt strenger. Trotzdem bleiben immer noch Patienten weg. Ein Zahnarzt aus Chemnitz erklärt die Folgen.

© dpa/Markus Scholz (Symbolbild)

Das Visier während der Zahnbehandlung ist für Dr. Daniel Wolf aus Chemnitz noch ungewohnt. Weil Coronaviren durch Tröpfchen übertragen werden, ist es jetzt zum Schutz vor dem Sprühnebel nötig. „Handschuhe, Schutzbrille und Mund-Nase-Abdeckung waren für uns bereits vor Corona selbstverständlich“, sagt er. 

Seit vielen Jahren werde in den Zahnarztpraxen großer Wert auf Infektionsschutz gelegt. Denn nicht erst Corona sei eine Gefahr. Durch die Nähe zum Patienten während der Zahnbehandlung steige auch eine Ansteckungsgefahr für Hepatitis, Aids oder Tuberkulose. Einige Patienten hätten zudem multiresistente Keime. Und nicht alles werde im Patientenfragebogen angegeben, wie der Zahnarzt sagt.

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Antivirale Spülung

Corona hat trotzdem alles verändert. Bereits beim Betreten des Praxisgebäudes werden Patienten gebeten, einen Mundschutz anzulegen und die bereitgestellten Spender zur Händedesinfektion zu nutzen. Die Sitzgruppen im Wartebereich sind weit auseinandergerückt, Zeitschriften und Wasserspender fehlen. In der Anmeldung trennt eine Plexiglasscheibe die Patienten vom Personal. 

Zum Aufnahmegespräch gehört nun eine umfangreiche Befragung über Krankheitssymptome und mögliche Kontakte. Außerdem muss der Mund vor der Zahnbehandlung mit einer antiviralen Lösung gespült werden. Trotz höchster Hygienestandards sei die Angst der Patienten vor einer Ansteckung immer noch sehr groß, so Wolf.

Schon kurz nach dem Lockdown blieben die Patienten weg. „Hatten wir vorher 20 Patienten am Tag, waren es dann nur noch zwei. Selbst Schmerzpatienten betäubten sich anfangs lieber mit Tabletten, als zum Zahnarzt zu gehen.“ Das hielten sie natürlich nicht lange durch. Die Unsicherheit dauert laut Wolf zum Teil bis heute noch an. Inzwischen sei man bei etwa 60 Prozent der früheren Behandlungen.

Auch wenn allmählich wieder Prophylaxe und Behandlungen chronischer Zahnprobleme angemeldet würden, warte ein Teil der Patienten immer noch ab. Auch aus finanziellen Gründen würden zum Beispiel größere Zahnersatzversorgungen verschoben. Viele Versicherte sind oder waren in Kurzarbeit, manche Selbstständige sogar ganz ohne Einkommen. Da werde an solchen Dingen zuerst gespart.

Das wirkt sich auch auf die Praxen aus. „Insbesondere junge Kollegen, die ihre Praxis gerade erst eröffnet und mit Krediten finanziert haben, stehen vor einer bedrohlichen Situation“, sagt der Zahnsarzt. Seine Praxis bestünde zum Glück schon neun Jahre, und er könne auf einen Patientenstamm zählen – zumindest außerhalb von Coronakrisen. Doch die plötzlichen Kita- und Schulschließungen seien auch für ihn und seine Praxismitarbeiterinnen eine Herausforderung gewesen. „Für meine Angestellten musste ich Kurzarbeit in Anspruch nehmen. Gestaffelte Dienstzeiten machten es möglich, dass jeder seine familiären Verpflichtungen wahrnehmen konnte.“

Daniel Wolf bezeichnet Corona als Belastungsprobe für die Praxen – auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Bundeszahnärztekammerpräsident Peter Engel warnt vor einem Praxissterben, da die Bundesregierung Zahnärzte nicht wie andere Beschäftigte im Gesundheitssystem mit finanziellen Hilfen für ihre Ausfälle durch die Corona-Pandemie entschädigt, sondern lediglich Kredite gewährt. Für ältere Kollegen käme das nicht mehr infrage. Vor allem bei einer zweiten Coronawelle würden viele ihre Tätigkeit wohl vorzeitig aufgeben. „Die zahnärztliche Versorgung der Menschen ist dann nicht mehr gewährleistet“, so Peter Engel.

Um die Zahngesundheit der Sachsen steht es ohnehin nicht zum besten. Wie die regelmäßig vorgelegten Zahnreporte der Krankenkassen zeigen, werden im Freistaat mehr Zähne gefüllt und gezogen als im Bundesdurchschnitt. Eine verschleppte und unbehandelte Karies kann aber zur Entzündung der Zahnwurzel führen. Eine Wurzelkanalbehandlung ist dann meist der einzige Weg, um den Zahn zu erhalten. Die Sachsen haben auch häufiger Zahnfleischerkrankungen, gehen aber seltener zur Behandlung als Patienten in anderen Bundesländern. Denn Parodontose tut anfangs nicht weh, und der Leidensdruck ist noch gering. Doch Zahnverlust und teure Zahnersatzversorgungen könnten die Folgen sein.

Fünf Corona-Praxen in Sachsen

„Sorgen machen wir uns aber besonders um Patienten, die ohnehin schon unregelmäßig zum Zahnarzt gehen. Wurden ihre Termine coronabedingt abgesagt, ist ihnen die Notwendigkeit der Behandlungen noch schwerer zu vermitteln“, sagt Daniel Wolf. Inwieweit die Pandemie auch zu Zahnverlusten geführt hat, lässt sich dem Präsidenten der Landeszahnärztekammer Sachsen zufolge frühestens in einem Jahr erkennen. 

Thomas Breyer mahnt, die Mundgesundheit nicht länger hinauszuschieben. Nach wie vor sei es aber empfehlenswert, sich mit dem Praxisteam per Telefon zur geplanten Behandlung abzustimmen. „Hat ein Patient Infektionssymptome, sei es umso wichtiger, den Zahnarzt vorab zu informieren. Dann kann die Behandlung in einer der fünf Schwerpunktpraxen Sachsens erfolgen.“ Sie befinden sich in Dresden, Kamenz, Chemnitz, Falkenstein im Vogtland und in Leipzig. 

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