SZ +
Merken

Zarte Pinselschläge ordnen den Himmel über der Landschaft

Die Werke des Malers Gerhard Schiffel sind eindrucksvolle Zeugnisse seiner ungebrochenen Schaffenskraft bis ins hohe Alter, und sie bezeugen seinen Sinn für die Werte der Natur. Ins Bewusstsein der Öffentlichkeit...

Teilen
Folgen

Von Elsa Niemann

Die Werke des Malers Gerhard Schiffel sind eindrucksvolle Zeugnisse seiner ungebrochenen Schaffenskraft bis ins hohe Alter, und sie bezeugen seinen Sinn für die Werte der Natur. Ins Bewusstsein der Öffentlichkeit war die Kunst des seit Kriegsende in Borthen lebenden Schiffel allerdings relativ spät gedrungen. Er selbst hatte sich nur wenig um Publizität bemüht. Ausstellungen in seiner Geburtsstadt Glashütte und in Dippoldiswalde hatten jedoch den Beweis erbracht, dass Schiffels Malerei aufgrund ihrer Stimmungswerte und einer geradezu bezeichnenden intimen Atmosphäre zu den erfreulichsten Erscheinungen der Kunst in Sachsen zu rechnen sind.

Lehre in Dresden als Gebrauchsgrafiker

Gerhard Schiffel, der in einer engen Bindung zur Malerei in Dresden stand, sich gleichsam zur Dresdner Schule zählte, hatte sich über Jahrzehnte nachhaltig mit der Landschaft und den Menschen des Osterzgebirges, wo er seit 1939 ständig lebte, auseinandergesetzt. Sein Atelier befand sich in einer „gewachsenen Kulturzone“, wie man es nennen könnte, nämlich in einem barocken Pavillon inmitten des Schlossparks von Borthen, heute ein Ortsteil von Dohna, gelegen auf einem Höhenzug südöstlich von Dresden.

Die Gebundenheit des Malers an diesen Ort war geradezu zwingend. Und so wie dieser Pavillon in die Landschaft förmlich hinein wuchs, so entfaltete sich der Künstler in die vorgegebene Ordnung dieses Landstrichs mit der ihm eigentümlichen Atmosphäre, stets auf der Suche nach Ursprünglichkeit, nach Unmittelbarkeit und elementaren sinnlichen Erlebnissen. In der Schlichtheit seiner Motive und ihrer Interpretation liegt der besondere Reiz seiner Bilder, die uns auf so vollkommene Weise die heimatliche Landschaft erschließen helfen.

Gerhard Schiffel, am 22. März 1913 in Glashütte in der Familie eines Mechanikers geboren, entfaltet schon frühzeitig vielfältige künstlerische Neigungen. Nach einer Lehre als Gebrauchsgrafiker bei Hahnemann in Dresden ist er 1931 bis 1939 in der AG Kunstdruck in Niedersedlitz tätig.

Es folgen entbehrungsreiche Jahre des Kriegsdienstes. Dennoch gelingt es ihm in dieser Zeit, ein Semester an der Dresdner Kunstakademie zu studieren. Sein Lehrer ist dort Rudolf Schramm-Zittau, ein später Impressionist, der seine Schüler auf die Natur hinlenkt. Schiffel erweist sich damals als ein exzellenter Zeichner von dokumentarisch treuen Arbeiten. Bis in die vierziger Jahre hinein malt er auch Porträts in der Tradition der Dresdner Schule.

Doch gibt Schiffel die Ölmalerei zugunsten des Aquarellierens auf. Fortan wird er ausschließlich zu Wasserfarben greifen. Anfangs handelt es sich um Reiseskizzen in klaren Formen. Formale Orientierungshilfe sind da die französischen Maler, allen voran Cézanne und Bonnard. Spätere Darstellungen des ländlichen Lebens und der Landschaften im Vorland des Erzgebirges sind wesentlich offener in der Struktur. Zarte Pinselschläge ordnen den Himmel über den Feldern und Dörfern des Landes. Und vielfach wird das Atmosphärische ein wichtiges Gestaltungselement dieser hauchzart wiedergegebenen Motive mit Bäumen, Straßen, Häusern und viel Getier, zuweilen in nahezu transzendenten Bildern.

Man hat vielfach die verschiedenen Interessengebiete genannt, die Gerhard Schiffel zeitlebens beschäftigt haben. Seine Hinwendung zu den allgemeinen kulturellen Fragen unserer Zeit, zum Kunsthandwerk zum Beispiel, zur Fotografie auch oder zum Naturschutz. Ihm ging es um Überwachen, Pflegen und Identifikation mit dem Vorhandenen an Mensch, Natur und Kunst. Dies sah er als seine, man möchte sagen, missionarische Arbeit an. Und aus dem Zusammenspiel von Natur und Kunst sind dann zweifellos einige seiner besten Werke hervorgegangen.

So nahm er sich unter anderem immer wieder der gefährdeten Kulturgüter an, auch der Naturdenkmäler. Die bekannte Burgstädteler Linde auf der Anhöhe über dem Lockwitztal, heute nur noch ein Fragment, war zum Beispiel ein solches Objekt seiner Hingabe. In zahllosen Aquarellen und Zeichnungen hat er sie verewigt. Für viele der Einheimischen war Schiffel schlechthin der „Maler der Linde“.

Mit seinen Aquarellen hat Gerhard Schiffel zur Verfeinerung der Wasserfarbenmalerei hierzulande beigetragen und sich einen festen Platz innerhalb der Dresdner Kunst neben Karl Timmler aus Moritzburg und Günter Schmitz aus Radebeul gesichert.

Es war wohl schicksalshaft, dass ausgerechnet am 12. August des vergangenen Jahres, als schwere Wolkenbrüche über dem Osterzgebirge tobten und das Hochwasser der Flüsse ganze Landstriche verwüstete, der Maler Gerhard Schiffel im Heidenauer Krankenhaus einem Herzschlag erlag. Gerade seine Heimatstadt Glashütte im Müglitztal hatte es mit am schwersten getroffen. Das Unvorstellbare begreifen zu müssen blieb ihm allerdings erspart.