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Zehn Millionen Euro Schaden

Nach dem Brand in Kirschau zeigt sich das ganze Ausmaß der Zerstörung. Doch die Textilfirma gibt nicht auf.

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© Uwe Soeder

Von Katja Schäfer

Es ist frappierend: Von der Straße aus wirken die Betriebsgebäude der Firma Kirschauer Textil, als sei nichts passiert. Von dem Großbrand, der am Morgen des 10. Februars ausgebrochen war, 270 Feuerwehrleute tagelang in Atem hielt und 70 Prozent des Unternehmens zerstörte, ist nichts zu sehen. Nicht aus dieser Perspektive. Auf der Rückseite des Gebäudekomplexes dafür umso mehr. Eine Wand ist teilweise eingerissen. Ein Bagger zerrt verkohlte Gegenstände aus der oberen Etage. Bauschutt liegt herum. Mittendrin wird gearbeitet. Beschäftigte des Unternehmens und Helfer bauen die Maschinen ab, die nicht völlig hinüber sind. Material wird sortiert, was verwendbar ist, abtransportiert.

Ein Brand war in der Kirschauer Textilfirma ausgebrochen. Die SZ berichtete ausführlich darüber. So zum Beispiel auf Seite 1 der Dienstagsausgabe.
Ein Brand war in der Kirschauer Textilfirma ausgebrochen. Die SZ berichtete ausführlich darüber. So zum Beispiel auf Seite 1 der Dienstagsausgabe.

„Wir sind fest entschlossen, weiter zu machen“, sagt Geschäftsführer Klaus Münzberg. „Wir wollen niemanden entlassen.“ 80 Beschäftigte hat die Firma. Es sind überwiegend Frauen. Als der Chef am Tag nach dem Brand in einer Betriebsversammlung gefragt hat, wer bereit sei, beim Aufräumen und beim Wiederaufbau zu helfen, gingen alle Arme nach oben. Dieser Rückhalt bestärkt den Unternehmer, nicht aufzugeben, obwohl der Schaden riesengroß ist. Klaus Münzberg wagt vorsichtig eine erste Schätzung. „Zehn Millionen“, sagt er, und es klingt wie eine Frage.

Eine offizielle Aussage zur Schadenshöhe gibt es bisher ebenso wenig wie dazu, warum das Feuer ausgebrochen ist. „Die Brandursachenermittler der Kripo sind durch, ein Ergebnis liegt aber noch nicht vor. Jetzt sehen sich Spezialisten unserer Versicherung vor Ort um“, sagt der Geschäftsführer. Er hofft, dass die Untersuchungen bald abgeschlossen sind, damit auch der Bereich freigegeben wird, in dem es zuerst gebrannt hat. Denn dort steht eine Maschine, die unbedingt gebraucht wird, um die Produktion wieder aufnehmen zu können. Sie lockert die Ballen auf, zu denen das Material zusammengepresst ist, aus dem Reinigungstücher und Packdecken entstehen. Anschließend mischt sie die Fasern. Diese Anlage hat zwar Schaden genommen, Klaus Münzberg ist aber zuversichtlich, dass sie wieder gebrauchsfähig gemacht werden kann.

Knapp die Hälfte der Maschinen, die die Fasern zu textilen Flächen verarbeiten, konnte gerettet werden. Auch zwei Säumstraßen, an denen die zugeschnittenen Lappen und Decken gesäumt werden, wurden rausgeholt. Platz findet all das in Hallen, die neben dem betroffenen Gebäudekomplex stehen. Vor etwa fünf Jahren hatten Münzbergs sie gekauft, als die Firma Vegro Textilproduktion ihre Weberei geschlossen hatte. Jetzt erweist es sich als großes Glück, dass in diesen Gebäuden Platz frei ist. „Wir hoffen, in drei oder vier Wochen wieder mit der Produktion beginnen zu können“, sagt Münzberg. Das ist wichtig, um die Kunden zu halten. Die Kirschauer Textil GmbH hat auch bei Unternehmen mit einer ähnlichen Produktpalette Kontakt aufgenommen, ob sie einen Teil der Aufträge übernehmen können.

Während es im Moment das Wichtigste ist, die Produktion wieder in Gang zu bringen, denkt Familie Münzberg schon weiter. „Wir bauen den Betrieb wieder auf“, kündigt der Geschäftsführer an: „Dazu brauchen wir die Unterstützung der Banken.“ Überwältigt sind er, seine Frau sowie Tochter und Sohn von der Anteilnahme und den vielen Hilfsangeboten, die das Unternehmen erhalten hat. „Nachrichten kamen bis aus Nordeuropa und Afrika“, sagt Münzberg, dessen Betrieb auch dorthin Reinigungstücher und Packdecken liefert. „Wir danken allen von ganzem Herzen, die an uns denken und uns zur Seite stehen, vor allem Bürgermeister Sven Gabriel für seinen unermüdlichen Einsatz.“ Er habe zum Beispiel das Technische Hilfswerk organisiert, als das Flachdach einer sicher geglaubten Halle einzustürzen drohte. Der Rathauschef von Schirgiswalde-Kirschau sieht seine Möglichkeiten vor allem darin, die Hilfe für das geschädigte Unternehmen zu vernetzen. Er freut sich darüber, dass viele Firmen mit anpacken, und zählt ein paar Beispiele auf: Die Firma Metallbau Steglich aus Kirschau hilft beim Abbau der Maschinen, das Kirschauer Baumaschinenzentrum hat unter anderem einen Bagger für Abrissarbeiten zur Verfügung gestellt, die Spedition Grohmann aus Schirgiswalde Transporter.

Auch Wilthen hat Hilfe angeboten. Die Satdt würde Lagerflächen zur Verfügung stellen, wenn welche gebraucht werden. „Münzbergs sind schließlich Wilthener Unternehmer, sie wohnen in Wilthen“, sagt Bürgermeister Michael Herfort. Sein Amtskollege aus Schirgiswalde-Kirschau betont: „Ich bin sehr froh und dankbar, dass Familie Münzberg weiter macht, denn ihre Firma ist eine der größten in Schirgiswalde-Kirschau, da hängen immerhin 80 Arbeitsplätze dran. Für Sven Gabriel hat der Betrieb auch aus städtebaulicher Sicht Bedeutung, steht er doch an der wichtigsten Kreuzung von Kirschau. Die Fassaden an Bautzener und Wilthener Straße wurden von Münzbergs vor nicht all zu langer Zeit saniert, nachdem es vor acht Jahren schon mal gebrannt hatte. – Obwohl an den verschiedenfarbig gestrichenen Wänden das Löschwasser in Strömen heruntergelaufen ist, verraten sie jetzt nichts mehr von der Katastrophe und davon, wie schlimm es hinter den Mauern aussieht.