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Zehntklässler debattieren am Ratstisch

Die Mittelschüler aus Kreischa machten dem Bürgermeister interessante Vorschläge. Die Umsetzung wird aber schwierig.

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Von Mario Tippenhauer

So voll wie am Donnerstag dürfte der große Sitzungssaal des Rathauses in Kreischa sonst nur bei großen Empfängen oder richtungweisenden Entscheidungen sein. Mitglieder des Gemeinderates, Lehrer, Schüler und Einwohner drängten sich, als pünktlich um 16 Uhr die Glocke zu einer außergewöhnlichen Gemeinderatssitzung geläutet wurde. Auf den Tischen liegen Sitzungsunterlagen, stehen Getränke. 18 Schüler der hiesigen Mittelschule trafen sich zum sogenannten „Planspiel Kommunalpolitik“, um in den Fraktionen ihrer Gemeinde gemeinsam mit dem Bürgermeister zu beraten, zu debattieren, abzustimmen.

Busverkehr bis Mitternacht

Unter dem Motto „Ohne Jugend ist kein Staat zu machen“ möchte die bundesweite Friedrich-Ebert-Stiftung als Initiator der Aktion, in erster Linie Jugendliche für Politik interessieren und Lust auf Mitgestaltung und Mitsprache wecken.

Dass die jungen Räte mit guten Vorkenntnissen ins Rathaus gekommen waren, stellte Bürgermeister Frank Schöning (Freie Bürger Kreischa) bei der Begrüßung rasch fest. Die Jugendlichen konnten die Frage nach den Aufgaben der Gemeinde ebenso gut beantworten wie danach, welche Fraktionen es aktuell im „richtigen“ Gemeinderat gibt.

Jeweils sechs Jugendliche der drei im Kreischaer Rat vertretenen Fraktionen schlüpften an diesem Nachmittag in die Rolle der Gemeinderäte und machten selbst Politik. Im Gemeinschaftskundeunterricht hatten sich zuvor die Zehntklässler mit ihrem Ort und der Kommunalpolitik beschäftigt und sich Fragen überlegt. Was sind kommunale Aufgaben? Wie arbeitet ein Rat und wie sehen die politischen Verhältnisse in der Gemeinde aus? Besonders wurden natürlich Probleme, die die Jugendlichen unmittelbar berühren, erörtert und dementsprechend heiß diskutiert.

Welche Möglichkeiten gibt es, den Sportplatz der Schule zu sanieren? Was können Gemeinderäte tun, um den Fortbestand der Mittelschule zu sichern? Welche Freizeitmöglichkeiten gibt es im Ort? Dabei verloren sich die Schüler nicht in Wortplänkeleien oder parteiübergreifenden Scharmützeln ihrer realen Vorbilder. Reibungspunkte blieben dennoch nicht aus.

Alles nur ein Spiel

Der Umbau des Innenhofes ihrer Schule gewänne an zusätzlicher Attraktivität und wäre zudem ein Beitrag zur Schulstandortsicherung, argumentierten die Schüler, die nun die Freien Bürger Kreischas (FBK) repräsentierten. Aus Sicht der Schüler-CDU-Fraktion derzeit kein Thema, dass auf den Nägeln brennt, wie deren Vorsitzende Tina Kaltschmidt einwandte. Vielmehr setze sich ihre Fraktion für eine rasche Komplettsanierung der Sanitäranlagen in der Turnhalle ein. Die FBK unterstützten den Vorschlag, forderten allerdings ein Gutachten.

Im enthusiastischen Gedankenspiel der Möchtegern-Gemeinderäte musste Frank Schöning den Schülern in dieser Phase des Träumens allerdings die Realität vor Augen führen. Förderfähig sei lediglich ein Neubau, keine Sanierung, so der Ratschef. Und dazu fehle der Gemeinde das Geld.

Mit dem Antrag zur Erweiterung des abendlichen Busverkehrs des 4500-Seelen-Ortes stach die Fraktion der Linken offensichtlich in ein Wespennest. „Es ist ein Unding, dass um 20.30 Uhr die letzte Linie F nach Possendorf fährt“, sagt deren Vorsitzende Lydia Kirschner. Ihre Fraktion hält ein längeres Fahrtenangebot für dringend notwendig, um Freizeitaktivitäten in Freital, Dippoldiswalde oder Bannewitz nachgehen zu können. Sichtlich Bauchschmerzen dagegen hatte die CDU mit dieser Forderung. Schon heute seien die Busse des Regionalverkehrs in den Abendstunden nur wenig genutzt.

Nicht nach Farben wählen!

Frank Schöning verwies in diesem Zusammenhang auf den schwierigen Verfahrensweg bei der zusätzlichen Bestellung von Busleistungen. Bei aller Kontroverse: mit 5 Ja- und 4 Neinstimmen wurde diesem Antrag in der Schülerrunde trotz acht Enthaltungen entsprochen und der Bürgermeister beauftragt, mit dem RVD in Kontakt zu treten.

Doch das alles ist ja nur ein Spiel. Trotzdem: „Es ist toll, mit entscheiden zu können und etwas für seinen Ort und die Bewohner bewegen zu können“, resümierten Lydia Jähnichen und Martin Tömel als Vertreter der FBK das Planspiel Kommunalpolitik.

Auch die Zuschauer hatten Spaß an der „außerordentlichen“ Ratssitzung. Christian Jentsch, der „echte“ Vorsitzende der Freien Bürger Kreischa begrüßt das Projekt. Er mahnt die Schüler, tolerant zu sein innerhalb der Generationen. Und: „Wählt nicht nach Farbe und Gesicht, sondern nach Inhalten!“