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Zeit für den Schlussstrich

Nach zwölf Jahren als Bürgermeister in Schleife räumt Reinhard Bork heute die Amtsstube. Vieles, nicht alles, ist geschafft.

Das Soziale Zentrum mit betreutem Wohnen liegt Reinhard Bork besonders am Herzen. Mit dem Zentrum ist die Möglichkeit gegeben, dass ältere Menschen nicht wegziehen müssen, begründet der Noch-Bürgermeister.
Das Soziale Zentrum mit betreutem Wohnen liegt Reinhard Bork besonders am Herzen. Mit dem Zentrum ist die Möglichkeit gegeben, dass ältere Menschen nicht wegziehen müssen, begründet der Noch-Bürgermeister. © Joachim Rehle

Wie gewohnt geht Reinhard Bork heute ins Büro. Er wird mit seinen Mitarbeitern frühstücken und das eine oder andere besprechen. Es ist der letzte Arbeitstag des Schleifer Bürgermeisters. Er lässt ihn langsam ausklingen, wie er schmunzelnd sagt. Für einen dringenden Anruf aus Dresden würde er aber selbstverständlich bereit stehen. An fünf bis sechs Themen hat er pro Tag gearbeitet. Etliches musste deshalb auf seinem Schreibtisch immer griffbereit liegen. Vor gut zwei Wochen begann er, „Ballast abzuwerfen“. In der Vorbereitung auf den Ruhestand.

Reinhard Bork ist ein Schleifer Urgestein. Er ging zum Studium weg und arbeitete außerhalb. Als selbstständiger Elektromeister kehrte er in seinen Heimatort zurück. 1990 wurde er in den Gemeinderat gewählt. Mit dem Mandat der CDU. In einer Partei war er nie. Als Jahre später Bürgermeister Hans Hascha länger erkrankte, übernahm er als dessen Stellvertreter für mehrere Monate die Geschäfte. Allerdings warteten seine Kunden nicht. Deshalb ergriff der Handwerker quasi die Flucht nach vorn, kandidierte 2008 – und wurde zum Gemeindechef gewählt.

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Umsiedlung war das große Thema

Die Themen kannte er aus dem Rat. 2006 war eine Entwicklungskonzeption für das Kirchspiel Schleife erarbeitet worden. Da war der Bergbau schon über zehn Jahre vorherrschendes Thema. Seinerzeit hätten 85 bis 90 Prozent der Tätigkeit nichts mit der üblichen kommunalen Verwaltungsarbeit zu tun gehabt. Nach dem Schleife-Vertrag von 2008 begannen 2012 die Verhandlungen zu einem neuen Grundlagenvertrag, dessen Entwurf zwei Jahre später vorlag. 1.700 Menschen aus dem Gemeindegebiet sollten umgesiedelt werden. Es habe sich jedoch abgezeichnet, dass da „was im Busche“ war, erinnert sich Bork. Das wurde mit dem Verkauf von Vattenfall dann offensichtlich. „Es war eine sehr arbeitsintensive Zeit mit so gut wie nie einem Acht-Stunden-Tag“, sagt er rückblickend.

Ursprünglich wollte Reinhard Bork nur eine Wahlperiode Bürgermeister sein. Doch wegen der Umsiedlung von Schleife-Süd, Rohne und Mulkwitz wäre es für einen Neueinsteiger schwer gewesen. So kandidierte er 2015 ein zweites Mal und wurde mit 81 Prozent im Amt bestätigt. Für ihn stand da schon fest, dass er nicht bis 2022 im Amt bleiben würde. Vor dem 70. Geburtstag sollte Schluss sein.

Aufholen im Ex-Abbaugebiet

Die zweite Amtszeit wurde nicht weniger intensiv. Mit der Änderung des Revierkonzepts der Lausitz Energie Bergbau AG (Leag) 2017 war die Umsiedlung vom Tisch – bis auf Mühlrose – und das Ergebnis vieler Stunden Arbeit reif für den Papierkorb. Ein bisschen ärgere ihn das heute noch, sagt er nachdenklich. Über Jahre war in Erwartung der Umsiedlung nur das Nötigste gemacht worden. Jetzt heißt es: „Südlich der Bahn neues Leben geben, damit die Menschen das Gefühl kriegen, dass in den Ortsteilen was passiert.“ Erdgas, Abwasser, Breitband, der Neubau der Kita in Rohne und der Gerätehäuser der Feuerwehren in Schleife und Rohne sind die Schlagwörter – basierend auf der Willenserklärung von Leag, Freistaat und der Gemeinden Schleife und Trebendorf. Dass der Schwerpunkt jetzt auf dem ehemaligen Abbaugebiet liegt, verlange das Gebot der Gleichbehandlung, so Bork.

Die Verkehrsinfrastruktur befriedigt ihn ganz und gar nicht. Immerhin habe Schleife wenigstens einen Haltepunkt, aber das Umfeld des Bahnhofs sei „wenig ansehnlich“. Die Gemeinde hatte ihn aus einer Versteigerung erworben. „Ich hoffe, dass ich den Ausbau der Bahnstrecke noch erleben werde und auch, dass wieder ein Bus nach Spremberg fährt“, so der 69-Jährige. Viele Bürger wüssten, dass sie sich nach der Kohle anders orientieren müssen, aber dafür müsse die Infrastruktur stimmen. Seit vielen Jahren begleite ihn der zweite Bauabschnitt der Spreestraße. Doch bis heute sei nicht erkennbar, dass an der Verlängerung bis Schwarze Pumpe tatsächlich was passiert. Auch die Verbindung zwischen A 4 und A 15 fehle noch immer. Dies sei ein Grund, warum das Gewerbegebiet nicht gefüllt ist. Investoren würden nun mal nach der Autobahn fragen. Die Ansiedlung von Netto am Kreisel habe 14 Jahre gedauert. „Man kann nur den Hut ziehen, wenn ein Investor so lange bei der Stange bleibt“, erklärt Reinhard Bork.

Es bleiben ein paar offene Fragen

Zu tun gibt es weiterhin genug, mehr als genug. Dennoch, so betont Bork, sei jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Schlussstrich: Der Neubau des deutsch-sorbischen Schulkomplexes ist in Betrieb gegangen, ebenso wie das Soziale Zentrum mit Betreutem Wohnen.

Aber: Schleife hat keinen Haushalt. „Es fehlt die Einsicht bei manchen Räten, sparen zu müssen“, sagt er nachdenklich. Auch, weil die Leag nun eine andere Unternehmensstrategie fahre, werde es auf Dauer nicht so weitergehen. Die Gemeinde Schleife stellt Vereinen Objekte zur Verfügung. Dass sie auch noch die Betriebskosten zahlt, das gebe es nirgendwo anders. Künftig werden die Bewirtschaftungskosten aller gemeindlichen Immobilien ein großer Posten im Etat sein, umso wichtiger sei ein frühzeitig genehmigter Haushalt.

Auf die Frage nach einem Gemeindezusammenschluss zuckt Bork die Schultern. Es sei eines der ungeklärten Themen, dessen Notwendigkeit sich aber aus der sinkenden Einwohnerzahl ergebe. In Schleife und den Ortsteilen leben noch 2.450 Menschen. 2010 zuvor waren es fast 300 mehr.

Nachfolger braucht Ausdauer

Dem Nachfolger oder der Nachfolgerin legt der Noch-Bürgermeister ans Herz, „dranzubleiben an den Dingen, wo die Richtung klar ist“. Für vieles müssten bis 31. Dezember 2022 die Mittel abgerufen sein. Außerdem sollen mit Geldern des Strukturwandelpakets der Bahnhof und die alten Schulen in Rohne und Mulkwitz angegangen werden. Ideen gibt es. Die ärztliche Versorgung bleibe ein ständiges Thema; eben so wie die Lehrergewinnung.

All das trage dazu bei, dass junge Leute nicht wegziehen. Es freue ihn sehr, dass von 16 freien Höfen in Rohne 13 an den Mann gebracht wurden.

Bork hätte seinem Nachfolger noch viel mehr zu sagen. Dies weiterzugeben, wird eine Aufgabe für Amtsverweser Jörg Funda (CDU) sein. Er wurde vom Gemeinderat dazu bestellt, die Amtsgeschäfte bis zum Antritt eines neuen Bürgermeisters/-in zu führen. Gewählt wird am 1. November.

Für Reinhard Bork ist heute Schluss. Er sei immer gerne zur Arbeit gegangen, nun aber „froh, aus dem Hamsterrad rauszukommen“, sagt er nach zwölf Jahren als Bürgermeister. Und, dass er „erstmal gar nichts machen“ wird. Er freut sich auf seine sechs Enkel, für die er bisher nur am Sonntagnachmittag Zeit hatte. Er möchte öfter aufs Rad steigen, wozu er bisher viel zu selten kam und im August geht’s an die Nordsee. Eine Sorge will er aber schon jetzt dem Nachfolger nehmen. „Ich werde mich nicht einmischen“, sagt er.

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