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Beim Schlaganfall zählt jede Minute

Warum es bei Verdacht auf Schlaganfall nötig ist, sofort den Notarzt zu rufen, sagt Internist Rüdiger Soukup.

Bei Verdacht auf einen Schlaganfall sollten Betroffene oder Menschen, die den Anfall beobachten, sofort den Notruf auslösen. Denn dann geht es wirklich um jede Minute.
Bei Verdacht auf einen Schlaganfall sollten Betroffene oder Menschen, die den Anfall beobachten, sofort den Notruf auslösen. Denn dann geht es wirklich um jede Minute. ©  dpa


Herr Dr. Soukup, ein Arzt erzählte mir einmal, wer einen Schlaganfall hat, kommt mitunter noch mit dem Fahrrad in die Klinik und sagt, es gehe ihm nicht so gut. Erleben Sie das?

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Das kann ich so nicht sagen. Zu uns kommen normalerweise zwei Arten von Patienten. Die einen sind hochbetagt. Sie haben häufig einen Gefäßverschluss entwickelt und Angehörigen, dem Pflegepersonal oder anderen fallen dann Auswirkungen auf: Jemand bewegt eine Körperhälfte nicht mehr, spricht oder schaut seltsam, die Suppe läuft aus dem Mundwinkel, oder Ähnliches. Im zweiten Fall merken fittere Menschen mit einer guten Selbstwahrnehmung, dass etwas nicht stimmt. Sie können beispielsweise plötzlich einen Arm nicht mehr bewegen, ihnen fallen Worte nicht ein, sie sind akut verwirrt, ein Mundwinkel hängt, sie sprechen undeutlich.

Und wem so etwas auffällt, egal ob bei sich oder bei anderen ...

... der sollte sofort den Notruf tätigen. Und wenn die Mitarbeiter in der Notrufzentrale auch nur den Verdacht auf einen Schlaganfall haben, schicken sie sofort nicht nur die Sanitäter, sondern gleich den Notarzt. Bei einem Schlaganfall geht es wirklich um jede Minute. Zeit ist Gehirn! Durch die Durchblutungsstörung, die die Ursache für den Schlaganfall ist, verliert ein Mensch Millionen Nervenzellen pro Minute; in Abhängigkeit von der Größe des Schlaganfall-Areals auch viele Millionen. Normal ist ein täglicher Verlust von bis zu 100 000 Gehirnzellen, aber wir haben ja auch ungefähr 90 Milliarden.

Aufnahme des Gehirns

Schlaganfall ist dabei nicht gleich Schlaganfall?

Wir unterscheiden zwei Formen. In 80 Prozent der Fälle ist eine Durchblutungsstörung die Ursache, ausgelöst durch einen Gefäßverschluss. Bei 20 Prozent der Patienten wird der Schlaganfall durch eine Hirnblutung ausgelöst. Um die festzustellen, machen wir bei jedem Patienten mit Schlaganfall-Verdacht, der bei uns eingeliefert wird, eine Aufnahme des Gehirns mit dem Computertomographen (CT).

Und was geschieht dann?

Wir sind Teil des Schlaganfallnetzwerks Ostsachsen und direkt mit der Dresdner Uniklinik verbunden. Dorthin schicken wir die CT-Aufnahmen und eine Anfrage, die Spezialisten schauen sich das sofort an und empfehlen uns dann eine Therapie oder auch die Verlegung in eine Spezialklinik wie Dresden.

Behandlung mit Blutverdünner

Wie sieht eine Therapie aus?

Bei einer Durchblutungsstörung kommt die sogenannte Lysetherapie infrage. Dabei wird ein Blutverdünner gespritzt, um ein Gerinnsel aufzulösen. Dadurch kann allerdings eine Hirnblutung ausgelöst werden. Zwar nur in weniger als zehn Prozent der Fälle, aber das muss bedacht werden. Deswegen wird diese Therapie nur relativ kurz nach einem Schlaganfall angewendet. Wenn bereits mehr als ein halber Tag vergangenen ist, bringt die Lyse nichts mehr, weil das Gehirn schon zu stark geschädigt ist. Wenn die Symptome nur gering sind, zum Beispiel ein leicht hängender Mundwinkel, wird Risiko gegen Nutzen abgewogen. Auf jeden Fall gibt es nach 24 Stunden oder in Abhängigkeit vom klinischen Verlauf der Erkrankung eine Kontroll-CT.

Was passiert bei einer Hirnblutung?

Dann erfolgt unter anderem in Abhängigkeit von Größe und Lokalisation der Blutung ein neurochirurgischer Eingriff. Das Hämatom, also die Blutung, wird abgesaugt. Oder ein Teil des Schädelknochens wird vorübergehend entfernt, um Druck vom Gehirn zu nehmen und es abschwellen zu lassen. Generell erholen sich Patienten von einer Hirnblutung aber oft nicht gut. Es ist die dramatischste Form des Schlaganfalls und die gefährlichste.

Das eine ist die Erstbehandlung, aber was geschieht dann?

Normalerweise bleiben die Betroffenen eine knappe Woche im Krankenhaus. Dann sollten sie schnellstmöglich mit einer neurologischen Rehabilitation beginnen. In der Klinik und der Reha spielen Physio-, Ergotherapie- und auch Logopädie eine wichtige Rolle. Durch Logopäden wird zum Beispiel festgestellt, ob eine Schluckstörung vorliegt.

Was ist mit den berühmten Selbstheilungskräften des Körpers?

In den ersten sechs Wochen nach einem Schlaganfall können spontan, auch ohne Therapie, Verbesserungen auftreten. Das Gehirn stellt sich dann um, andere Zellen übernehmen, zwar vielleicht eingeschränkt, bestimmte Funktionen. Allerdings klappt das mit Beübung deutlich besser.

Rauchen erhöht das Risiko

Wer ist Schlaganfall-Kandidat?

Bei Menschen mit Bluthochdruck oder Diabetes ist das Schlaganfallrisiko höher, als bei Personen, die davon nicht betroffen sind. Wer raucht, hat ein zwei- bis dreimal so hohes Risiko. Auch Übergewicht, Drogen- und Alkoholkonsum können dazu führen. Durch dies kann eine Arteriosklerose, eine entzündliche Gefäßverdickung ausgelöst werden. Patienten mit Vorhofflimmern, also einer Herz-Rhythmus-Störung sind ebenfalls eher betroffen. Auch eine Embolie kann zum Schlaganfall führen. Dabei wird ein Gerinnsel mit der Blutbahn weggeschwemmt und kann an anderer Stelle eine Durchblutungsstörung auslösen.

Womit kann man einen Schlaganfall verwechseln?

Zum Beispiel mit Ausfällen, die eine Migräne begleiten können, mit Krampfanfällen oder auch den Auswirkungen einer Borreliose.