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Bautzen

Zeitarbeit verliert an Zugkraft

Die Zahl der Jobs in der Branche sinkt stetig – für Unternehmer zu schnell, für Gewerkschafter zu langsam.

Noch vor einigen Jahren warb die Zeitarbeitsbranche mit eigenen Messen um Personal, inzwischen ist die Zahl freier Stellen rückläufig.
Noch vor einigen Jahren warb die Zeitarbeitsbranche mit eigenen Messen um Personal, inzwischen ist die Zahl freier Stellen rückläufig. © dpa/Martin Schutt

Bautzen. Der Rückgang ist nicht dramatisch, aber auffällig. Es genügt ein Blick auf die Beschäftigungszahlen in der Oberlausitz, um festzustellen: Die Rolle der Zeitarbeit sinkt. Ende September 2018 – aktuellere Zahlen hat die Arbeitsagentur Bautzen nicht – standen in der Region in allen Berufen insgesamt 202 529 Frauen und Männer in Lohn und Brot, 1 679 mehr als zwölf Monate zuvor. Den größten Zuwachs an Jobs seit September 2017 meldete das verarbeitende Gewerbe, zu dem unter anderem Berufe wie Mechaniker, Schlosser, Schweißer und andere gehören. Hier gab es binnen zwölf Monaten ein Plus von 1 153 Arbeitsverträgen. Im gleichen Zeitraum sank die Zahl der Jobs in der Zeitarbeit um 1 194.

Als sich das Jahr 2018 mit rund 200 weniger offenen Zeitarbeitsstellen verabschiedete als 2017, kommentierte das der Bautzener Arbeitsagenturchef Thomas Berndt so: „Das spricht dafür, dass viele Unternehmen wieder mehr auf dauerhafte Festanstellungen setzen als auf Jobs auf Zeit. Sie wollen mit festen Arbeitsverträgen ihre guten Leute halten.“ Im Februar dieses Jahres passierte dann etwas, was es in der Oberlausitz lange nicht gegeben hatte: Eine andere Branche, nämlich das verarbeitende Gewerbe, meldete mehr freie Stellen als Zeitarbeit. Zwar holte sich der langjährige Branchenprimus den Spitzenplatz inzwischen zurück, aber nicht mehr mit solchem Vorsprung wie in vergangenen Zeiten. Aktuell meldet die Zeitarbeit 964 freie Stellen, das verarbeitende Gewerbe 812.

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Wachstumsprognosen gehen nach unten

Für Thomas Hetz kommt die Entwicklung nicht überraschend. Er ist der Hauptgeschäftsführer des Bundesarbeitgeberverbandes der Personaldienstleister und sieht seine Branche „als Frühindikator für die wirtschaftliche Entwicklung“. Und momentan, so Hetz weiter, „senken fast alle Wirtschaftsinstitute die Wachstumsprognosen für 2019“. Wenn Unternehmen schwächeln, schicken sie zuerst ihre Leiharbeiter zu deren Stammfirmen zurück. „Und es ist Aufgabe der Zeitarbeitsunternehmen, für diese Mitarbeiter neue Einsätze zu finden“, sagt Thomas Hetz. „Angesichts der Personalengpässe auf dem gesamten Arbeitsmarkt sollte das auch in den meisten Fällen gelingen – es sei denn, wir geraten in einen richtigen Abschwung.“

Für viele Unternehmen bleiben Leiharbeiter eine Reserve, auf die sie nicht verzichten möchten. Wie die KNB Kunststoffwerk Neuteichnitz Baier GmbH. Geschäftsführer Marc G. Baier möchte immer „einen gewissen Prozentsatz mit Zeitarbeitskräften besetzen, weil wir als Zulieferbetrieb von Schwankungen abhängen, die auch teilweise nicht von uns zu beeinflussen sind“. Gerade mache das Unternehmen am Bautzener Stadtrand eine unerwartete Durststrecke von einem halben Jahr durch. „Durch den Abbau von Leiharbeitskräften mussten aber keine betriebsbedingten Kündigungen ausgesprochen werden.“

Auch die Max Aicher Bischofswerda GmbH & Co. KG findet Zeitarbeit unverzichtbar, erklärt Geschäftsführer Ulf Mildner. „Auch wenn wir geeignetes Personal viel lieber selber einstellen, so hilft uns die Zeitarbeit bei Abarbeitung von Auftragsspitzen. Gleichfalls greifen wir gern auf die Zeitarbeit zurück, wenn durch Krankheitsfälle Kapazität in der Fertigung fehlt.“

Zeitarbeit bleibt fest Größe

In den Augen von Jan Otto, Ostsachsen-Chef der Industriegewerkschaft Metall, hat „der immer stärker zunehmende Fachkräftemangel auch die Leiharbeit erreicht. Die Unternehmen würden gut daran tun, Fachkräfte über Festanstellungen zu sichern. In Teilen passiert das auch.“ Die IG Metall habe sich „auf die Fahnen geschrieben, die Betriebe mit einer Leiharbeitsquote von maximal 15 Prozent zu versehen. Beginnen werden wir bei Accumotive in Kamenz.“

„Zeitarbeit ist auch weiterhin eine feste Größe am Arbeitsmarkt in Ostsachsen“, resümiert Agenturchef Thomas Berndt. „Starke Zuwächse wie in zurückliegenden Jahren können jedoch nicht mehr verzeichnet werden.“