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Zeitreise über die Elbe

Gestern legte die „Clara von Assisi“ zu ihrer ersten Fahrt der Saison ab. An Bord: Rentner, Kaffee und ein Alleinunterhalter.

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© hübschmann

Von Dominique Bielmeier

Lutz Wagner – blaue Jeans, roter Pullover, dunkle Schiffermütze – beugt sich zu dem älteren Herrn in einer der Bankreihen vor. „Falls wir offsetzen, müssen Sie eben helfen“, ruft er gut gelaunt in sein Mikrofon. „Haben Sie gedient?“ Die 30 Gäste auf der „Clara von Assisi“ brechen in Gelächter aus. Und noch etwas ist gebrochen: das Eis.

Eigentlich ist Wagner Gastronom, ihm gehört die Elbklause, die am rechten Elbufer in der Morgensonne rosa leuchtet. Ab heute hat er noch einen zweiten Beruf: Er ist Matrose und Entertainer auf dem Fahrgastschiff, das von Niederlommatzsch aus zu Touren bis nach Pillnitz startet. Heute geht es nur durch die Elbweindörfer Diesbar, Seußlitz und Hirschstein. Ein Stück die Elbe hoch, ein Stück die Elbe runter und zurück zum Heimathafen. Das ist die kürzeste Strecke, die angeboten wird. Eine Stunde dauert die Rundfahrt, 7,50 Euro kostet sie. An diesem Morgen hat sich eine Reisegruppe aus Limbach-Oberfrohna für den Ausflug entschieden. Eine Rundfahrt „mit heiteren Erläuterungen“ verspricht die Website der Elbklause. Die Fahrgäste werden nicht enttäuscht.

Während der Schiffsmotor leise vibriert und die „Clara“ sich um Punkt 10.30 Uhr fast unmerklich vom Ufer entfernt, läuft Wagner zu unterhalterischer Hochform auf. „Wissen Sie, was Geigenkasten auf Spanisch heißt?“ fragt er und gibt gleich einen Tipp: „Fidel ...“ – „Castro“ schallt es ihm entgegen. Wie er darauf kommt? Jens-Erik Beier, Schiffseigner und Kapitän, war früher mal Matrose bei der Hochseeflotte der Deutschen Demokratischen Republik und transportierte unter anderem spanische Orangen. Das beeindruckt die Ausflügler. Als sie erfahren, wie alt ihr Kapitän ist, ruft ein Mann: „49 ist doch kein Alter!“

Es ist eine Ortsgruppe der Volkssolidarität, die sich an diesem Morgen auf der „Clara“ eingeschifft hat. Geschätztes Durchschnittsalter: 60 plus. Wagner weiß genau, wie er sie ködern kann. Während seine Gäste Kaffee, heiße Schokolade oder Bier trinken, erzählt er nicht nur viel zu den Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke – dem Tierpark Hebelei, der Heinrichsburg, wo der Musikantendampfer gedreht wurde, oder dem Schloss Hirschstein. Er spricht auch über die gemeinsamen Erinnerungen an die DDR. „Ohne Gaffe geht gar nichts“, sagt er über die Carepakete aus dem Westen. Und er erzählt die rührende Geschichte seiner Großmutter, deren Mann im Krieg gefallen ist. Ihre sechs Kinder musste sie allein großziehen. „Und alle haben studiert – ohne Vater!“, sagt Wagner anerkennend. „Das wäre im Westen gar nicht möglich gewesen.“ Als das Schiff das erste Mal kehrt macht, fragt er: „Und, wie sind Sie klargekommen mit der Wende?“

Trotz der Scherze verliert Wagner auch die Umgebung nicht aus dem Blick. Während die „Clara“ mit 12 Stundenkilometern ruhig über die glitzernde Elbe gleitet, spricht ihr Matrose über die Geschichte des Barockschlosses Seußlitz, erklärt den Verlauf der Via Regia und kommt sogar kurz auf die NSA-Affäre zu sprechen: „Das sind die, die in unsere Computer nei gucken.“

„Er weiß viel, ist aber auch lustig“, lautet das Fazit einer Teilnehmerin nach der Rundfahrt. Lutz Wagner selbst hört es nicht mehr. Er ist schon längst wieder an Bord der „Clara“ und gewinnt seine Zuhörer für sich.

Die „Clara von Assisi“ fährt bis Jahresende täglich. Neben der Tour durch die Elbweindörfer gibt es zum Beispiel Schlösser- oder Sommernachtsfahrten. Das Schiff kann auch gemietet werden. Es hat Platz für bis zu 75 Personen.

www.elbklause.de