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Zelte statt Zimmer

Im Dresdner Flüchtlingscamp an der Bremer Straße kehrt der Alltag ein. Wenn man es Alltag nennen kann, dass 800 Menschen provisorisch untergebracht sind. Ein Stimmungsbericht.

© davids

Von Tobias Wolf

Die Bremer Straße in Dresden-Friedrichstadt ähnelt an diesem Dienstag ein bisschen einer Flaniermeile, so viele Menschen laufen in Richtung Zentrum, um nur wenig später mit Einkaufstüten aus dem nahe gelegenen Aldi-Markt zurückzukommen - gefüllt mit Lebensmitteln. Es stockt mit der Essensverteilung im Lager. Deshalb geben viele Flüchtlinge ihr spärliches Taschengeld für Lebensmittel aus, weil sie sonst stundenlang für ein kleines Frühstück anstehen müssen.

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Sie kommen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan, Indien, Eritrea, Russland, Irak, Sudan oder dem Kosovo. Ein bunter Mix Flüchtlinge, der aus ganz unterschiedlichen Gründen sein Heil in Deutschland sucht und nun erst einmal im Zeltlager an der Bremer Straße ausharren muss. Die friedliche Ruhe ist trügerisch. Nach rechtsextremistischen Gewaltattacken am Wochenende hat es in der Nacht zu Dienstag in der Nähe des Lagers wieder Übergriffe gegeben.

Ahmad Ajam und seine Frau Soha Ali haben davon noch nichts mitbekommen. Die beiden 33-jährigen Syrer sind am Montagabend im Zeltcamp angekommen. Ein 25-Tages-Trip liegt hinter dem Ehepaar. Sie mussten ihre Heimatstadt Aleppo verlassen, die von den Terroristen des Islamischen Staats weitgehend zerstört worden ist. 25 Tage, in denen sie die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn passierten, um es bis nach Deutschland zu schaffen.

Als sie in München ankamen, wurden Bundespolizisten auf sie aufmerksam, kontrollierten die beiden Syrer und schickten sie weiter nach Augsburg. Sieben Tage später ging es weiter nach Sachsen. Als sie in Dresden ankamen, waren sie allein 15 Tage zu Fuß unterwegs gewesen, mit einem Gummiboot in der Ägäis zwischen der Türkei und Griechenland havariert und am Ende froh, im sicheren Camp zu sein.

Nun liegen gut 4 500 Kilometer zwischen dem heimischen Aleppo und der Dresdner Notunterkunft. Ahmad Ajam schmerzen die Beine immer noch. „Bei Kriegsausbruch haben wir unsere Jobs verloren“, erzählt seine Frau Soha. „Ich war Sekretärin, und mein Mann hat als Barbier gearbeitet.“ Ein Teil der Familie ist zurückgeblieben im Kriegsgebiet. Vor allem die Alten hätten es wohl nicht geschafft. Ihr 19-jähriger Neffe sei umgekommen, vielleicht, während er in der syrischen Armee diente. Die Umstände kennen die beiden Flüchtlinge bis heute nicht. Nur, dass ein Einschussloch in seiner Stirn klaffte, als man ihn fand. Nun hoffen Ahmad Ajam und Soha Ali auf eine feste Unterkunft - und die Chance, arbeiten zu können. „Es ist vollkommen egal, welchen Job wir machen“, sagt Soha. „Wir sind Arbeiter, uns kann man überall hinstecken.“

Der 14-jährige Ahmad Shah hat gut 6 500 Kilometer hinter sich. Zwei Monate hat die Reise über den Iran, die Türkei, Mazedonien, Serbien, Ungarn und Österreich gedauert. Zusammen mit seinem 18-jährigen Bruder Sedan ist der Teenager aus der Provinz Paktia in Afghanistan geflohen, einer Region an der Grenze zu den pakistanischen Stammesgebieten, die als Taliban-Hochburg gilt. Seit dem Abzug der Amerikaner im vergangenen Jahr steigt die Gewalt in der Region wieder massiv an.

Die beiden Jungs aus dem südasiatischen Land kennen fast nur Tod und Gewalt in ihrem Leben, lebten deshalb mit der Familie zeitweilig in Pakistan. Aber dort platzen die Flüchtlingslager aus allen Nähten, weil gut 1,6 Millionen Menschen Zuflucht im Nachbarland Zuflucht gesucht haben. Zwei Brüder, vier Schwestern und die Eltern haben sie nun in Afghanistan zurückgelassen. „Unser Vater hat uns gedrängt, nach Deutschland zu gehen, weil es hier viel sicherer ist und wir eine Zukunft haben“, sagt Ahmad Shah. Er will Deutsch lernen, seine Schulausbildung beenden und studieren - wenn er Asyl bekommt.

In der Zeltstadt geht es zunächst um das Allernötigste. Etwa 1 000 Dresdner haben in den letzten Tagen für die Flüchtlinge gespendet. 100 Ehrenamtliche koordinieren die Verteilung, sichten, sortieren und verpacken die Spenden in handliche Portionen. Das Deutsche Rote Kreuz hat dem Netzwerk „Dresden für Alle“ dafür Räume im Verbandsgebäude an der Bremer Straße zur Verfügung gestellt. Dort stapeln sich in Kisten und Säcken Kleidung, Schuhe und Kinderspielzeug. Mehrere Hundert Umzugskartons sind schon an die Flüchtlinge übergeben worden, sagt Dietrich Herrmann vom Netzwerk. „Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich bei uns gemeldet haben, um zu helfen.“

Auch Dolmetscher werden gesucht. 100 freiwillige Übersetzer haben sich registrieren lassen. „Für eine solche Zahl hätte das Innenministerium wohl erst einmal eine europaweite Ausschreibung machen müssen“, sagt Herrmann. Ohne die Ehrenamtlichen würde es im Camp wohl nicht mal auf dem derzeit niedrigen Niveau laufen. Denn das DRK betreut die Flüchtlinge mit rund 30 Mitarbeitern - nicht einmal ein Drittel der Zahl freiwilliger Helfer.

Lisa Jürgens hat zwei arabische Freunde mitgebracht. Die beiden jungen Männer übersetzen nun das Nötigste für die Neuankömmlinge. Drei Tage mit jeweils 15 Stunden sind sie schon im Einsatz gewesen, haben ankommende Asylbewerber im Bus begrüßt, Fragen zur Versorgung und den Schlafplätzen beantwortet oder einfach mit angepackt, wenn es etwas zu tun gab. „Für die Bewohner des Camps ist das ja auch keine einfache Situation“, sagt Jürgens, die eigentlich gerade ihre Studienabschlussarbeit schreibt. „Aber die Menschen sind so dankbar, obwohl ich doch eigentlich gar nicht so viel machen kann.“

Wer jetzt noch für die Flüchtlinge spenden will, kann sich vorher auf der Facebook-Seite des DRK-Kreisverbands Dresden informieren, was gebraucht wird. Gestern war es vor allem steriles Verbandsmaterial, weil viele Campbewohner nach den Strapazen der Flucht Fuß- und Hautverletzungen haben. In den nächsten Tagen wird dann das DRK die Verteilung der Spenden übernehmen.

Daniela ist mit ihren beiden kleinen Kindern zum Zeltlager gekommen, weil sie etwas für die Asylbewerber tun will. Auch der Nachwuchs soll wissen, was in seiner Stadt trotz der asylkritischen Pegida-Demos wirklich los ist. „Dabei demonstriert wohl ein Großteil Wendeverlierer“, sagt die 35-Jährige. „Ich habe schon versucht, mit einigen zu sprechen, aber wie die sich äußern, das ist keine Art und Weise. Die haben einfach Angst.“ Wovor, das kann sich die Lehrerin einer freien Schule jedoch nicht erklären. Sie würde Spielnachmittage mit Flüchtlingskindern anbieten, wenn sie benötigt werden. Damit die Kleinen etwas Ablenkung haben. „Es sind oft die kleinen Dinge, die gebraucht werden.“ Christine Scheibe und ihr kleiner Sohn haben wasserdichte Jacken im Gepäck. Die 37-Jährige wohnt mit ihrer Familie um die Ecke. „Angesichts des Wetters haben wir gedacht, wir bringen erst mal so etwas vorbei. Wenn wir wissen, was noch gebraucht wird, gucken wir noch mal in unseren Kleiderschrank.“ Dass eine Zeltstadt aufgebaut wurde, findet sie erschreckend und hofft, dass dies nur vorübergehend bleibt. „Das ist eigentlich nicht nötig, bei so viel leerstehenden Wohnungen in Dresden.“

Nicht alles läuft rund im Zeltcamp. Gut 800 Menschen sind dort inzwischen registriert, sagt DRK-Sprecher Kai Kranich. Doch bei der Versorgung scheint es zu klemmen. Einfache Medikamente sind Mangelware. Auch bei der Hygiene im Camp gibt es Probleme. Die Toiletten sind hoffnungslos überlastet und werden nach übereinstimmenden Angaben vieler Bewohner zu selten gereinigt. „Wir würden selbst Hand anlegen“, sagt ein 25-jähriger Syrer. „Aber wir bekommen keine Reinigungsmittel.“ Zudem locken die stinkenden Toiletten Mückenschwärme in die unmittelbar danebenstehenden Zelte. „Wir arbeiten daran“, versichert DRK-Sprecher Kranich. „Wir versuchen schon, in Polen Toiletten- und Duschcontainer aufzutreiben, weil der deutsche Markt komplett leer gefegt ist.“ Aber es handele sich bei dem Camp nun mal um eine Notunterkunft.

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Das Netzwerk „Dresden für Alle“ will die Koordination der ehrenamtlichen Helfer und die Verteilung der Spenden heute ans DRK abgeben. „Die politisch Verantwortlichen müssen erkennen, dass ein Zeltlager keine Lösung ist, sagt Netzwerksprecher Eric Hattke. „Es ist unzumutbar, so viele Menschen auf so engem Raum ohne jegliche Privatsphäre unterzubringen.“ Eine medizinische Grundversorgung, angemessene Hygienestandards und eine koordinierte Essensverteilung seien unabdingbar. Auch der Sächsische Flüchtlingsrat kritisiert die Errichtung des Camps. „Wir haben so viele leerstehende Wohnungen in Sachsen, wieso müssen Zeltstädte errichtet werden?“, fragt Geschäftsführer Ali Moradi. „Die Landesregierung hat hier versagt.“