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Zerstörte Kleingarten-Idylle

Eine beispiellose Serie von Vandalismus tobte in Görlitzer Sparten. Als hätten die nicht schon genug Probleme.

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© Nikolai Schmidt

Von Daniela Pfeiffer

Vom Waschbecken hängt nur noch ein Rest in der Wand, die Möbel umgeworfen, das ganze Bad zertrümmert. Das Schlimmste: Auf dem Boden liegen verstreut Spielsachen. „Wenn sie nur eingebrochen wären und etwas mitgenommen hätten. Aber hier alles kurz und klein zu schlagen und an die Sachen vom Kind zu gehen, das ist für uns noch schlimmer.“ Der junge Mann, der das sagt, ist Kleingärtner in der Görlitzer Gartensparte Neuland am Rand von Weinhübel. Seinen Namen möchte er nicht nennen, irgendwie ist da das Gefühl, die Familie schützen zu wollen. Nach immerhin drei Einbrüchen. Die Frau habe das alles ohnehin nicht so verkraftet wie er, würde am liebsten aufgeben. Aber er hat nun nach zwei Monaten endlich alles wieder halbwegs repariert.

Nichts ließen die Täter in dieser Gartenlaube ganz. Fotos: privat
Nichts ließen die Täter in dieser Gartenlaube ganz. Fotos: privat

Es waren wahre Zerstörungszüge, die die Sparte Neuland Anfang des Jahres erlebte. Zum ersten Mal kamen die unbekannten Täter um Silvester. „Beim Neujahrsgrillen bemerkten wir den ersten Einbruch“, erinnert sich Spartenvorsitzender Frank Fürll. „Aber dann in der nächsten Nacht haben sie 80 Prozent der Sparte nieder gemacht.“ In den 26 Jahren, in denen Fürlls hier ihren Garten haben, hätten sie so etwas noch nicht erlebt. „Es war der pure Vandalismus.“ Fenster waren heraus getreten, Pavillons umgeworfen, Rosen heraus gerissen, sogar eine Steinmauer umgerissen, Vogelfutter verteilt, mit dem Feuerlöscher waren sie durch die ganze Sparte gezogen und hatten den Inhalt versprüht. Auch das schmucke Vereinsheim blieb nicht verschont. Verschwunden ist so gut wie nichts. Selbst die Musikanlage, die in einer Laube fehlte, lag demoliert im Nachbargarten.

Deshalb haben die Gartenfreunde so ihre Vermutung, welches Klientel für diesen und auch den nächsten Zerstörungszug genau einen Monat später verantwortlich sein könnte. Und dass dabei Drogen und Alkohol im Spiel gewesen sein könnten. „So eine Zerstörungswut an den Tag zu legen, das geht fast nur unter Einfluss von Rauschmitteln“, glauben sie. Mehr Mutmaßungen wollen sie nicht anstellen, ermitteln soll die Polizei. Auch wenn sie sich ein paar Nächte selbst auf die Lauer gelegt haben – gebracht hat das nichts. Allerdings haben sie auch von der Polizei bislang nichts Positives gehört.

Frank Reimann, Geschäftsführer des Niederschlesischen Kleingärtnerverbandes, kennt solche Geschichten. Einbrüche seien immer Thema. „Aber so extrem wie im ersten Quartal dieses Jahres war es noch nie“, sagt er. Kummerau, Liebighöhe, Eschengrund, Sonnenhang – alles Sparten, die es besonders erwischte. Das Muster ist fast überall gleich: wenig Diebesbeute, dafür viel Zerstörung. Frank Reimann versucht nun alles, was in seiner Macht steht, damit die Folgen nicht so schwerwiegend sind. Denn das die Leute Angst haben, sich nicht mehr sicher fühlen und manch einer nach dem zweiten, dritten Einbruch die Schäden aus eigener Kraft nicht mehr beheben kann, liegt auf der Hand. „Wir stehen der Zerstörung machtlos gegenüber und bekommen keine Hilfe“, sagt Reimann. „Wir haben ohnehin schon in vielen Sparten mit immer mehr Leerstand zu kämpfen, die Kriminalität tut da ihr Übriges.“ Er sieht hier absolut die Stadt in der Pflicht und sprach deshalb auch beim jüngsten Stadtrat über die Probleme. „Die Stadt muss ihre Bürger schützen. Da gehören auch Kleingärtner dazu.“ So könnte sie mehr zur Außensicherung der Sparten beitragen. Dafür würden die Gärtner schließlich Pacht bezahlen. Zäune und Tore reparieren, neue Schlösser anbringen, all solche Dinge. Das haben die Gärtner der Sparte Neuland schon selbst in die Hand genommen. Sie sind dabei, das massiv zerbeulte Tor ganz zu machen, reden auch über Videoüberwachung. Dafür wollen sie zusammen legen, wenn alle einverstanden sind. Es soll wieder Ruhe in die Gartengemeinschaft, sonst würden die ersten die Segel streichen. Dabei soll eigentlich das Gegenteil erreicht werden: dass auch die letzten beiden leer stehenden Parzellen im Neuland verpachtet werden. Hier sind es zum Glück nur noch zwei. Woanders steht wesentlich mehr leer. Fast ein Zehntel aller Kleingärten in Görlitz. Zumindest könnte die Stadt einen Teil der Pacht, den sie von den Kleingärtnern bekommt, zurück geben – damit diese Geld für die Gestaltung von Gemeinschaftsflächen haben. Auch sollten die Kleingärtner nicht für leer stehende Gärten ihrer Sparte mit bezahlen müssen. „In anderen Städten ist das alles anders geregelt“, sagt Reimann. Dresden etwa gebe 20 Prozent der Pacht zurück. Auch in Niesky, für dessen Sparten Reimann ebenfalls zuständig ist, tue die Stadt mehr für ihre Kleingärtner.

Bürgermeister Michael Wieler hat Frank Reimann im Stadtrat zugesichert, wenn es eine Notsituation gibt, suche man gemeinsam nach Lösungen. Alles andere könne nur langfristig verbessert werden. „Der Leerstand verteilt sich ja auf viele Sparten. Vielleicht muss man einzelne auch schließen, eine gewisse Konsolidierung vornehmen, die der Bevölkerungsentwicklung angepasst ist.“ Das sei aber keine Sache von heute auf morgen, sondern müsse mit dem gesamten Flächennutzungsplan der Stadt abgestimmt werden. Zwei, drei Jahre werde eine grundsätzliche Klärung schon dauern.

Aber gegen Einbrecher hat die Stadt freilich auch kein Mittel. Damit müssen die Kleingärtner selbst klar kommen. Im Neuland jedenfalls haben sie Vandalen den Kampf angesagt. „Ich lasse mich von Kriminellen nicht klein kriegen“, sagt der junge Mann, den es so arg erwischte. Nur die Sorge, dass ihn die Versicherung irgendwann hoch stufe, die bleibt. Auf ein Wort