SZ +
Merken

Zerstörungswut im Schloss

Eingetretene Türen, zerschlagene Scheiben, Graffiti-Schmierereien – schon seit langem, vor allem nachts, hinterlassen Randalierer ihre Spuren am Schloss Sonnenstein. Mit robusten Methoden wird jetzt versucht, die ungebetenen Besuche einzudämmen.

Teilen
Folgen

Von Thomas Möckel

Das Bild gleicht einem Massenexodus: Unzählige Taubenkadaver liegen im Glockenturm der Kirche im Schlosspark Sonnenstein, ganze Rümpfe, einzelne Schädel. Manche sind halb verwest, einige total skelettiert. Die Kotschicht ist teilweise an die 20 Zentimeter dick.

Die gefiederte Plage musste sich nicht sehr anstrengen, um in ihren Unterschlupf zu gelangen: Über 50 Fenster in dem entweihten Gotteshaus sind kaputt, mehrere Türen eingetreten, im Dach klaffen mittlerweile große Lüftungsklappen – eine Folge von nächtlichen Umtrieben ungebetener Gäste.

Dieser Zustand ist inzwischen typisch für das ganze Schloss samt Park – wie ein Todeskandidat steht das historische Gemäuer am Abgrund. Und fast jede Nacht versetzen Randalierer dem leer stehenden Herrensitz weitere vernichtende Schläge. „Der Vandalismus ist derzeit unsere größte Sorge. Er hat jetzt ein Stadium erreicht, an dem es so nicht mehr weiter geht“, sagt Rolf-Dieter Stüllenberg, Projektmanager des Schlosseigentümers SMW Vermögenstreuhand GmbH & Co. Schloss Sonnenstein KG. Mittlerweile entpuppt sich das marode Gebäude als Schattenreich nächtlicher Langeweile.

Damit die unerwünschten Gäste im Dunklen etwas sehen, zündeln sie, wo es nur geht: In den meisten Zimmern liegen angebranntes Papier oder angesengte Stofffetzen. Zweimal ging die leichtsinnige Erleuchtung bereits schief: Im Januar 2000 und in der Nacht vom 21. zum 22. Juni 2003 brannte es lichterloh im Seitenflügel. „Die Situation ist langsam nicht mehr beherrschbar. Dabei investiert der Eigentümer so viel Geld, um alles zu sichern“, so Stüllenberg.

Rote Pfeile für

den Fluchtweg

Auch sonst ist es um das Schloss nicht sonderlich gut bestellt: Randalierer bogen Fenstergitter auf, rissen Heizkörper heraus, traten Türen ein, besprühten die Wände, zerschlugen Waschbecken – sie ließen fast nichts ungeschoren. Selbst überraschendem Besuch beugten sie vor: Eindringlinge sprühten rote Pfeile über die Türen, damit sie den Fluchtweg schneller finden. Auch Diebe machen vor dem Haus nicht Halt – seit einiger Zeit fehlen drei wertvolle Bleiglas-Scheiben aus dem ramponierten Schloss-Saal.

Erwischt wurde bislang noch niemand. Einzelne Kontrollen bringen, wie sie die Hausmeister machen, noch keinen Umschwung. Die Trefferquote tendiert künftig sowieso gegen Null: Die Hausmeister trauen sich nicht mehr allein in die unübersichtlichen Gänge.

Bei großen Rundgängen, die die Stadt gemeinsam mit der Sicherheitswacht und der Polizei im Stadtgebiet macht, spielte der Schlosspark Sonnenstein bislang eher eine untergeordnete Rolle. Zwar gehen die Sicherheitsleute jetzt öfter auf Streife, jedoch nur in der Innenstadt. Im Winter werden sie ganz eingestellt, weil nicht mehr so viel Leute draußen unterwegs sind. „Allein nur mit Streifen lässt sich das Problem auf dem Sonnenstein nicht lösen“, sagt der Pirnaer Ordnungsamtschef Enrico Voigt.

Obwohl die Straftaten in dem leer stehenden Gemäuer zunahmen, registrierte die Pirnaer Polizei keine zusätzlichen Anzeigen. „Vieles wird nicht gemeldet, weil die Täter sowieso nicht ermittelt werden können“, so Polizeisprecher Jörg Gäpel. Immerhin dreht der Bürgerpolizist regelmäßig im Schlosspark seine Runde und notiert die Personalien der Jugendlichen, die er dort trifft – zur Abschreckung. „Auch wir haben noch keine Lösung gefunden, wie wir den Vandalismus eindämmen können“, klagt Stüllenberg.

So bröckelt das Schloss weiter vor sich hin, Besucher schleichen in der Nacht weiterhin durch die Gänge. Denn bisher existiert keine schlüssige Alternative, die das Haus für ungebetene Besucher unattraktiv macht.

Zwar dokterte SMW lange an einem Nutzungskonzept herum, bislang allerdings ohne Erfolg. Mittlerweile arbeitet der Eigentümer an einem neuen Projekt. „Es ist jetzt Bewegung in die Sache gekommen. Aber in diesem frühen Stadium kann man noch nichts Konkretes sagen“, so Pirnas Baubürgermeister Eckhard Lang. Ein Vorschlag für das Schloss ist auf alle Fälle vom Tisch – das Haus wird kein Behördenzentrum. Zwar wollte das Landratsamt vor ein paar Jahren das historische Gemäuer nutzen – machte allerdings einen Rückzieher. Grund: Die Miete war zu teuer.

Deshalb beschränken sich die Hausmeister derzeit auf robuste Methoden, das verwaiste Schloss vorläufig zu sichern: Sie schrauben 2,5 Zentimeter dicke Spanplatten vor die Erdgeschossfenster – insgesamt 2,5 Tonnen.