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30 Jahre Wir

Hüter der verlorenen Dresdner Häuser

Ray van Zeschau ist Fotograf und Künstler. In sozialen Netzwerken dokumentiert er den Abriss von Dresdner Kulturdenkmalen.

Seit 2011 ist Ray van Zeschau gezielt mit seiner Kamera in Dresden unterwegs, um alte Gebäude zu fotografieren. Viele von ihnen sind wenig später verschwunden.
Seit 2011 ist Ray van Zeschau gezielt mit seiner Kamera in Dresden unterwegs, um alte Gebäude zu fotografieren. Viele von ihnen sind wenig später verschwunden. © Sven Ellger

Dresden verändert sich. Und das seit 30 Jahren. Seit der Wende hat sich das Stadtbild gewandelt, Altes wird abgerissen, Neues aufgebaut. Wer längere Zeit nicht auf dem Neumarkt war, staunt, was dort in wenigen Monaten alles entstanden ist. Schnell verschwinden die Bilder aus dem Kopf, wie es rund um die Frauenkirche früher einmal aussah. Noch schneller vergessen sind eher unbekannte Gebäude. Welche alten Fabriken gab es in Plauen, welche Wohnhäuser in Striesen? Kaum jemand erinnert sich daran, wie das abgerissene Gebäude aussah, bevor mal wieder ein x-beliebiger Kasten hochgezogen wurde. Einer, der die Erinnerung an diese verschwundenen Häuser bewahren will, ist Ray van Zeschau.

Der Musiker und Fotograf ist allerdings nicht nur auf den großen und bekannten Plätzen der Stadt unterwegs. Mit seiner Kamera fängt er vor allem Schnappschüsse von Häusern ein, an denen Bauschilder aufgestellt sind. Meist verraten diese schon, wie es um die Zukunft des Altbaus bestellt ist, wenn sie die Visualisierung eines modernen Neubaus zeigen. Nicht selten ist van Zeschau derjenige, der das letzte Foto eines alten Hauses macht, das schon wenige Wochen später nicht mehr existiert.

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In sozialen Netzwerken veröffentlicht der 55-Jährige diese Bilder, verbunden mit knallharter Kritik an Investoren und Behörden. Oft habe er beim Denkmalamt nachgefragt, ob der Abriss eines Hauses überhaupt beantragt und dann auch genehmigt wurde. Fast immer sei das schon zu spät gewesen, kurz darauf war das Gebäude weg. „Ob mit Genehmigung oder ohne abgerissen wurde – das Haus kommt nicht zurück.“ Was bleibt, sind seine Bilder.

Ende der 1990er-Jahre illegal abgerissen: Das denkmalgeschützte Hauptportal des Konsumvereins „Vorwärts“, der seinen Hauptsitz in der Rosenstraße hatte. Heute eine betonierte Zufahrt.
Ende der 1990er-Jahre illegal abgerissen: Das denkmalgeschützte Hauptportal des Konsumvereins „Vorwärts“, der seinen Hauptsitz in der Rosenstraße hatte. Heute eine betonierte Zufahrt. © Ray van Zeschau

Dabei ist es schon entmutigend, sagt er, wenn nur der letzte Schnappschuss bleibt. „Das soll kein Nostalgie-Ding sein“, erklärt der Dresdner Künstler seinen Facebook-Account „Verschwundenes Dresden“. Er wolle vielmehr die Chancen aufzeigen und mit den Fotos vor Augen führen, was möglich gewesen wäre mit diesen Gebäuden. „Das ist doch toll, sie haben den Zweiten Weltkrieg überstanden und den Verfall zu DDR-Zeiten – und sie standen Jahre nach der Wende immer noch da.“ Eine Zukunft hatten sie trotzdem nicht. Manchmal habe er das Gefühl, dass Eigentümer ihre Häuser absichtlich immer weiter verfallen lassen, obwohl die Bausubstanz mit einer Sanierung zu retten wäre. „Einen befreundeter Bauunternehmer hat mir erklärt, dass es nicht immer eine Frage des Geldes ist, ein Haus zu sanieren. Der Gewinn sei mit mehreren Wohnungen, die in einem Neubau später vermietet werden, einfach höher.“

Seit 2011 dokumentiert und kommentiert Ray van Zeschau, wo welche Gebäude verschwunden sind. Einen Anspruch auf Vollständigkeit beansprucht er dafür nicht, aber er bekäme regelmäßig Hinweise von anderen Dresdnern. Dann macht er sich in die Spur. Der Schlüsselmoment, der ihm die Augen für diese bedrohte Architektur geöffnet habe, sei ein Gespräch mit seinem mittlerweile verstorbenen Stiefvater gewesen. Den Dresdnern ist Wolfgang Hänsch gut bekannt, als Architekt des Kulturpalastes und des Hauses der Presse, als Mitgestalter der modernen Nachkriegsstadt.

 „Wir haben viel über Architektur gesprochen und darüber, was in Dresden seit der Wende alles passiert ist.“ Hat er das Gefühl, mit seiner Arbeit etwas erreicht zu haben? „Ob es wirklich etwas gebracht hat? Keine Ahnung.“ Vor dem Abriss könne er die Häuser vielleicht nicht retten, aber vor dem Vergessen. Was Ray van Zeschau aufgefallen ist: Die Menschen sind heute aufmerksamer, sie achten mehr darauf, wenn sich auf einem Grundstück etwas tut, Bäume gefällt und Bauschilder aufgestellt werden. Dann bekomme er mittlerweile mehr Hinweise und intensiveres Feedback auf seiner Facebook-Seite.

2016 stand es noch: eines der ältesten Gebäude und Kulturdenkmal der Dresdner Neustadt. Heute steht auf dem Grundstück in der Scheunenhofstraße 3 ein modernes Mehrfamilienhaus.
2016 stand es noch: eines der ältesten Gebäude und Kulturdenkmal der Dresdner Neustadt. Heute steht auf dem Grundstück in der Scheunenhofstraße 3 ein modernes Mehrfamilienhaus. © Ray van Zeschau

Wie viele Kulturdenkmale in Dresden seit 1989 ohne Genehmigung abgerissen wurden, ist unklar. Das Amt für Kultur- und Denkmalschutz habe sich ausführlich damit befasst, aber die Frage könne nicht beantwortet werden. Das liege daran, dass keine Statistik über Neuzugänge noch über abgerissene Gebäude, die der in der Liste der Kulturdenkmale eingetragen sind, geführt werde. Außerdem hätten sich die gesetzlichen Grundlagen in den letzten 30 Jahren grundlegend geändert. „Bloße Zahlen wären hierbei nicht sehr aussagefähig“, so das Denkmalamt. Zudem müsste unterschieden werden, ob der Abriss mutwillig geschehen ist, das Gebäude aufgrund des schlechten Bauzustandes entweder zusammengefallen ist oder dessen Erhaltung nicht zumutbar war. Dieser Aufwand könne nicht geleistet werden.

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Für van Zeschau ein Grund mehr, seine Facebook-Seite immer wieder mit Fotos, Artikeln, alten Dresdner Postkartenansichten zu beleben. Mehr als 9.000 Menschen verfolgen dort seine Aktivitäten, haben die Seite mit „Gefällt mir“ markiert und seine Einträge kommentiert. Diese zeigen, wie emotional die Dresdner mit ihrer Stadtbaugeschichte verbunden sind. Und wie bewegt, wenn ein Teil von ihr verschwindet.

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