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Zeughaus hat einen neuen Nachbarn

Wo kommt plötzlich der Teich vor dem Gasthof her? Den gab’s ja noch nie! Gab es doch. Und bald soll sich hier noch viel mehr bewegen.

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Von Hartmut Landgraf

Wer auf der Zschandstraße die Durststrecke vom Parkplatz an der Neumannmühle zum Gasthof Altes Zeughaus gern schnurstracks hinter sich bringt und in Sichtweite der Kneipentür stets eine gewisse Unlust entwickelt, nach rechts oder links zu schauen, hat es vielleicht noch gar nicht bemerkt: Links sieht es anders aus!

Das Zeughaus hat einen neuen Nachbarn bekommen. Der macht sich gegenüber vom Gasthof zwischen schlanken Hainbuchenstämmen und ockerfarbenem Sandsteingeröll in einem herbstbraunen Bett aus Laub breit: Wie von Zauberhand ist da ein Teich entstanden. Ein 40 bis 50 Meter langes und vielleicht zehn Meter breites, stilles, graugrünliches Gewässer.

Ein Teich, mitten im Großen Zschand! Das ist neu. Nicht vor fünf Wochen und auch nicht vor fünf Jahren hat es hier einen solchen Wasserspiegel gegeben. Allein das winzige Zschandbächel floss hier manchmal zwischen fetten Wiesenhalmen und allerlei Kräutern und Gestrüpp seiner Wege – wenn es denn mal floss. Nun aber ist aus dem Bachlauf eine ausgedehnte Badewanne geworden. Mit einem Fassungsvermögen von 150 Kubikmetern Wasser, wie Nationalparksprecher Hanspeter Mayr präzisiert.

Zum Baden freilich ist der Teich nicht da. Die geheimnisvolle Wandlung vor dem Gasthaus hängt mit einem Naturschutzprojekt der Nationalparkverwaltung zusammen, dass erst kürzlich vollendet wurde. Im Auftrag der Behörde hat ein Landschaftsbaubetrieb aus der Region – der Ehrenberger Landservice – eine bereits vorhandene Geländemulde ausgebaggert, mit einer 15 Zentimeter dicken Tonschicht abgedichtet und ihre Ränder mit einem lockeren Wall aus Sandsteingeröll befestigt. Der Teich, so erklärt Mayr, ist in Wirklichkeit kein Neuling, sondern ein recht alter Bekannter im Großen Zschand – der nun allerdings schon seit vielen Jahren fast trocken liege. Schon in den Sächsischen Meilenblättern von 1780 und einer topographischen Karte von 1872 sei der Teich nachgewiesen, wenngleich in unterschiedlicher Größe. Auf alten Postkarten und Fotos aus der Zeit vor 1940 ist das Gewässer ebenfalls zu sehen. Der wohl augenfälligste Beweis für seine lange Vorgeschichte aber steht in Form eines mächtigen Felsrückens gleich gegenüber vom Zeughaus. Der Hausberg des Gasthofs heißt „Teichstein“ – und zwar schon seit mindestens 1776, wie ein Flurnamenverzeichnis über die Sächsische Schweiz belegt.

Der Teich selbst sei schon im 15. Jahrhundert erwähnt worden, sagt Mayr. Früher sei das Gewässer auch bewirtschaftet worden. Als die Bauleute die Mulde wieder freilegten, fanden sie an ihrem Grund einen sogenannten „Mönch“ – so wird im Wasserbau das regulierbare Ablaufbauwerk eines Teiches bezeichnet, mit dessen Hilfe man den Wasserpegel einstellen kann.

Bewirtschaften will die Nationalparkverwaltung den Zeughaus-Teich allerdings nicht – und das Motiv für seine Wiederherstellung war auch nicht vordergründig heimatgeschichtlicher Natur. „Für uns ist das eine klassische Naturschutzmaßnahme“, sagt Mayr. In kurzer Zeit wird üppiges Grün die nackte, umgebrochene Erde an den Ufern des Gewässers zurückerobern, und in seiner Nähe wird sich bald allerlei Getier ansiedeln, das im Großen Zschand an anderer Stelle bisher nicht genügend Lebensraum fand: geschützte Arten wie Springfrosch, Grasfrosch und Erdkröte. Oberhalb und unterhalb vom Zeughaus gibt es laut Nationalpark-Artenspezialist Holm Riebe an einigen kleineren Tümpeln sogar Feuersalamander, die Pfützen trocknen im Sommer allerdings regelmäßig aus – als Laichgewässer wäre der Zeughaus-Teich somit eine wunderbare Ergänzung oder bessere Alternative für Amphibien aller Art.

Und vielleicht findet sich hier sogar die Ringelnatter ein. Ein bekannter Natur- und Heimatforscher hatte sie seinerzeit am Zeughaus vermutlich schon entdeckt. Wilhelm Leberecht Götzinger (1758-1818) beschreibt den Ort in einem seiner Werke wie folgt: „Gleich vor diesem Zeughause, über der Straße, ist ein mit Laubholz umwachsener Teich in welchem sich sehr große Schlangen aufhalten. Man hat deren geschoßen, die acht Pfund wogen, und es giebt immer noch größere...“

Ein naturnaher Lebensraum, um die genetische Vielfalt in der Sächsischen Schweiz zu erhalten und heimische Pflanzen- und Tierarten, deren Vorkommen erloschen sind, hier artgerecht wieder anzusiedeln – so ist der Zweck des Teichs in einem Schriftstück der Nationalparkverwaltung beschrieben. Und vielleicht erweist er sich ja auch beim nächsten stärkeren Regenguss als ganz nützlich, denn eine zumindest begrenzte Rückhaltewirkung könnte er mit seinem Fassungsvermögen durchaus entwickeln.

Die ersten Wanderer haben das kleine Gewässer auch schon entdeckt und sind recht angetan. Er sei eine „Bereicherung im Zschand“, wird der neue, alte Nachbar des Zeughauses in einem Internetportal der Szene begrüßt.